Auf in den Süden

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25. Juli, Hanoi

Morgens um 04:30 Uhr erreicht unser Zug Hanoi. Wir sind todmüde und am Ende unserer Kräfte. In einem kleinen Shop am Rande des Bahnhofes stellen wir unser Backpack ab und zwingen uns zu einem Frühstück und ein paar Kaffee. Der feuchte Smog Hanois hat uns wieder. Es fängt an zu regnen! Und wie es regnet! Wir ergattern ein Taxi und machen uns auf den Weg zum Serenity-Hotel und checken noch einmal für einen halben Tag ein.
Früh morgens unterwegs durch das in Regen gehüllte Hanoi:
Hin und wieder vereinzeltes Hupen, alte Frauen, die ihre Morgengymnastik machen, die ersten Menschen huschen geschäftig umher. Durch die Scheiben des Taxis sehen wir, wie die Stadt erwacht. Ich schlafe fast ein.Wir rasen durch eine der unzähligen Gässchen, als es plötzlich neben mir laut hupt. Zwei Männer auf einem Roller: Der Fahrer gestikuliert wild und verfolgt unser Taxi anschließend durch die Straßen. Wir werden jetzt durch Wutschreie und wildes Hupen begleitet. An einer Kreuzung droht der Fahrer des Motorrollers unserem Taxifahrer durch die Scheibe und bringt ihn dadurch zum Stehenbleiben. Von dem aggressiv-wütenden Gebrüll des Rollerfahrers eingeschüchtert, öffnet der Taxifahrer schließlich das Fenster. Großer Fehler! Unser Fahrer darf daraufhin eine ordentliche Tracht Prügel einstecken. Wenn das in Hanoi die Strafe für aggressives Fahren ist, ist der Lerneffekt auf jeden Fall nachhaltig.
Nach einem kleinen Nickerchen im Hotel, machen wir uns wieder auf den Weg in die Stadt, um mir ein neues Notizbuch zu kaufen. Dafür müssen wir aber erst einmal einen Buchhändler finden. In Hanoi ist das gar nicht so einfach. Denn wie bei jedem Gewerbe haben auch die Bücherverkäufer hier ihre eigene Straße. Um ein Buch zu kaufen, muss man diese finden. Aber natürlich liegt sie von unserem Hotel aus gesehen, auf der anderen Seite der Altstadt und wir brauchen über eine Stunde, bis wir sie gefunden haben. Hat man in Hanoi einmal die Straße des Gesuchten, in unserem Fall die der Buchhändler gefunden, erwartet einen immer ein Überangebot. Tausende Läden, die alle den exakt gleichen Nippes verkaufen. Findet man sie jedoch nicht, kann man Tage, wenn nicht gar Wochen nach einem Buchhändler suchen, man wird nirgendwo in Hanoi einen finden.

Mein Versuch Geld abzuheben scheitert.
Normalerweise hebe ich sinnvollerweise meist mehrere Million VND gleichzeitig ab.
Eine Millionen Dong sind auch gerade einmal 40€. Manchmal gehen nur 300.000 VND, aber jetzt geht garnichts mehr. Ich versuche es bei drei oder vier Banken. Am Ende muss ich mir Geld von Dominic leihen. Wie beschissen. Aber immerhin. Es wird eine Woche dauern, bis ich wieder an mein Geld komme.

Da wir unseren Zug nach Dong Hoi erwischen müssen, haben wir keine Zeit mehr, um zu Abend zu essen, und kaufen stattdessen unser Menü an den Garküchen am Straßenrand zusammen. In der Altstadt steuern wir eine Straßenecke an, die wir bereits kennen. Dort steht immer eine alte Dame und verkauft abends gegrillten Schweinebauch – den besten der Welt. Dazu gibt es noch ein wenig Gemüse und ,nachdem wir ein letztes Mal aus dem Serenety ausgecheckt haben und das regelmäßige Klackern des Zuges schon in den Ohren haben, machen wir uns in unserem Zugwagen darüber her.Der Zug ist wesentlich rustikaler als der, der uns in die Berge gebracht hat. Ich mag das Flair dieser alten Züge. Wir reisen 2.Klasse Schlafwagen und auf den obersten Pritschen schlafen still zwei Chinesen vor sich hin. Unser Gegenüber ist ein nettes älteres Paar aus den Philippinen. Obwohl es erst 6 Uhr abends ist, dösen wir beide auf unseren Hängepritschen ein und, als ich um 9 Uhr wieder aufwache, ist Dome ausgeflogen. Er kommt aber kurz darauf wieder und wir ziehen in den Speisewagen um, in dem trotz der vielen Rauchverbotsschilder wie üblich fröhlich gepafft wird. Wir bestellen noch ein zweites Abendessen und als der Tisch sich dann mit leeren BaBaBa (333) Dosen füllt, prostet uns ein Vietnamese mit seiner Flasche Schnaps zu.
Am Tisch gegenüber gibt er gerade eine Runde aus, wir sind aber zu müde und schleppen uns wieder zurück auf unsere Schlafpritschen.

 

26.Juli, Dong-Hoi

Als morgens um sieben Uhr unser Wecker geht, sind wir 600km weiter südlich und ziemlich kurz vor Dong Hoi. Als wir die bremsen quietschen hören, also gleiches Spiel: Rucksäcke auf, durch den Gang und raus! Vor dem Bahnhofsgebäude ist ein kleines aber ziemlich volles Café und obwohl wir noch früh am Tag haben, ist es ziemlich voll. Unter einem Vordach sitzen viele alte Herren.Sie trinken Tee und werden von flinken minderjährigen Kellnern bedient. Sie alle schauen uns an, als wir uns einen Tisch nehmen und uns dazu setzen. Auf einer riesigen Tafel an der Theke sind alle Getränke mit Preisen aufgemalt. Es ist viel günstiger als in Hanoi und wir kennen uns mittlerweile auch schon ein bisschen aus.
Zwei Eiskaffee bitte! Der vorgebrühte Espresso wird dafür mit etwas grünem Tee aufgegossen, gesüßt und in einem großen Glas mit einem Haufen Eis serviert. Das ganze gibt es in verschiedensten Versionen. Die Kondensmilch hier schmeckt mir aber nicht und bei bereits 26° morgens im Schatten bevorzuge ich die geeiste Version.
Fand ich die gesamten vietnamesischen Kaffeekreationen am Anfang doch sehr eigenartig, glaube ich mittlerweile, dass ich das Zeug in Deutschland wahnsinnig vermissen werde.

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Lange Rede kurzer Sinn: Nachdem wir das Café verlassen haben, folgen wir zu Fuß unserem Bauchgefühl. Das Bauchgefühl bringt uns leider aber in ein Wohnviertel mit etlichen Sträßchen und Sackgassen und eben nicht näher in Richtung Meer. Als wir in dem Wohnviertel dann aber in einem umgebauten Garten stolpern, dort erneut einen Kaffee trinken und uns dazu noch grüner Tee gereicht wird, finden wir die Tatsache, dass wir uns völlig verlaufen haben, eigentlich nicht mehr sonderlich dramatisch. Wir haben doch noch den ganzen Tag vor uns und gerade ist es eigentlich ganz nett.

Eine Stunde später stehen Domenic und ich an einer Kreuzung und versuchen bereits seit zehn Minuten ein Taxi anzuhalten. Nach unzähligen Misserfolgen hält endlich eines an. Wir wollen zum Strand oder zum Meer oder sonst wo hin, jedenfalls erst einmal weg aus dem Bahnhofsviertel. Nach einem ziemlichen Hin und Her mit dem Taxifahrer fahren wir dann auch endlich los. Eher zufällig fahren wir an unserem Hotel vorbei und checken für 550.000 erst einmal ein. Von unserem Balkon im 7.Stock kann man über die ganze Bucht Dong-Hoi’s und über ein paar Hafenanlagern am Südchinesischen Meer blicken. Auf der Straße bis hoch zu unserem Fenster schwebt ein riesiger Libellenschwarm. So viele auf einem Fleck, ja fast schon eine Wolke, habe ich auch noch nie gesehen. Nachdem wir geduscht haben, machen wir uns auf den Weg zum Strand, dem wir dann über eine Stunde stadtauswärts folgen. Die Gegend ist schön und menschenleer. Nach einiger Zeit sehen wir am Rande des Strandes dann eine etwas verlassen aussehende Strandbar. Ich lege mich in eine Hängematte und trinke mit Domenic ein Bier. Der Besitzer, er ist Fischer, ist sichtlich interessiert und setzt sich zu uns. Die sprachliche Schnittmenge mit dem älteren Herrn ist gleich null, aber seiner Motivation tut das keinen Abriss. Es gibt viel zu lachen und wir tauschen mit einem Schreibblock und wilder Gestikulation allerhand Informationen aus. Da er Fischer ist, verkauft er uns auch gleich noch ein halbes Kilo Muscheln – frisch gefangen und zubereitet. Nachdem der ältere Herr von Domes Beruf bis hin zum Namen meines Vaters alles von uns weiß, verabschieden wir uns, um noch etwas am Strand zu flanieren. Das Wasser ist Badewannenwarm und als wir vom Baden kommen, fallen wir direkt auf unsere Handtücher und schlafen ein.

Der eigentliche Grund für unseren Aufenthalt in Dong Hoi ist eine Geschichte, die uns ein Backpacker in einer Bar erzählt hat. Sie handelte von einer Beachparty, total verrückten Touristen und davon, dass er in einem Resort am Strand von Dong Hoi alles ausgegeben bekommen hätte. Im Nachhinein verstehe ich nicht wirklich, warum wir uns von dieser doch recht mittelmäßigen Geschichte so haben beeinflussen lassen und jetzt in dieser nicht gerade malerischen Industriestadt gelandet sind, aber nun, was soll‘s.
Abends auf dem Weg entlang der Uferpromenade werden wir von allen Passanten ungläubig angeschaut. Wir sind allem Anschein nach wirklich die einzigen Langnasen weit und breit.
Nach einiger Zeit kommen wir an Ständen und kleinen Garküchen vorbei, die allerlei fremde Speisen anbieten. Überall auf der Promenade stehen bunt zusammengewürfelte Plastikstühle und Tische. Es ist recht voll, aber wir können dann doch einen pinken Tisch direkt am Ufergeländer ergattern. Es scheint überwiegend Fischgerichte zu geben und wir entscheiden uns für einen mittelgroßen Fisch, der auch alsbald in Sichtweite auf einem Grill landet. Wir sitzen so da, ich beobachte das Treiben auf der Straße und die vielen Menschen, die uns beobachten. Hin und wieder fällt ein Stück Essen die Kaimauer hinab und ich kann den Ratten beim Streiten zusehen. Wir trinken 2-3 Bier und probieren von dem eher schlammig schmeckenden Fisch.

Um zum Resort zu kommen, gehen wir über eine rosafarbene Brücke, auf der es in der Mitte bestialisch stinkt. Trotz des Gestanks ist die Brücke voll von einheimischen Jugendlichen, die ihren Abend hier zusammen verbringen. Das mit dem Gestank ist wohl so ein Kultur-Ding. Die Brücke überspannt den Fluss, auf dessen anderer Seite gerade ein kleiner Tante Emma Laden schließt. Der Besitzer spricht komischerweise deutsch, er hat in der DDR studiert und empfiehlt uns ein günstiges Hotel ein Stück weiter die Straße herunter.

Das Hotel sieht verschlossen aus, aber als ich die Eingangstür öffne, ist der ganze Boden vollgestellt mit Schälchen und essenden Vietnamesen. Die Familie sitzt im Kreis auf dem Boden und als ich die Gruppe auf Englisch nach einem Zimmer frage, passiert zehn Sekunden lang nichts, absolute Stille kehrt ein und keiner isst mehr. Die ganze Gruppe schaut mich an.
Dann plötzlich quasseln alle durcheinander und ein Mädchen springt auf und rennt die Treppen hinauf. Dome steht inzwischen, das Bier in Tüten haltend, im Eingang und beobachtet die Szenerie aufmerksam. Während die vietnamesische Gesellschaft uns gar nicht mehr beachtet, und munter weiter mampft, schauen wir uns fragend an.
Doch dann kommt das Mädchen die Treppe wieder hinunter. Sie hat einen Jungen im Schlepptau, der uns durchs Haus führt und uns ein Paar Zimmer zeigt. Die Zimmer sind in Ordnung und verglichen mit unserem jetzigen kosten sie mit 300.000 Dong fast die Hälfte. Als Dome und ich dann über den Preis reden, steigt der Vietnamese nun plötzlich ebenfalls auf Deutsch ins Gespräch ein und signalisiert uns, dass es günstiger nicht ginge. Wir reservieren trotzdem für den nächsten Tag und wundern uns einmal mehr.

Unser Ziel, das Resort, ist der reinste Flopp. Die Gäste sehen für mich alle wie Status-Idioten aus und die Stimmung ist künstlich. Während wir einen ausnahmslos guten Gin-Tonic trinken, beobachten wir von unserem Platz aus das Unterhaltungsprogramm und die Gäste des Resorts. Es gibt Billo-Pop und Vollklore, perfekt abgestimmt auf das einheimische Publikum. Die Gäste lieben es und wir gehen. Eigentlich auf der Suche nach Party, entscheiden wir uns nun um. Wir wollen etwas kiffen und dann nackt baden.

Auf dem Rückweg und wieder auf der anderen Seite der Brücke auf der Promenade in Richtung Hotel angekommen, laufen wir an einer größeren Gruppe vietnamesischer Jugendlicher vorbei. Es sind ungefähr ein Dutzend. Sie sitzen auf der Uferpromenade ausgelassen auf kleinen Hockern im Kreis. Beim Vorbeigehen grüße ich sie und so kommen wir ins Gespräch. Sie laden uns dazu ein, uns zu ihnen zu setzen und organisieren uns noch zwei Hocker. Da es in der Runde keinen gibt, der einigermaßen passabel englisch sprechen könnte, gibt es viel zu lachen. Begleitet von einem kleinen Glas, geht immer eine Flasche Bananenschnaps herum. Sie geht immer im Kreis und wenn sie bei einem ankommt,
muss man trinken. Nein sagen gibt es nicht – Chin Chin. Als der Bananenschnaps zur Neige geht, wird in der Gruppe zusammengelegt und einer steigt auf seinen Roller um neuen Stoff zu holen. Wir wollen uns natürlich beteiligen, aber uns wird schnell klar gemacht, dass wir Gäste seien und Gäste zahlten ja schließlich nicht. Nach einiger Zeit haben alle ordentlich einen sitzen, es wird immer lustiger und wir werden immer lauter. Die ganze Zeit werden die sexuellen Anspielungen dabei immer offensichtlicher. Neben mir sitzt ein sehr gut aussehender und durchtrainierter Vietnamese der sich genau wie die anderen versucht mit mir zu unterhalten. „Bumm Bumm“, ob ich das kennen würde? Anfangs verstehe ich nicht, oder will nicht verstehen. Dabei wird es immer offensichtlicher, es geht um Sex, es geht um Sex mit mir. Eine Mischung aus Unsicherheit, Verwirrung und vielleicht unangemessener Loyalität gegenüber Domenic, lässt mich die so offensichtlichen Anspielungen nicht verstehen. Der Hübscheste von ihnen fragt mich, ob ich nicht mit ihm gehen wolle, er müsse aber jetzt auch bald los. Ich habe mich aber leider weiter auf blöd gestellt und bin am Ende nicht mitgegangen. Er war der Leuchtturmwärter von Dong-Hoi. Ziemlich schade, Sex mit dem Leuchtturmwärter von Dong-Hoi unter dem Sternenhimmel des Südchinesischen Meeres. Sex im Leuchtturm wäre echt eine Erinnerung für die Ewigkeit gewesen. Dieser verpassten Gelegenheit traure ich, etwas romantisch verklärt, heute immer noch ein wenig nach.

Nachdem mein Leuchtturmwärter gegangen ist, sitzen wir noch eine gute Stunde mit den Jungs zusammen. Das Kommunikationsproblem löst sich irgendwann im Bananenschnaps auf und wir lachen noch viel. Nur verstehe ich nie etwas wenn es um „Bumm Bumm“ geht.
Als Dome und ich wieder zu unserem Hotel zurückgehen wollen, wird dann alles weggeräumt und in einem kleinen Laden auf der anderen Straßenseite verstaut. Die Jungs wollen uns zum Hotel bringen. Bei sternenklarer Nacht sausen wir auf den Motorrollern die Küstenstraße entlang. Der Fahrtwind weht in meinen Haaren und ich klammer mich an meinen Fahrer fest. Es ist einer dieser richtig guten Momente. Am Hotel angekommen, muss ich die Idee meines Fahrers, mit auf mein Zimmer zu kommen, dann aber leider enttäuschen und wir verabschieden uns. Dome und ich sehen die Roller noch am Ende der Straße knatternd um die Ecke biegen. Mit einem Handtuch bewaffnet aber etwas schläfrig, stehen wir fünf Minuten später völlig betrunken wieder vor unserm Hotel. Wir wollten ja noch nackt baden.

27.Juli

Mit einem leichten Kater wachen wir am nächsten Tag auf, duschen uns und verlassen mit Gepäck unser Hotel. Der Weg führt uns wieder an der Promenade vorbei, über die Brücke hin zu unserem neuen Hotel. Jetzt bei Tag können wir uns den nächtlichen Gestank auf der Brücke und den schlammigen Geschmacks des Fisches von gestern erklären. Wenn der aus dieser Kloake kam, war der Schlammgeschmack noch sicher das gesündeste an ihm.

Nachdem wir die Rucksäcke auf unser neues Zimmer gebracht haben, komme ich als erstes wieder herunter, denn Dome braucht noch etwas Zeit. Im Empfangsbereich ist nicht viel los und irgendwie habe ich das Gefühl, als würde sich in diesem Hotel einzig die Familie selbst beherbergen. Als Dome dann schließlich nach zehn Minuten auftaucht, habe ich schon bei einer Vietnamesin, die mit Ihrem deutschen Mann hier Urlaub macht, in Erfahrung gebracht,
wo es in Dong Hoi gutes vietnamesisches Essen gibt.
Sie spricht perfekt Deutsch und hat mir angeboten, uns gleich mit ihrem Roller abzuholen. Sie muss nur noch ihren Mann und den Sohn wegbringen. Eine Viertelstunde später sitzen Dome, die Vietnamesin und ich zu Dritt auf dem Roller in Richtung Stadtzentrum und fahren wieder einmal über die Brücke. Wegen so etwas hätte sie schon einmal Probleme mit der Polizei bekommen, aber sie sagt, wir sollen einfach weiter auf ihr Glück hoffen, der Roller hält die 250kg schon aus. Am Fluss und am Markt vorbei, vorbei an Luftballonverkäufern und Straßenständen, fahren wir bis ins Stadtzentrum. Wir biegen ein in ein Viertel mit kleineren Gässchen und vielen Bäumen ein.

Auf der Straße sitzen wir nun in einem typisch vietnamesischen Restaurant mit Plastikbestuhlung. Auf die Frage, was wir denn essen möchten, sagen wir nur, dass was sie gerne möge und davon bitte reichlich. Sie redet mit der Besitzerin und verabschiedet sich sehr freundlich von uns. Es wird das leckerste Essen sein, was wir in ganz Vietnam zu uns nehmen werden. Allerlei Schälchen werden aufgetischt, geschnittenes Gemüse, Obst, etwas Fleisch und eine Hand voll Saucen in bunten Farben. Dazu kommt ein großer Teller mit Reispapier in die Mitte. Auf der Terrasse machen wir uns über das köstliche Festmahl her, rollen Röllchen und dippen was das Zeug hält. Zusammen mit etlichen Getränken zahlen wir für das opulente Mahl um die vier Euro.

Morgen wollen wir den Zug nach Nha Trang nehmen. Bevor wir versuchen, im Bahnhof ein Zugticket zu kaufen, schauen wir uns aber noch ein wenig die Stadt an. Im Stadtzentrum scheinen die Straßen etwas verwaist und herunter gekommen, außerdem ist es viel schmutziger als in Hanoi oder in Sapa. Auf dem Markt am Fluss verkaufen Fischer ihren frischen Fang und auf dem Boden sitzende Frauen bieten auf großen grünen Blättern Früchte und Fisch an. Aber außer dass alle Menschen hier ausnahmslos nett zu uns sind, gibt es kaum etwas Erwähnenswertes über Dong Hoi zu sagen. Es ist eben eine mittelgroße eingeschlafene Industriestadt in die sich nur selten eine Langnase verirrt.

Die Bahnhofshalle ist voll mit Menschen, die zwischen uns und den Schaltern stehen. Hinter den Schaltern sitzen, in militärisch anmutenden Uniformen, desinteressierte Bahnbeamte. An der Decke drehen sich stetig ein paar Ventilatoren. Links von den Schaltern an der Wand befindet sich der riesige Fahrplan. Er ist ca. zwei Meter hoch und vier Meter lang und bedeckt fast die ganze Wand. Alle Zugreisenden drängen in Richtung einer der drei Schalter.
Wir quetschen uns nun also vorbei an einer Absperrung und den lautstark wartenden Fahrgästen, immer in Richtung des Fahrplans. Es ist auf ganzer Länge nichts als ein riesiges Wirrwarr aus Zahlen und Zeichen ohne ein für uns erkennbares System. In der Hoffnung, dass sich unser Unverständnis in Luft auflöst, glotzen wir nun schon länger auf den Plan, verstehen aber nur Bahnhof. Der Gedanke, ein Fahrplan hätte weltweit ein universelles Schema à la „Zeilen & Spalten“ und man müsse nur die richtige Spalte finden, verpufft nach weiteren 5 Minuten intensiven Starrens ebenfalls. Wir sind nah der Verzweiflung ,als sich plötzlich ein Vietnamese zu uns umdreht: „ Kann ich euch vielleicht weiterhelfen, ihr seht etwas verzweifelt aus. Wohin müsst ihr denn?“ Mit freundlicher Unterstützung wühlen wir uns durch die Menge hin zu einem Schalter. Die Züge, die wir hätten buchen wollen, sind leider schon alle ausgebucht und so bucht uns der Junge einen Zug für morgen früh. Er ist leider kein Nachtzug, aber ohne unseren Helfer hätten wir wohl gar keinen Zug bekommen. Wir kommen aus dem Bahnhof und sind immer noch etwas verwundert über die unerwartete Hilfe und über das Phänomen der deutschsprechenden Vietnamesen von Dong Hoi.
Das war jetzt Nummer Vier.

Bevor wir unsere Sachen für den nächsten Tag packen, schnappen Dome und ich uns die Handtücher und gehen hoch zum Strand. Es ist Vollmond und als es dunkel wird, fangen die Lichter der Fischerboote, am Horizont aufgereiht wie auf einer Perlenkette, an zu leuchten. Das Wasser ist herrlich warm und ich schwimme etwas weiter hinaus. Unter mir leuchtet das Meer irgendwie seltsam grün. Tausende kleine Punkte von grün leuchtendem Plankton sind unter mir und um mich herum. Das Meeresleuchten ist so stark, dass man selbst unter Wasser seine Arme und Beine sehen kann. Wir bleiben noch etwas länger am Strand und bewundern das völlig fremd wirkende Spektakel der Natur.

28. – 30. Juli, Nha Trang

Um sechs Uhr Morgens geht der Wecker. Wir nehmen ein Taxi und sind um sieben Uhr am Bahnhof, um unseren Zug zu nehmen, der uns nach Nha Trang bringen wird. Die nächsten zwei Tage verlaufen recht ereignislos und entspannt, eigentlich genau das, was wir uns vorgestellt haben. Bis auf alltägliche Nebensächlichkeiten gibt es auch kaum etwas Erwähnenswertes zu erzählen.

Am zweiten Tag in Nha Trang mieten wir uns zwei Motorroller, die blitzblank morgens vor dem Eingang unseres Hotels stehen. Ich bin ziemlich aufgeregt, ich habe ja noch nie auf einem Roller gesessen, geschweige denn einen gefahren. Haben wir uns mittlerweile als Fußgänger an den vietnamesischen Verkehr gewöhnt, geht mir doch der Arsch auf Grundeis, als wir über die erste Hauptstraße auf einen riesigen Kreisverkehr zu fahren. Eine Blechwand aus hunderten wild hupenden Motorrollern kommt auf mich zu, aber irgendwie bekommen wir den Verkehr in den Griff und werden Teil dieser unübersichtlichen Blechlawine. Nachdem wir uns zwei Stunden lang in den Vororten Nha-trangs verirrt haben, kommen wir endlich auf eine Küstenstraße, der wir weiter nach Süden folgen können. Als wir Nha Trag verlassen, wird die Landschaft atemberaubend. Die Straße schlängelt sich in Serpentinen an einer Steilküste entlang. Zum Meer hin fällt es mehrere hundert Meter steil ab. Es weht ein warmer Wind und die Sonne scheint. Wir machen ein paar Mal Rast um die Aussicht zu genießen. Später wird die Gegend wieder flacher und wir bekommen die Roller auf 120 Km/h hoch. Mitten im Nirgendwo fahren wir auf einer vier-spurigen Schnellstraße. An den Seiten der Straße pflegen Gärtner die pittoresken Gartenanlagen mitten im Nichts. In den Büschen und auf den Beeten befinden sich kurioserweise mehr Gärtner als Fahrzeuge auf der Straße. Irgendwann ist dann aber Schluss und ein Schlagbaum mit militärisch aussehenden Gestalten versperrt uns die Straße. Wir lassen es nicht darauf ankommen und fahren zurück und dann einen Dünenweg hoch. Der Strand ist abseits von allen Touristenströmen nur bevölkert von einer vietnamesischen Kindergruppe. Er ist riesengroß und leider von angeschwemmtem Treibgut total vermüllt. Nach einer halben Stunde bemerken wir, dass von Süden ein Gewitter aufzieht. Wir schwingen uns auf die Roller und geben Stoff. Den ganzen Rückweg lang haben wir das Gewitter im Nacken. Am Hotel angekommen, fängt eine Minute später auch schon der Wolkenbruch an.

31.Juli & 01.Aug.

Wir verbringen noch zwei entspannte Tage in Nha-Trang, bevor wir nach Mui-Neh weiterfahren. Viel passiert in den zwei Tagen nicht. Domenic und ich kriegen uns einmal vollkommen betrunken wegen einer Kleinigkeit in die Haare, rennen dabei brüllend durch die Straßen aber vertragen uns am nächsten Tag wieder. Einen Tag später buchen wir einen günstigen Schnorchel-Trip. Wir fahren Bötchen, also kommt Domenic bei dem 15$-Törn auch noch voll auf seine Kosten. Das Riff ist schön, wir sehen viele bunte Fische, blaue Seesterne, ein paar Tintenfische und auf dem Rückweg vom Boot aus auch noch fliegende Fische.

02. Aug, Mui Neh

Am Morgen des zweiten Augusts verlassen wir Nha Trang mit dem Schlafbus in Richtung Mui Ne. Ich finde den Schlafbus komisch. Die ganze Konstruktion wirkt auf mich irgendwie bizarr. Man muss sich das so vorstellen: An Stelle zweier Reihen Sitze an jeder Seite, gibt es hier nun in drei Etagen und in drei Reihen Schlafliegen. Im Bus gibt es zwei Gänge und alles wirkt unglaublich komisch ineinander geschachtelt und ist nur mäßig bequem. Mui Neh ist,
wie sich herausstellt, nichts anderes als eine Küstenstraße, zugeklatscht mit kleinen und mittleren Resorts und einer Busstation. Um zu unserem Hotel zu gelangen, verstauen wir unser Gepäck in einem Taxi und machen uns auf den Weg. Nach 15 Metern endet dann aber auch schon die kürzeste Taxifahrt meines bisherigen Lebens. Wir sind angekommen und dürfen für diese überaus sinnvollen Transport natürlich erst einmal bezahlen.

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Der Rest

In den zwei Tagen, die wir in Mui Neh verbringen, wird das Wetter etwas stürmischer und die See rauer. Dome macht einen Ausflug zu einer riesigen Wanderdüne und ich lese viel. Meinen Flug, der eigentlich am 10. gehen sollte, habe ich auf den 05. vorverlegt.
Die Laune ist etwas angespannt, als wir am 04. den Bus nach Saigon nehmen. Wir sind froh, als wir Mui Neh verlassen, denn die überhöhten Preise und eine sich in den Startlöchern befindende Tourismus-Industrie sind im Kontrast zu Nordvietnam einfach zu viel.
Ich weiß inzwischen nicht mehr so recht, ob die Idee mit der Weltreise – zumal noch ganz alleine – eine so gute ist. Naja die Zeit wird es zeigen und die Zukunft wird entscheiden.

Saigon ist eine riesige asiatische Metropole, überragt von Glasfassaden und McDonalds. Mir persönlich hat Hanoi besser gefallen. Im Gegensatz zu Saigon bewahrt es doch viel mehr von seiner Asiatischen Seele. Aber auf dem Großmarkt findet man sie dann doch, sie manifestiert sich in Seepferdchen – getrockneten Seepferdchen, die zusammen mit allerlei anderem skurrilen Zeugs in der dichten Großmarkthalle angeboten werden. Wir kaufen ein paar gefälschte Markenprodukte, zwei Hängematten und probieren das Essen hier und dort. Es ist Wochenende und für den Abend nehmen wir uns vor, endlich einmal wieder feiern zu gehen.
Abends sind wir jeder um mindestens zehn Sonnenbrillen reicher und, nachdem wir mit ein paar Backpackern ein Bier getrunken haben auf dem Weg zu einem Nachtclub.Wir steuern an dem Abend noch zwei Clubs und ein Bordell an – letzteres mehr oder minder versehentlich. Insgesamt wurde es noch ziemlich lustig aber eine wirkliche Party haben wir nicht gefunden.

 

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