Nordvietnam

22.Juli, Bac Ha & Sapa, Nordvietnam

Morgens werden wir vom Schaffner geweckt und ich sehe,
als ich die Vorhänge zur Seite schiebe, dass sich unser Zug durch ein Tal schlängelt. Wir haben knapp sieben Uhr morgens und laut Fahrplan müssten wir auch schon in einer viertel Stunde ankommen. Vorbei an unzähligen schreienden Busfahrern, brauchen wir von der Ankunft im Bahnhof von Lao-Cai bis nach Bac-Ha knappe 2 Stunden Fahrt. An einem Fluss fahren wir an einer Brücke vorbei, in Sichtweite kreuzt ebenfalls die Bahntrasse.
Für Vietnamesen ist hier Ende, auf der anderen Seite weht die chinesische Flagge.

Ich habe eine Doku darüber gesehen, in der diese Bahnstrecke mit dem Bau der Chinesischen Mauer gleich gesetzt wurde. Für den Bau grub man sich unermüdlich durch die Berge. Schluchten, Abhänge und Gefälle wurden vermessen. Alle Elemente der Tunnel und Brücken mussten in Frankreich geplant und gefertigt werden, um sie dann nach Vietnam und China zu verschiffen und genau an ihrem Bestimmungsort zusammenzusetzen. Eine unglaubliche Leistung. Leider ist die Strecke heute ab der chinesischen Grenze für Personenzüge vollständig gesperrt.

In Bac-Ha ist der Markt voll von Einheimischen der verschiedenen H’Mong-Stämme. Alle tragen sie ihre bunten Trachten, bewegen sich in Grüppchen über den Markt oder stehen feilschend vor den Ständen. Obwohl es ziemlich voll ist und man oft nur mit Mühe zwischen den Ständen hindurch kommt, sind neben uns kaum Touristen auf dem Markt. Wir schlagen uns an den Garküchen und Vogelhändlern vorbei in Richtung Textilien und kaufen uns nach zähen Verhandlungen jeweils einen handbestickten Pullover. Auf dem Hauptplatz befindet sich eine unzählbare Anzahl von Garküchen. Überall brodelt und brät es auf unzähligen Feuerstellen vor sich hin. Die Einheimischen der umliegenden Dörfer kommen einmal die Woche aus ihren Dörfern hierher, um ihre Sachen verkaufen zu können und sich mit dem Nötigsten einzudecken. Dem entsprechend bekommt man von lebenden Schweinen über Wolle und Werkzeug alles, was das H’Mong Herz höher schlagen lässt. Um zu telefonieren, gebe ich mich in einem Hotel als Gast aus. Wider alle Erwartung geht Mu, die Familienmutter, diesmal an ihr Handy und wir haben wieder mal Glück.

In Serpentinen schlängelt sich die Straße aufwärts immer höher Richtung Sapa, der Provinzhauptstadt und kulturelles Zentrum der indigenen Volksstämme der H‘Mong. Durch die Fenster des Busses sehen wir schwarze, Bunte und Rote H’Mong. Sie unterscheiden sich in ihren Trachten. Ich finde die aufwändigen Stickereien der Trachten der bunten H’Mong am eindrucksvollsten.Als der Bus anhält, ist vor uns auf der Straße ein LKW in einer Kurve liegen geblieben und verhindert das Fortkommen. Es ist die einzige Straße, die Sapa und die Bergregion mit Lao Cai und der Zugstrecke verbindet. Entsprechend groß ist der Tumult. Der Lkw hängt halb im Abgrund und halb auf der Straße. Es stauen sich immer mehr Autos aus beiden Richtungen. Wir müssen alle aussteigen, bevor unser Fahrer den Bus nur knapp zwischen dem LKW und dem Abhang hindurch manövriert und wir unsere Fahrt fortsetzen können.

In Sapa angekommen, treffen wir nach einiger Suche auf Mu in ihrer bunten Tracht. Sie hat vor der Kirche auf uns gewartet. Aber da es noch etwas dauert bis sie die anderen Frauen, die mit uns zurück zu ihrem Dorf gehen, zusammen hat, können wir uns noch ein wenig ausruhen.

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Das Dorf der Frauen heißt Hong –Ta und soll nicht weit entfernt liegen. Wir gehen ca. 3 Stunden lang durch eine unglaublich beeindruckende Landschaft. Die Straße wird immer älter und maroder. Sie wird zu einem Weg und schließlich zu einem Pfad. Nachdem wir nun auch die alte französische Straße verlassen haben, stecken nur noch vereinzelt Findlinge im Straßenboden. Die Straße mit ihren riesigen Steinquadern ist sicher mehrere Jahrhunderte alt. Wir bewegen uns auf der linken Seite eines riesigen Bergtals in mehreren hundert Meter Höhe. In der Ferne, tief unten im Tal, sehe ich einen kleinen Fluss und verstreut einzelne Dörfer. Aus den Kaminen der Häuser steigt Rauch auf. Die H’Mong, so erzählt uns Mu auf englisch, lebten ausschließlich an den Berghängen. Nur dort könnten sie ihre Reisterrassen anlegen. Im Tal lebt ein anderes indigenes Volk, auch mit eigner Sprache und Kultur. Es sei aber nicht mehr weit. Dome hat sichtliche Mühe zu seinem Eigengewicht auch noch das seines Rucksacks über die Berge zu tragen. Mehrmals wird er von den zierlichen Frauen unter verhaltenem Gekicher deswegen gefragt, ob sie ihm nicht etwas abnehmen sollen! Alle sprechen sie Englisch, Vietnamesisch und H’Mong, aber keine der Frauen kann schreiben. Früher gab es die Schulpflicht für H’Mong Mädchen noch nicht, aber das Englisch hätten sie sich beim Feilschen mit den Touristen selber beigebracht.Später auf dem Weg nach „Hong Ta“ kommen wir noch an einem Wasserfall vorbei und müssen über Reisfelder balancieren. Dort angekommen ist die Aussicht noch atemberaubender. Später am Abend rauchen wir an den Reisfeldern des Dorfes noch einen Joint und sehen dabei die Berge auf der anderen Seite des Tales in den Wolken verschwinden.

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Mu hat zwei Kinder, einen 5 jährigen Jungen und eine 2 jährige Tochter, dazu ein kleines Haus, zwei Schweine und einen Mann. Letzterer ist, als wir ankommen, noch in den Bergen arbeiten und kommt erst nachts wieder. Inzwischen dämmert es und das Feuer unter dem Bambusdach wird entfacht. Es kommen zwei Cousinen vorbei und helfen, das Essen zuzubereiten. In der kleinen Bambushütte riecht es nach dem Qualm des Feuers, aber das Essen ist sehr gut. Wir quetschen uns alle auf winzigen Hockern um einen kleinen Tisch, auf dem lauter kleine Schälchen mit dampfendem Inhalt und Reis stehen. Mu macht nach dem Essen noch eine Stunde Handarbeiten bevor das Licht aus gemacht wird und wir alle schlafen gehen.

 

23. Juli

Ich trete schlaftrunken und noch nicht ganz wach aus der Bambushütte. Gerade erst hat Mu uns geweckt. Es ist diesig und ziemlich frisch. Die Sonne ist noch nicht über den Bergkamm gezogen, das ganze Tal liegt noch im Nebel und vereinzelt ziehen Wolken den Hang herauf. Hinter mir höre ich einen lachenden Kinderschrei. Mu’s kleiner Sohn wirft sich mir giggelnd ans Bein und will es nicht mehr loslassen. Nachdem ich gestern lange mit ihm gespielt habe, muss ich ihn jetzt erst einmal kräftig durchkitzeln bevor ich mich fertig machen kann.

Auf die Frage nach eine Toilette sagt mir Mu, ich solle mir den Platz doch frei aussuchen. Auf der Suche nach einem geeigneten Klo-Platz klettere ich erst eine Mauer hinauf und balanciere über einen kleinen Damm, bis ich im Maisfeld der Familie stehe. Ungefähr 20 Meter weiter den Hang hinauf, gehe ich mit den Knien in die Beuge und erledige mein Geschäft. Plötzlich muss ich unglaublich lachen; Auf einer Toilette hatte ich noch nie so einen schönen Ausblick. Die ganze Situation ist skurril. Ich sehe nebelverhangene Reisterrassen, in den Wolken verschwindende Berggipfel, alles getaucht in eine unglaublich weiche Morgenröte – und ich bin am Kacken.

Mu’s Angebot, uns herum zu führen, schlagen wir aus und machen uns zu Fuß auf den Weg in Richtung SaPa. Vorbei an dem Wasserfall und den Reisfeldern brauchen wir diesmal ohne Gepäck bloß zwei Stunden. Der Tag in SaPa verläuft entspannt und wir machen ein paar Erledigungen. Unter anderem kaufen wir ein Paar Spielsachen für die Kinder, organisieren unsere Weiterfahrt für morgen und kaufen etwas Fleisch für das heutige Abendessen. Als wir Mu auf dem Rückweg begegnen, steht sie grinsend vor uns und lacht. Sie hat uns auf den Rollern gesehen mit denen wir unseren Rückweg verkürzt haben und macht sich über uns lustig. Mu trägt ein paar Plastikstühle, die sie extra für uns gekauft hat. Wir sind etwas gerührt und stimmen auch in das Lachen ein. Am Abend freut sich ihr Mann unglaublich über eine Kopflampe, und die Spielsachen für die Kinder kommen auch super an. Der kleine Junge bekommt ein buntes Spielzeugauto aus Plastik, die Kleine eine russische Matroschka-Figur und unsere Fotos für Mu finden ihren Platz in ihrem Fotoalbum.

Als es am Abend dunkel wird, setzen Domenic und ich uns etwas abseits an die Reisfelder des Dorfes und genießen die Aussicht. Das Shit, das wir jetzt rauchen, haben wir vorhin in Sapa einer alten Frau abgekauft. Die Situation war etwas grotesk. Wir standen vor einem Fotogeschäft, als plötzlich eine alte Dame unentwegt zischend auf uns zukam. Dass wir sie nicht weiter beachteten, schien sie aber nicht zu stören und dann fing die alte Dame auch noch an,uns zischend zu umkreisen und die Situation wurde merkwürdig. Im ganzen Mund hatte sie vielleicht noch drei Zähne. Durch ihre Zahnlücken zischte es also immer noch unentwegt,als sie irgendwann stehen blieb und uns anstarrte. Endlich verstand ich sie, die uns nur anbot, was wir sowieso suchten. „hassshhhh hashhhhhhhhh hash hasshh!!“

Für das Abendessen bereitet Mu mit sichtlicher Freude das halbe Hähnchen, das wir auf dem Markt gekauft haben, zu. Auf dem kleinen Tisch in der Mitte der Hütte stehen allerlei dampfende Schälchen aller Größen und Inhalte. Mu, ihr Mann und die Kinder sitzen auf den kleinen Holzhockern auf der einen, wir nun auf den neuen Plastikstühlen auf der anderen Seite des Tisches. Der Kontrast zwischen der Einfachheit der Hütte einerseits und der Opulenz der aufgetischten Speisen andererseits, lässt das Essen noch besser schmecken. Aufgeteilt in zwei Dutzend Schälchen, nimmt das Essen den ganzen Tisch ein und man muss sich echt Mühe geben, auch von allem zu probieren. Ich habe Durst und schütte mir etwas Wasser aus der großen Plastikflasche neben dem Tisch in mein Gläschen. Ich bekomme dabei nicht mit, dass Mu etwas ungehalten zu mir hinüber schaut und setzte das Glas zum Trinken an. Jeske lacht mich gälend aus und ich huste wie der Teufel. Das ist Also Reisschnaps. Nachdem die Kinder ins Bett gebracht wurden, geht es Schlag auf Schlag! Wir trinken Reisschnaps und ich denke mir „Man haben die zwei einen Zug drauf“.
Nach einer viertel Stunde und etlichen aufeinander folgenden „CHIN CHIN“ ist die Anderthalb-Liter Flasche Schnaps leer. Etwas sediert sitzen wir so noch eine halbe Stunde bei Dämmerlicht da und reden. Mu übersetzt viel für ihren Mann. Wir sind jederzeit eingeladen wieder zu kommen. Am besten wäre es zum Neujahresfest, dann sei am meisten los.

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24. Juli

Ich wache mit einem leichten Kater auf. Wie gestern auch, ist es etwas klamm aber nicht kalt. Es ist viel früher als gestern und ich muss an den Abstieg denken, der uns gleich mit Backpack bevorsteht. In der Zwischenzeit zündelt Mu bereits am Feuer herum, um in der Hütte das Frühstück vorzubereiten. Nachts hat es wieder unglaublich viel geregnet und das Feuer verbreitet wieder diesen feuchten Räuchergeruch in der Hütte, den wir tagelangt nicht aus unseren Klamotten kriegen werden. Nach einem kleinen Frühstück und einer Katzenwäsche machen wir uns mit Mu und ihren Mann, die ebenfalls etwas in Sapa erledigen müssen, auf den Weg. Anschließend ist die Verabschiedung von den beiden sehr herzlich. Wir sind jeder Zeit willkommen wieder zu kommen.

Zwei Stunden dauert die Busfahrt nach Lao-Cai. Angekommen auf dem großen Parkplatz vor dem Bahnhof, steigen alle aus und machen sich auf den Weg in den Bahnhof. Von unseren Zugfahrkarten, die wir vom Busfahrer kriegen sollten, ist auf einmal keine Rede mehr. Der Busfahrer beteuert, er wüsste nicht, was wir meinten, und möchte wieder fahren, um die nächste Busfahrt zu machen. Im Hintergrund höre ich es knistern. Als ich mich umdrehe, ist Dome schon schnaubend auf 180°. Dann geht alles recht schnell. Als der Busfahrer weg fahren will, wird er von Dome gepackt, festgehalten und halb aus dem Auto gezogen.
Die Angst des Busfahrers, vor der mir selbst bis dato unbekannten Bestie, steht ihm im Gesicht geschrieben, während ihn Dome weiter anbrüllt. „Das ist mir scheiss-egal was du nicht wissen willst! Wir kriegen von dir die Scheiss Tickets![…]!!“ Der immer kleiner werdende Busfahrer schließt schließlich seinen Bus ab und wir gehen mit ihm in ein Büro, in dem wild herum telefoniert. Schließlich landen wir mit ihm aber in einem Restaurant wo er mit einer der Gäste wild herum gestikuliert. Die ganze Situation ist total wirr und ich kann überhaupt nicht einschätzen, ob wir uns gerade unseren Tickets nähern oder uns weiter von ihnen entfernen. An unserer vierten Station schließlich kommt der Besitzer oder sonst jemand Wichtiges aus einem Restaurant, um die Situation zu klären. Der Busfahrer erzählt ihm verzweifelt die Gesamtsituation, bevor es Dominic noch einmal etwas lauter und gereizt auf Englisch tut. Im Endeffekt kriegen wir eine halbe Stunde später unsere Karten. In der Zwischenzeit bin ich damit beschäftigt, auf das Gepäck aufzupassen, während Dome wieder dem Busfahrer hinterher jagt. Schließlich taucht dann aber der Kerl aus dem Restaurant wieder auf und hat unsere Zugfahrkarten. Die Situation ist gerettet und Domenik kann endlich den Busfahrer loslassen. In 45 Minuten kommt unser Zug.
Puh, gerade noch rechtzeitig so, dass wir noch einen rauchen können.

 

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