Ankunft in Hanoi und Ha Long

 

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Gestern um sechs Uhr in der Früh kommen mein Freund Dome und ich am Flughafen von Hanoi an. Realisiert, dass wir nun wirklich nach Vietnam fliegen, habe ich sowieso erst, als der Flieger abhob. Ich schlafe nur einige Stunden und bin ziemlich müde, als ich mich vor einer grimmig dreinblickenden und mit einer militärischen Akribie ihrer Pflicht nachkommenden Grenzpolizistin wieder finde.

 

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Von Hanoi nach Saigon

Sie schaut sich den Reisepass an. Sie schaut mich an.
Sie schaut skeptisch und sie schaut den Reisepass an.
Ich schaue zurück und kann mich nicht so recht für einen Gesichtsausdruck entscheiden, grinse dann aber dämlich zurück.

Sie scheint sich diese Frage noch nie gestellt zu haben und guckt böse. Sie ist mir unheimlich. Ihr Blick wandert: Reisepass, Computer, Ich, Reisepass, Computer, Ich, Reisepass, Stempel, Reisepass, Computer.. Stempel? Überraschend bekomme ich nach vier Minuten sprachlosen Einzelverhörs meinen Pass wieder. Ich bin in Vietnam.
Nachdem Dominic das Einreiseritual ebenfalls hat über sich ergehen lassen, müssen wir aber noch eine halbe Stunde am Band auf sein Tasche warten. Dahinter steckt mit Sicherheit dieselbe grimmige Grenzpolizistin, die schon unsere Einreise verzögert hat.

Es ist inzwischen kurz vor sieben Uhr und wir holen uns einen Kaffee. In Ruhe wollen wir vor dem Flughafengebäude erst einmal eine Zigarette rauchen. Es sind 26° und wir haben annähernd 100% Luftfeuchtigkeit, als wir belagert von Laufburschen und anderen Taxifahrern in unser Taxi steigen.Ich hatte davon gehört, dass man in Hanoi darauf achten muss, ein offizielles Taxi zu nehmen. Alle anderen würden Touristen schamlos ausnehmen. Vom Inneren des Taxis aus beobachten wir, wie das Gewusel um uns herum immer weiter zunimmt. Die Zahl der Mopeds, Roller und Fahrräder steigt ins unzählbare. In dieser Masse bewegen sich, in der Rangordnung am höchsten stehend vereinzelt Autos.
Die Blechlawine, die keine Straßenspuren kennt, nähert sich dem innerstädtischen Bereich. Die Häuser werden höher und das Grün wird rarer. Wir nähern uns unserem Hotel. Die Altstadt ist sehr grün und die Straßen sind von tropischen Bäumen überragt. Selbst vom Inneren des Taxis heraus sind die Eindrücke unglaublich.


Angekommen in Hanoi ist die erste Erfahrung, die wir machen dürfen, die klassische Touri-Falle: Vor unserem Hotel angekommen, steigt ein Mann zu. Er zeigt mir ein paar Buchungsbelege und behauptet,dass das Serenety-Hotel leider ausgebucht sei und dass wir in das Schwesterhotel, das Van Hoa, umquartiert werden würden. Da auf seinen Unterlagen mein Name steht, glauben wir ihm. Doch dort im Hotel angekommen, kommt mir alles etwas merkwürdig vor und ich schaue ein paar Dinge im Internet nach. Nachdem wir duschen waren, brechen wir zu einem kleinen Spaziergang auf, um die Angaben des werten Herren zu überprüfen. Es stellt sich daraufhin alles als großer Schwindel heraus und unsere Hoteliers als Betrüger.

Unser ursprüngliches Zimmer im Serenety-Hotel ist natürlich noch frei und man erwartet uns. Dome tobt vor Wut und auf dem Rückweg muss ich mich die ganze Strecke über als Wuttherapeut üben um Dome daran zu hindern, an der Rezeption völlig auszurasten.
Wir packen unsere Rucksäcke wieder zusammen und als ich die Reisepässe habe, kommen zum Aufbruch bereit die Treppe herunter. Wegen des unbezahlten Zimmers drohen die Vietnamesen uns mit der Polizei und Dome flippt völlig aus. Er brüllt den ganzen Laden zusammen und wir verlassen das Hotel ohne zu zahlen. In dem neuen Hotel fühlen wir uns wohl, es ist sauber,wirkt seriös und ich verliebe mich in die Klimaanlage.
Geschafft von den Umständen: Flug, Jetlack, Hitze und jetzt noch der Hotel-Aktion schlafen wir beide vor Erschöpfung mittags auf dem Bett ein. Draußen ist es längst dunkel, als ich um 20.00 Uhr von Dome geweckt werde. Wir stellen die Klimaanlage wieder an und einer Dusche, machen wir uns auf den Weg, Hanoi bei Nacht zu erkunden. Der Nachteil von Klimaanlagen bei Tropenhitze ist, dass man die Hitze jedes Mal auf Neue erlebt. Obwohl es schon Abend und längst dunkel ist, fühlt sich die Luft wie warmer Wackelpudding an und die schwül- warme Hitze ist beim Heraustreten aus dem Hotel wie ein Schlag ins Gesicht.

Wir gehen Richtung Altstadt und Kolonial-Viertel. In der Mitte der Stadt drehen wir eine Runde um den Hoan-Kiem-See.Die Eindrücke sind überwältigend! Alles, die Schnelligkeit, das Gewusel, die Unordnung und eben alles Fremde sind mir auf Anhieb sympathisch. Vom Hoan-Kiem-See, der ab da an nur noch Chiemsee heißt, machen wir uns auf den Weg ins Bar-Viertel. Dort lassen wir uns nicht beirren und gehen in ein etwas schäbig aussehendes Restaurant voller Vietnamesen. Auf dem Boden liegt überall Müll,die Einrichtung ist spartanisch und die Leute sitzen auf Plastikstühlen an klapprigen Tischen. Ich freue mich, denn auf der Speisekarte steht neben Frosch auch Hund und Singvogel. Ich nehme Froschbeine mit irgendwas. Da wir jetzt Multimillionäre sind, geben wir in dem Restaurant knappe 300.000 vietnamesische Dong aus. Das sind zwölf Euro. Alle Restaurants schließen in Hanoi um 24 Uhr und so verabschieden wir uns von ein paar Backpackern und machen uns auf den Weg zum Chiemsee. Am Wegesrand kaufen wir noch eine Flasche Bombay-Gin und etwas Tonicwater.

Da sich im Tonicwater Chinin befindet,wurde es in der Kolonialzeit bereits von den Engländern zur Malariaprophylaxe eingesetzt. Es kann folglich unserer Gesundheit nur zuträglich sein an diese Tradition anzuknüpfen und die Chininversorgung nicht zu stark zu vernachlässigen.
Abgeschmeckt mit etwas Gin, lassen wir uns auf einer Parkbank am Chiemsee nieder und genießen unser Tonicwater.

In der warmen Tropenluft sitzen wir noch bis spät in die Nacht dort. Wir trinken auf unsere Gesundheit, stoßen auf das Leben an, auf unsere Freundschaft und schließlich auf alles, was noch vor uns liegt. Zurück auf dem Weg in unser Hotel und mitten in der Altstadt, müssen wir leider feststellen, dass die Malariaprophylaxe doch stark auf den Orientierungssinn schlägt und wir uns heillos verlaufen haben. Es ist mitten in der Nacht und nur noch vereinzelt hört man das Knattern der Motorroller durch die Straßen hallen. Einer dieser Motorrollerfahrer ist es dann auch der uns anspricht: „Mootootaxi?!“ Und obwohl wir uns noch bei Ankunft gesagt haben, dass wir niemals auf eines dieser Scootertaxis steigen werden, sitzen wir zwei Minuten später zu dritt auf dem Roller und sausen beschwipst durch die nächtlichen Gassen von Hanoi.
Der Fahrer hat ein ziemliches Tempo drauf und wir einen Heidenspaß.

18.JULI

Heute wollen wir Hanoi erkunden, ausserdem sucht Domenic eine kurze Hose. Nach einem Englischen Frühstück stürzen wir uns ins Getümmel dieser pulsierenden Großstadt, kommen aber nicht sehr weit. Ratlos stehen wir vor einer großen Straße denn wir haben nicht den geringsten Schimmer, wie wir auf die andere Seite kommen sollen. Der Verkehr ist sehr dicht und ungeordnet.
Von beiden Seiten strömen überwiegend Motorroller an unserer Nase vorbei und aus der Beobachtung Einheimischer werde ich nicht wirklich schlau. Bei anhaltend starkem Verkehr gehen die Vietnamesen einfach über die Straße und ignorieren den Verkehr dabei scheinbar völlig. Nachdem wir das fünf Minuten lang mehrfach beobachten, bleibt uns einfach nichts anderes übrig, als das Gleiche zu tun. Einmal auf dem Weg gibt es kein Zurück mehr. Denn einmal auf der Straße, schließt sich der Verkehr hinter uns direkt wieder und wir können nur noch in eine Richtung. Wir sind umzingelt von hupenden Mopeds. Uns festhaltend, bewegen wir uns in Trippelschritten auf die andere Straßenseite zu und brauchen eine gefühlte Ewigkeit.
Das Hupen noch in den Ohren erreichen wir nassgeschwitzt und erleichtert die andere Seite.

So streunen wir an dem Tag noch durch ganz Hanoi, immer den Blick gerichtet auf alles Ess- und Sonderbare. Bei einem Stoffhändler kaufe ich Mutter etwas Seidenstoff. Der Markt den wir dann noch besuchen haut mich um! Es ist unglaublich quirlig und es gibt so viele Eindrücke und Gerüche! Riesige lebende Fische werden zappelnd angeliefert, mit dicken Messern zerhauen und sofort frisch verkauft. Von Lebensmitteln über Haushaltswaren und Baumaterialien scheint es nichts zu geben, was man nicht bei einem der unzähligen Stände kaufen kann. Vietnamesen sind kleiner als ich und nicht zuletzt zierlicher als Dome. An einem der zahllosen Straßenstände finde ich einen Gürtel und ein Shirt in XXL. Die Größen sind anders hier.
Für Dome finden wir nach einiger Suche ebenfalls eine Hose.
Die schiere Existenz von Domes Vietnamgröße war mir zwar nicht bekannt, aber er hat 7XL.

19.Juli, Ha-Long-Bucht

Nä watt is datt kuschelig! Auf dem Weg in die Ha-Long-Bucht sitzen wir gerade mit 17 Mann in einem Kleinbus. Fünf allein bei mir auf der Rückbank. Wir verlassen Hanoi und ich bin erleichtert, dass der Zustieg nun endlich mal ein Ende hat. Nur Gott und die Vietnamesen wissen, wie viele Menschen maximal in einen Toyota-Minibus passen. Nach vier Stunden Fahrt erreichen wir die Ha-Long-Bucht. Der angekündigte Orkan zieht gerade ab. Vom Boot aus sehen wir in der Ferne die ersten Ausläufer der Lagune, die auf Vietnamesisch die Bucht der 1000 Inseln heißt. In Wahrheit sind es wohl mehr. Es ist keine einzige Wolke mehr am Himmel; es ist warm und die Sonne treibt mir den Schweiß ins Gesicht. Der Dollar den ich gestern Buddha geopfert habe, hat wohl ganze Arbeit geleistet.

Das Boot fährt auf eine Öffnung zwischen den steil hinaufragenden Kalksteinfelsen zu. Sie sind von Grün überwuchert und allein die Ausmaße mancher Felsen sind beeindruckend. Unser Boot pflügt das kristallklare Wasser, in dem sich die nun zu allen Seiten aufragenden riesigen Felseninseln spiegeln. Wenn man es nicht gesehen hat, kann man es sich kaum vorstellen. Größen und Farben sind atemberaubend schön und wirken auf mich surreal. Gerade fährt das Schiff auf einen riesigen, aus dem Wasser ragenden, Felsen zu. Auf ihm befindet sich neben einem kleinen Tempel auch ein Handymast. Ich finde das sehr bezeichnend und mache ein Foto.

Am Abend sitzen wir noch bis spät an Deck und unterhalten uns. Neben vielen anderen sind auf dem Schiff auch zwei holländische Mädels. Sie erzählen uns von ihrem Aufenthalt bei einer Familie in den Bergen von Nordvietnam, die an einem Berghang in einem kleinen Dorf unweit von Sapa lebt. Sapa, dahin wollen wir doch auch! Ich frage die beiden an dem Abend noch so gut es geht über ihre Tour aus, doch am nächsten Morgen kann ich ihnen im unerwarteten Stress nach dem Frühstück noch gerade so meine Email-Adresse auf eine Serviette kritzeln. Die nächsten Tage bleibt uns nun nur die Hoffnung darauf, dass sie uns die Telefonnummer der Familie noch schicken.

20.Juli

I will return to the dark side!” Ich habe Sonnenbrand! Nach dem Frühstück fahren wir mit unserem Schiff etwas weiter in die Ha-Long Bucht. Wir wechseln auf ein kleineres Boot um mit ihm nun noch tiefer in das Labyrinth aus Felsen und Wasser vordringen zu können. Gerade fahren wir mitten durch eine von riesigen Kalkfelsen überragte Inselwelt. Es ist total idyllisch und die Landschaft ist unglaublich! Wir fahren durch immer verschlungenere kleinere Passagen und es sind keine anderen Boote mehr zu sehen. Es wird immer leiser. Als wir schließlich in unsere Kajaks steigen, steht die Sonne im Zenit und ich fühle mich wie ein Grillhähnchen. Ich traue mich leider nicht, meine Kamera mitzunehmen. Wir paddeln durch mehrere Grotten hinein in eine menschenleere, von den Inseln eingeschlossene Lagune. Hin und wieder wird die Todesstille von dem Rascheln eines Affen oder dem leisen Zirpen der Insekten unterbrochen. Ich lasse mich mit Dome etwas zurückfallen und, als die letzten Kajaks in einer weiteren Grotte verschwinden, genießen wir noch einen Moment die fast absolute Stille. Ich komme mir vor wie der Entdecker einer fremden Welt. Es ist fast schon spirituell.

Als wir am frühen Abend wieder in der Schiffskabine sind, ist es amtlich: Ich habe mir den stärksten Sonnenbrand meines bisherigen Lebens eingebrockt. Ich werde mich in den nächsten Wochen einmal von Kopf bis Fuß häuten, weiß davon aber noch nichts. Seelig sind die Dummen, denn sie wissen es nicht besser. Bis wir am Abend wieder in der Großen Bucht zusammen mit den anderen Booten ankern, mache ich von den Dächern der Boote noch unzählige Kopfsprünge in das türkis-farbene Wasser. Es sind neue Leute an Bord gekommen , die mich nicht interessieren und als abends dann um uns herum die anderen Boote zu leuchten und zu blinken beginnen und Ballermanmusik in allen Sprachen wird aufgelegt wird, gehen wir schlafen.

21.Juli, Ha-Long – Hanoi – Lao Cai

Wie schon auf der Hinfahrt, bin ich jetzt aber bei der Rückfahrt nach Hanoi kaum noch überrascht von der Fülle des Busses. Wir quetschen uns also alle wieder hinein und, als wir verstaut sind und nichts mehr wackelt, machen wir uns auf den Weg zurück nach Hanoi. Nach der Hälfte der Fahrt halten wir an einem Kulturzentrum. Es wird in recht lieblos hergerichteter Kulisse allerlei Kitsch zu überhöhten Preisen angeboten. Auf mich und Dome wirkt es so authentisch, wie das Chinatown im Phantasialand. Unsere amerikanischen und chinesischen Weggefährten greifen aber beherzt zu und erfreuen sich des großartigen Angebots. Es trägt schließlich alles die Auszeichnung „Original handmade in Vietnam“! Der überall zu lesende Hinweis ist idiotisch,
in Vietnam wird so gut wie alles von Hand hergestellt und nur weil Maschinen hier zu teuer sind, ist es keine Wertarbeit.
Wir holen uns etwas zu knabbern und setzen uns in einer Ecke auf die Mauer. Wir wundern uns über das Tourismus-Spektakel und lachen viel. Die Busse kommen und fahren wieder. Das Timing stimmt. Hätten die Busse Verladeklappen, wäre das System perfekt. Um fünf Uhr sind wir wieder zurück in Hanoi. Während die Rezeptionistin den Nachtzug nach Nordvietnam bucht, checke ich,
ob uns die Holländerinnen die Telefonnummer der Familie aus Sapa geschickt haben. Alles läuft gut, wir haben unser Zugticket und auch wenn wir keinen erreichen, die Nummer aus Sapa haben wir auch. Morgen gehen wir also erstmal auf den Sonntagsmarkt in Bac-Ha und dann schauen wir mal. Wir machen einfach das Beste draus.

Bis wir uns abends im Dämmerlicht der Straßenlaternen auf den Weg zum Bahnhof machen, genießen wir die Zeit. Wir kaufen etwas Gras und trinken ein Bier an unserer Lieblingskreuzung. Mein Sonnenbrand gewinnt an Fahrt, meine Schultern pellen sich und meine Klagen werden lauter. Endlich ist es etwas abgekühlt, als wir um halb neun am Bahnhof ankommen. Das Gleisfeld, über das wir mit den anderen Passagieren gehen müssen, wird in das matte Orange der Bahnhofsbeleuchtung gehüllt.Es sind allerlei Menschen zwischen den Gleisen unterwegs.

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Ein Paar Züge stehen herum, einer fährt gerade ein; es ist nicht aber unser Zug. Unserer besteht aus einer älteren Diesellock (mit Deutz-Aggregaten) und einer bunt zusammengewürfelten Anzahl von Waggons. Die Bahntrasse ist ziemlich marode und, abhängig von deren Federung, bewegen sich die Waggons auf der Fahrt in die Berge streckenweise mehr seitwärts als vorwärts. Wir haben die beste Federung und unsere Abteil-Partner sind ein älteres Pärchen aus Australien. Wir unterhalten uns mit ihnen über Gott und die Welt und gehen dann in den Speisewagen.
Im ausgeschilderten Nicht-Raucher-Speisewagen dürfen wir rauchen. Bestgelaunt trinken wir noch ein paar Bier, bevor wir später auf unseren Pritschen einschlafen. Mein Sonnendbrand-Rücken tut weh.

 

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