Etappe IV – Iran, im Land der begrenzten Möglichkeiten – Teil 1, von Teheran nach Isfahan

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Teheran, 29.05.2015

Als mein Taxifahrer endlich gegen halb 3 Uhr nachts die Wohnung von Ali und Samareh irgendwo in Teheran gefunden hat, werde ich von einer Stimme in der Gegensprechanlage hereingelassen. Ein völlig übermüdeter Ali öffnet mir die Tür, während Janina freudestrahlend im Schlafanzug neben ihm steht und das exakte Gegenteil Alis ist. Völlig überdreht fallen wir uns neben dem etwas schmunzelnden Ali in die Arme. „Geil Achim! Du bist in Teheran! Hammer! GEIL!“
Ali zeigt mir noch unser Zimmer und geht dann ins Bett. Janina macht Luftsprünge und steht grinsend im Flur bevor wir uns, als Ali im Schlafzimmer verschwunden ist, erneut in die Arme fallen. Wir sind völlig euphorisch und irgendwie können wir es beide nicht ganz realisieren, dass wir uns nun, aus einer Schnapsidee heraus, hier in Teheran wirklich wieder sehen. Wir machen Witze bis es hell wird und als wir einschlafen tut mir mein Bauch vom vielen Lachen weh.

Die ersten Tage fällt es uns schwer, aus den Federn zu kommen, doch ansonsten sind wir viel unterwegs. Unsere Gastgeber zeigen uns einen versteckten und wunderschön angelegten Garten im Herzen Teherans, wo sie mit uns gegen Mitternacht Federball spielen wollen. Wir verbringen zwei Abende mit ihnen, lassen uns aber ansonsten einfach treiben und verbringen die meiste Zeit mit Amon, einem Freund eines Freundes von Janina.
Das erste Mal für mich auf einem richtig persischen Basar ist unglaublich. Kein Vergleich zu dem von Touristen überfluteten Möchtegern- Basar in Istanbul, es ist eine Welt für sich, eine Welt aus unzählbar vielen kleinen Gässchen und Gängen, Geschäften und Restaurants und hunderten Basaris, die ihrem Tagewerk nachgehen. Alles wird hier irgendwie mit mehr oder weniger geeigneten Mitteln durch das Labyrinth von winzigen Straßen gekarrt bis es sein Ziel auch in der letzten Ecke erreicht hat. Wir essen in einem der Restaurants und schlemmen uns durch die schier endlosen Variationen an frischen Fruchtsäften. So stoßen wir dann auch auf eine etwas sonderbare Variante der iranischen Erfrischungen: Rosen-Eis in frischem Möhrensaft. Als Janina gerade von ihrer frisch erbeuteten Spezialität probiert und ich ihren etwas verwirrten Gesichtsausdruck bemerke, starrt sie mich plötzlich an und sagt zu mir ziemlich apathisch: „ACHIM, das Eis schmeckt nach Bodylotion?!“ Ungläubig probiere ich auch und tatsächlich, Geschmacksrichtung Bodylotion scheint hier wohl der Renner zu sein! Dazu entgegne ich ihr dann nur noch lachend, dass man sich ja eigentlich auch nicht wundern dürfe, wenn sie hier schon geeisten Möhrensaft in einem Ausmaß verkaufen, dass man damit Schwimmbäder füllen könne.
Später stellt sich zu dem Thema noch h,eraus, dass in diesem Punkt im Iran verkehrte Welt gespielt wird. Geschmacksrichtungen wie Rosen- und Orangenblüte sind hier der Renner, wobei ein Blick ins Shampooregal genügt und man kann feststellen, dass diese Sorten dort, im Gegensatz zu Europa, kaum vorkommen. Stattdessen findet man dann Geruchsrichtungen wie Orange, Melone oder Apfel, was ja auch irgendwie klar ist, wenn der Rest schon vorher vertilgt worden ist.

Meine ersten Eindrücke von diesem Land, das in der Welt doch so verrufen ist:
Also zu allererst einmal ist es heiss, 45 Grad sind hier im Sommer keine Seltenheit. Gottseidank ist es ‚erst‘ Juni und die trockene Hitze draussen ist noch erträglich. Der Iran macht keineswegs den Eindruck eines unterentwickelten Landes. Sie haben gute Straßen, es gibt zu viele Autos und an Hunger scheint hier auch keiner zu sterben. Wenn man in der Mittagszeit in den Straßen unterwegs ist, sind meist nur wenige Menschen zu sehen und das Hitzeflackern liegt über den Gehwegen. Falls ein Auto vorbei fährt, sollte man sich vorher besser die Hand vor das Gesicht halten, um nicht anschließend den Sand wieder ausspucken zu müssen, den man bei dieser oft staubigen Luft sonst einatmet.
Meine E-Mails werden blockiert, an Facebook & Co ist garnicht zu denken. Die Iraner scheinen sich jedoch davon nicht großartig beeindrucken lassen zu wollen; so gut wie jeder hat einen Facebook-Account. Mit etwas Hilfe ist für mich schnell der passende VPN-Server zur Umgehung der Zensur gefunden, und auch ich kann meine Internetgewohneiten wie immer fortsetzen.
Ebensowenig scheinen sich die iranischen Frauen vom Kopftuchzwang einschüchtern zu lassen. Der Schleier wird von den meisten Perserinnen eher als leichter Schal auf dem Dutt liegend getragen, mit Pony nach vorne heraus. Es scheint eine Meisterschaft darum zu geben, wer die Sittenregeln am meisten ‚dehnen‘ kann, von Prüderie jedenfalls keine Spur. Überhaupt fühlt es sich für mich so an, als würde Religion in der Türkei wesentlich ernster genommen, habe ich dort – und das auf freiwilliger Basis – doch wesentlich stärker die religiöse Verschleierung der einzelnen Frauen wahr genommen.

Janina hat ihre Schwierigkeiten, die islamischen Kleiderregeln und ihre Ästhetik zu vereinen. In die Rolle der Ayshe passt sie inzwischen aber doch ganz gut, weswegen ich ihr den Spitznamen ‚Mutti‘ gegeben habe, der gleichzeitig auch wunderbar zu ihrem Kleidungsstil passt. Finde hier mal passende Kleidung als Frau! Man denkt zwar, die sind diese Temperaturen gewohnt und deshalb bekäme man hier anständige, der Hitze entsprechende und den islamischen Regeln konforme Kleidung, Fehlanzeige! Alles Polyester! Und bis Janina ausloten kann, wie auch sie ihre Klamotten so kombinieren kann, dass sie nicht aussieht wie ein Sack Kartoffeln, dauert es noch zwei Wochen.

Nach zwei witzigen Tagen in Teheran, in denen wir viele Einladungen nicht wahrnehmen konnten oder sie ablehnen mussten, verlassen wir Teheran nun in Richtung Süden nach Kashan in die Wüste. Es wird also noch heisser, ja prima.

 

Kashan, 2. Juni

Im Iran, so haben wir jetzt gelernt, werden Menschen verkauft. Es gibt zwar keine Sklavenmärkte mehr, aber so werden wir zum Beispiel bei unserer Ankunft mit dem Bus in Kashan, wie wir später erfahren haben, an unseren Taxifahrer verkauft, der dafür 5000 Toman hinlegen musste (5000 x 10 : 30.000 ~ 1,80€). Von unserem stolzen neuen Besitzer, dem Taxifahrer, wird voller Enthusiasmus auf uns eingelabert und ein neues Hotel empfohlen, welches wesentlich günstiger sein soll. Trotz unserer anfänglich Skepsis erweist sich das Hotel als Volltreffer, welches uns auch nur die Hälfte kostet. So werden wir also erneut weiterverkauft und ich beschließe, das Kapitel Menschenhandel vorerst zu schließen.

Nach dem Besuch des überall angepriesenen historisch persischen Fancy-Gardens der Stadt, den wir dann doch eher mittelmäßig finden, geht es wieder einmal mit dem Taxi auf zum Basar. Ein bisschen verloren schlendern wir durch das Labyrinth der vielen verwinkelten Gässchen, machen hier und dort halt und schauen uns auch einen grün beleuchteten schiitischen Schrein an, bis wir am Ende inmitten des Basars unter einer eindrucksvollen, mit Mosaiken verzierten Kuppel stehen. Ich finde die Atmosphäre unglaublich und wir verweilen ein wenig und lassen bei einem Tee die Eindrücke auf uns wirken.
Wir kommen mit einem Professor und seinem Studenten ins Gespräch und werden anschließend von ihnen in ein kleines Café zu Tee und Gebäck eingeladen. Wir führen eine ziemlich interessante Unterhaltung über den Iran und ein Student erzählt uns, wie es ihn glücklich mache, wenn er Touristen wie uns erblickt. Dann schaut er mir in die Augen und seine Augen leuchten, als er zu uns sagt, dass er in uns ein lang ersehntes Zeichen für die Öffnung seines Landes sehe. Ich bin etwas gerührt und die kleinen Kuchen schmecken mir plötzlich besonders gut, als ich mir denke, dass das doch wirklich eine nette Assoziation sei. Ich bin die Verkörperung der Liberalisierung dieses Landes, eine Ikone des Wandels – auf der Spitze meiner politischen Wirkung – man, bin ich wichtig.
Weil Janina und ich Hunger haben, bieten die Zwei uns danach an, beim ‚besten‘ Kebab der Stadt vorbei zu fahren, und „Alis Ismaili Kebabi“ hält alle seine Versprechen. Er liegt in einer Seitenstraße etwas ab vom Schuss und hat einen traumhaften Kebab, in den ich mich sofort verliebe. Als wir dort zu Abend essen, witzelt das Personal gut gelaunt herum und die Preise sind ziemlich günstig. Was will man an einem Tag mehr?

Von Kashan nach Isfahan – einen Tag später

Eigentlich sah unser Plan vor, von Kashan aus nach Yazd zu fahren, um dann über Shiraz nach Isfahan zu gelangen. Aber Pustekuchen, denn Amon, unser Freund aus Teheran, hat sich gestern Abend bei uns gemeldet, er müsse heute nach Isfahan fahren, wegen einer Hochzeit, auf die er zu gehen absolut gar keine Lust hätte. Wir witterten gestern also die Gelegenheit der Gratis-Beförderung und nachdem klar war, dass wir mitfahren konnten, wurden wir schließlich auch noch auf die für heute Abend anberaumte Hochzeit eingeladen. Ist das krass?
Bis wir uns Nachmittags mit Amon im Basar treffen, wollen wir noch ein bisschen Kultur machen. Doch bei der trockenen Hitze, die über der Stadt liegt, trotten wir eher vor uns her. Janina schafft es dann doch nicht, mich in mehr als ein altes Badehaus zu schleppen, bevor sie meinem wehleidigen Drängen nachgeben muss und wir uns in das kühle Café, welches wir gestern im Basar gesehen haben, zurück ziehen. Das Café ist ein altes umgewandeltes Hammam mitten im Basar. Das eigentliche Highlight aber ist dessen Besitzer, der „Schnörres Man“! Er sieht so dermaßen witzig aus, dass ich seit gestern, als er sich uns das erste Mal vorgestellt hat, eigentlich von nichts anderem mehr rede. Mr. Schnörres. Er ist eine absolut sympathische Karikatur seiner selbst. Sein Oberlippenbart verdeckt seinen gesamten Mund und irgendwie erinnert er mich an die Comics von Tim und Struppi.

Wir sitzen mit Amon in seinem Peugeaut und heizen durch die Wüste in Richtung Isfahan. Die meisten Leute fahren hier einen Kia Pride, der so etwas wie der Trabant Irans ist. Man sieht sie überall, denn der Pride hat vor ungefähr 20 Jahren den Peykan abgelöst, eine alte ursympathische und ebenfalls überall herumfahrende Oldtimerlimousine, dessen größter Fan ich bin.
Am Nachmittag erreichen wir dann Isfahan, wo die Familie der Braut schon in allen Vorbereitungen steckt. Tonnen von Schminke und Haarspray. Mit viel Mühe werden die kunstvollen Hochsteckfrisuren in Form gebracht und die dicken Mütter in ihre Kleider gezwängt, bis schließlich die Braut und ihr Zukünftiger mit einer amerikanischen Oldtimer-Limo vorfahren und von den Frauen der Familie kreischend in Empfang genommen werden. Als Gäste des engsten Familienkreises geht es dann später mit einem kleinen Autokorso zur Feier und die Hochzeit wird ein riesen Tam-Tam.
Der angemietete Hochzeitssaal ist gigantisch, doch unter der beleuchteten und mit allerlei Glitzer verzierten Zeltkuppel finden für die nach iranischen Verhältnissen kleine Hochzeit bloß 200 Leute Platz. Ein Kamerateam begleitet jeden Schritt der Gäste und nicht zuletzt die des Brautpaares; an manchen Stellen rückt sogar die Feierlichkeit selbst in den Hintergrund, denn ein Hochzeitsvideo will zu inszeniere gewusst sein. Amon nörgelt die ganze Zeit herum, es gäbe keinen Alkohol. Als wir dann aber eine halbe Stunde später auf dem Parkplatz hinter dem Festsaal um ein Auto herum versammelt stehen und den illegal gebrannten Fusel in uns hinein kippen, bessert sich seine Laune schnell.
„Das scheint hier wohl der Shit zu sein! ..so schmeckt es auch.“ Denke ich mir und fühle mich wie 14, als ich von dem ziemlich widerlichen, aber dafür um so kostbareren „Whiskey“ probiere, der gerade die Runde macht.

Janinia und ich geben anschließend auf der Tanzfläche full Power und spätestens ab diesem Zeitpunkt sind wir dann wohl das Highlight der Party. Alle anderen Gäste sind neugierig, wer denn diese zwei Westler auf der Tanzfläche sind, und es gibt für uns noch viel zu lachen. Unter anderem kriege ich mich vor Komik kaum noch ein, als die Musik wieder wechselt und ich von allen aufgefordert werde, jetzt iranisch zu tanzen. Gesagt getan. Und nach ein paar Anfangsschwierigkeiten zappeln Janina und ich dann den restlich Abend nach persischem Muster über das Parkett. Der Abend ist teilweise zum Schreien komisch und Janina und ich fühlen uns total aufgenommen.

Nach dem Anschneiden des Kuchens und den schon erwähnten Tanzeinlagen werden wir zum mehr als üppigen Büffet geführt und dort anständig gemästet. Alle wollen schließlich sicher gehen, das wir auch wirklich alles probiert haben. Das ekeligste dabei war ein undefinierbarer gelber Schleim, anscheinend eine Spezialität der Region, er roch nach Kleister, schmeckte undefinierbar süß und soll angeblich aus Joghurt gemacht werden – was sehr schwer vorstellbar ist. Anschließend an das komatöse Essgelage gegen 1 Uhr nachts werden noch alle dem Brautpaar gemachten Geschenke auf einer Bühne präsentiert. Die Mutter der Braut steht dafür hoch auf einem Podest und verkündet lautstark jedes Geschenk mit Geldwert und Herkunft. Janina und ich müssen bei diesem Prozedere schmunzeln, ist uns das Ganze doch etwas fremd. Wir sind mittlerweile ziemlich müde, und nachdem die letzten Programmpunkte abgearbeitet und die letzten Gäste gegangen sind, geht es auch endlich nach Hause. Janina geht dort angekommen direkt schlafen, ich darf aber nicht. Ich muss in einer Männerrunde meinen Mann stehen und werde freundlich dazu gezwungen mit den andern Kerlen noch eine Flasche Whiskey zu trinken, bevor ich dann auch zusammenklappe.

Am nächsten Tag, dem 04. Juni, werden wir geweckt als das Lamm bereits geschlachtet wurde. Zum Frühstück kriegen wir dann beide einen Teller Nusscreme-Torte in die Hand gedrückt, während die halbe Familie in der Küche auf dem Boden sitzt und das restliche Tierchen auseinander nimmt. Zu Mittag steht also schonmal fest was es zu essen gibt, gut zu wissen.
Wir erkunden den Tag über mit Amon noch ein paar Sehenswürdigkeiten Isfahans und fressen uns bei der Familienschlachtung durch.
Bei Amons Versuch uns bei unseren neuen Gastgebern abzuliefern, cruisen wir abends noch Stunden lang mit seinem Auto durch Isfahan und kommen erst spät bei ihnen an.
Mustafa und Amir haben wir über unsere ersten Gastgeber aus Teheran kennen gelernt und als wir bei ihnen ankommen, steht Amir schon auf der Straße und winkt. Wir werden von ihm Freudestrahlend empfangen, während wir uns von Amon verabschieden müssen, der sich etwas bedrüppelt wieder zurück auf den Weg nach Teheran machen muss.

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