Mit den Nachtbus zur Yogagruppe – Etappe III – Von Istanbul bis Teheran

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Istanbul, 18.05.2015
Als ich morgens um 7 Uhr in Istanbul ankomme, habe ich im Gegensatz zur letzten Busfahrt über Nacht ein paar Stunden Schlaf bekommen, dafür nun aber tierische Bauchschmerzen. Nach meiner ersten Erleichterung ohne Klopapier, statt dessen aber mit einem heimischen Handspülkännchen, geht es mir dann aber glücklicherweise besser und ich mache mich auf den Weg zu meinem Gastgeber Mert.
Es ist bereits halb 9, als ich in Atakoy-Sirinlever ankomme, einer Metrostation im Vorort Istanbuls,  und der Berufsverkehr ist im vollen Gange. Auf der Fahrt mit der Metro vom Busbahnhof bis hierher habe ich Mert telefonisch leider nicht erreichen können und seine genaue Adresse habe ich auch nicht. Er hat sie mir zwar gestern über Whatsappp geschickt, aber im Trubel des Abschieds von Marc habe ich die Nachricht gestern Abend nicht mehr geöffnet und jetzt, da ich kein Internet habe, kann ich sie nicht mehr reinladen. So ein Mist.

So irre ich mit den GPS-Koordinaten seiner Wohnung und dem groben Wissen über irgendeine Hausnummer 55 zwei Stunden lang durch die engen Gassen, (für die, die es nicht wissen:GPS heisst +/- 65m.) bis ich es entnervt aufgebe und mich in ein Café setze. Also keine Ahnung, wie ich Mert jetzt erreichen soll. Ich hab es jetzt nochmal von ’nem anderen Handy versucht, aber immer wieder nur Mailbox. -WLAN, um an seine Adresse zu gelange, haben die hier anscheinend aber auch nirgendwo. Es bleibt mir also nur: Weiter warten und hoffen.
Ich laufe mit meinem Rucksack also wieder die Hauptstraße herunter und weiß nicht so recht,  was ich machen soll. Vielleicht nehme ich doch ein Hostel? Ach, aber um davon eines zu finden, bräuchte ich ja ebenfalls Internet. Als ich dann an einem Turkcell-Laden vorbei komme, kommt mir die Idee und ich hole mir eine einheimische Sim-Karte. Wenig später kann ich dann auch endlich Mert erreichen, aber auf seine Ankunft darf ich dann noch satte 3 Stunden warten. Warten und warten..
Die Mitarbeiter des Turcell-Laden sind dafür um so netter und alle scheinen Mitleid mit mir, dem alleingelassenen deutschen Touri mit dem schweren Rucksack zu haben. Die ganze Zeit über, bis zu Merts Ankunft, werde ich mit Kaffee und Tee versorgt, ja ich werde sogar zum Essen eingeladen. Bei so viel Freundlichkeit ist meine Laune schnell wieder auf dem Hochpunkt –
alles also halb so wild. Warten mit Kaffee, andere geben Geld dafür aus.

In Istanbul, bei Mert und seinen Freunden, verbringe ich drei Tage und komme so das erste Mal mit der türkischen Gastfreundschaft in Kontakt.
Nachdem ich geduscht habe, geht es wieder raus auf die Straße in Richtung Minibus-Station, immer Mert hinter her – wohin es geht , ich habe  keinen blassen Schimmer. Am Ende stehen wir vor Merts Musikschule, in der die traditionelle türkische Gitarre gelehrt wird. Bis Mert vor einem Jahr zum Militärdienst eingezogen wurde, hat er bei seinem Lehrer regelmäßig Unterricht genommen, mit dem wir jetzt in seinem kleinen Kellerbüro sitzen. Die zwei haben sich ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen und um so herzlicher fällt ihre Begrüßung aus. Ich werde der Runde vorgestellt, die ausser uns noch aus zwei weiteren Schülern besteht,  und es wird Tee gereicht. Nachdem des Lehrers Meisterschüler uns ein Solokonzert gespielt hatte und wir im benachbarten Restaurant – Einladung Nummer 2 – zum Essen eingeladen worden sind, kann ich dann kaum mehr gehen und es geht zurück ins Kellerbüro.

Erst merke ich es nicht, aber als alle anderen aus dem Raum gegangen sind und die Tür geschlossen ist, wird der Tonfall etwas kontroverser und man redet über Politik. Vorallem aber geht es um die gezielte Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen in der Türkei, Hass-geschürte Konflikte, Kurdendiskriminierung und um Christenmorde. Armenische Christen zum Beispiel, sie sind in der Türkei ebenfalls eine Minderheit die mit etlichen Repressalien zu kämpfen hat. Über das, was mir im einzelnen in diesem kleinen Kämmerchen über die Menschenrechtslage in der Türkei erzählt wird, will ich hier nicht weiter eingehen, aber es war sehr bewegend. Auch weil Merts Musiklehrer ebenfalls Armenier ist und damit zu einer Minderheit gehört, deren ewiges Los in der Türkei darin zu bestehen scheint, zu ertragen und zu bewältigen. Es geht soweit, dass selbst das Ansprechen und Anprangern des Völkermords an den eigenen Leuten Merts Musiklehrer wegen „Beleidigung des Türkentums“ hinter Gitter bringen könnte. Bloß eine Hand voll Leute wüssten daher von seiner Religion, die er aus Angst geheim hält, er könne – selbst als türkeiweit anerkannter Musiklehrer – seine Schüler verlieren.
Das ganze stimmt mich einerseits ziemlich traurig, erinnert es mich doch sehr stark an die Judenverfolgung in der Anfangszeit des Dritten Reiches. Doch andererseits bin ich froh, mich mit so reflektierten Menschen wie Mert, seinem Musiklehrer und später noch mit Merts Freunden unterhalten zu können, die diesen Konflikte für künstlich geschürt halten und den daraus resultierenden Hass widerlich finden. Es ist wieder einmal die Politik, die Menschen trennt, Machteliten spielen auch hier wieder einmal  Bevölkerungsgruppen völlig perfide  gegeneinander aus, um die eigene Stellung zu sichern und sie gehen dabei über Leichen. Wer die Massen kontrolliert, hat gewonnen. Schwerlich geht das mit Argumenten, einfacher geht das mit Sündenbock.

Bevor ich mich nach drei Tagen Hals über Kopf auf den Weg in die Südtürkei mache, wo ich spontan Lukas, einen Bekannten von mir besuche, verbringe ich eine schöne und sonnige Zeit in Istanbul. Mert und seine Freunde zeigen mir ihre Stadt und begleitet von den Jungs gelingt es mir bloß ein einziges Mal, eine Rechnung zahlen zu können. Ich habe mich etwas informiert: Der Zug von Ankara bis Teheran fährt bloß einmal wöchentlich von Ankara ab, deswegen kommt für mich dann nur der Zug am nächsten Mittwoch in Frage. Ist das also auch wieder geklärt. Das Ticket für die 2 ein halb Tage lange Fahrt, einmal quer durch Anatolien, bis in die Hauptstadt Irans kostet 50€. Gestern gekauft und damit 2 Nächte Hotel gespart. Ich verlasse Istanbul also, wie ich gekommen bin – im Nachtbus –  und mit der Einladung, jederzeit wieder zu kommen, ich sei „more than welcome“.

 

Fethiye, 21.05.

Der Bus, der mich am Donnerstagmorgen vom Busbahnhof weg und hin zur Turans Lodge bringen soll, schlängelt sich an Hotelanlagen vorbei. Von Zeit zu Zeit nimmt er deren Auswurf in Form von fetten deutsch/englischen Sonnenbrand-Touristen auf, dann spuckt er sie am nächsten Restaurant wieder aus. Die Horde muss frühstücken. Manche führen ihre tumorige Haut auch bereits zur Tränke und in vorbeiziehenden Restaurants steigt der Promillespiegel. „Ach du Scheisse, hier soll es also hingehen?!“ überkommt es mich, als der Arsch der nächsten englischen Schönheit kaum in den Gang passt, während die Trulla neben mir ihre Tochter am Telefon Mausi nennt.
Nach einer halben Stunde lassen wir die Hotelanlagen jedoch glücklicherweise hinter uns und der Mercedes-Sprinter schlängelt sich auf einer kleinen Straße die Steilküste entlang. Als dann die Straße endet, dauert mein Abstieg ins Kabak-Tal dann nochmal eine halbe Stunde. Mit dem Rucksack geht es über einen Trampelpfad den Hang hinab, bis ich noch rechtzeitig zur Frühstückszeit die Touran-Lodge erreiche.

Die vier Tage,die ich in Kabak zwischen der wunderschönen Natur und frustrierten Mit-50’er Yogagruppen verbringe, verlaufen recht entspannt und ereignislos.
Tourans Hill-Lodge kostet mich pro Tag 25€, Frühstück und Abendessen inklusive.
Alle schwärmen hier von der Einzigartigkeit Kabaks, sei es doch so abgelegen und mit seiner Natur so einmalig. Zugegeben, schaut man sich die schlafenden Hippies am Strand an, mag man dieses Off-Road Gefühl vielleicht noch spüren. Doch die an allen Seiten des Tals hochgezogenen Indvidual-Bungalows und das naive Omm einiger Yoga-Wohlfühlgruppen lassen erahnen, dass die Zeit längst Geschichte ist, als Kabak noch eine Entdeckung für Individualtouristen war.

 

Ankara, 25.-27.05.

Nach meiner Ankunft in Ankara warte ich morgens in einem Café im riesigen Busbahnhof auf Ulas, meinen Couchsurfer-Host. Aus Kabak schleppe ich noch eine Erkältung mit mir herum, die mich die halbe Nacht hustend in diesem Scheiss-Nachtbus wach gehalten hat. Auf absehbare Zeit keine Nachtbusse mehr, ich kann diese rollenden Hühnerkäfige nicht mehr sehen. Ich muss Janina unbedingt schreiben, dass sie mir neues Asthma-Spray mitbringt. Völlig frei von Erwartungen blicke ich nun aber auf die kommenden Tage in Ankara, bevor dann übermorgen am Mittwoch die zwei-einhalb tägige Zugreise mit dem Trans-Asia-Express nach Teheran beginnt.

Mein Gastgeber heisst Ulas, 22 Jahre alt, Hardcore-Tramper, Bio-Student ,und er hasst alles, was mit Ankara zu tun hat. Naja, verübeln kann man ihm das wohl kaum. Diese Stadt entpuppt sich als 5-Millionen Moloch ohne Infrastuktur und anscheinend auch ohne jegliche Subkultur, dafür aber mit einer Luftverschmutzung, die sich wie eine Glocke über das sich in alle Richtung ausbreitende Stadtbild legt.
Aus meiner Erkältung ist mittlerweile eine handfeste Bronchitis geworden – aber selbst die Medikamente,  die ich in der Apotheke kaufen will, soll ich nicht selber bezahlen dürfen – türkische Gastfreundschaft. Überhaupt lasse ich in Ankara kaum Geld, ich werde mal wieder zu allem eingeladen. Seien es die Medikamente, das Abendessen, das Frühstück oder das Bier, die türkische Gastfreundschaft ist überwältigend. Sie ist beeindruckend, dennoch verstörend und beschämend zu gleich, wird es mir doch stets verwehrt, für meine eigene Rechnung aufzukommen. Und das von Menschen, die augenscheinlich so viel weniger haben als ich. Ein wenig beschämt ob meiner eigenen Kultur verlasse ich die Türkei auf Gleis 2 des Ankaraner Bahnhofs, nachdem ich Ulas Versuch, nun auch noch meine Zigaretten am Bahnhofskiosk zu bezahlen, gerade noch verhindern konnte. Ich verabschiede mich von Ulas und steige mit warmen Erinnerungen an die Menschen, die ich kennen lernen durfte, in den wartenden Zug. Der Trans-Asia-Express setzt sich in Bewegung.

 

Trans-Asia-Express – irgendwo in Anatolien, 28.05.

Ich sitze in dem völlig überhitzten Speisewagen und schaue aus dem Fenster. Der Zug schleppt sich ratternd durch ein pastellfarbenes, ausgewaschenes Tal, in dessen Mitte ein vom Schlamm brauner Strom all die Sedimente mitzunehmen scheint, die der ansonsten kargen Landschaft fehlen. Ich lasse die Landschaft und die Eindrücke an mir vorbei ziehen und mit einem Tee nach dem anderen versuche ich, meinen leichten Kater ungeschehen zu machen. Gott sei dank, langsam im Takt des Zuges wird das Pochen weniger.

Bis Teheran sind es jetzt noch 36 Stunden Zugfahrt und ich habe, wie so viele Iraner auch, den gestrigen letzten Abend in der Türkei voll dafür genutzt, noch einmal ordentlich zu tanken, bevor mich dann im Iran drei Wochen alkoholische Enthaltsamkeit erwarten. Im ganzen Zug sind hauptsächlich Iraner und die paar ausländischen Touristen, die sich im Zug aufhalten, sind mit einer Ausnahme alles Deutsche. In meiner Schlafkabine sind ein persischer Opa und zwei Zugreisende aus Deutschland einquartiert worden, die ebenfalls gestern die letzte Nacht in der Türkei mit mir genutzt haben und auf ein paar Bier mit in den Speisewagen gekommen sind. Kaum hatten wir die größeren Bahnhöfe verlassen, wurden die Rauchverbotsschilder zu allererst vom Zugpersonal nicht mehr beachtet und trotz der vielen Anti-Rauch-Zeichen rauchten bald alle überall. Ein rauchender Speisewagen also, in dem die Iraner völlig steil ob des legalen Bieres gegangen sind und ein Kellner mit einen Silberblick, dass man ihm die Promille auf 20m ansah. Um dem Ganzen dann aber heute noch die Krone aufzusetzen, kippt sich der Familienvater hinter mir jetzt um 11 Uhr morgens wieder das erste Bier hinter die Binde, während sich die übrigen Iraner mit Yalla-Yalla-Musik aus mitgebrachten Handy-Boxen zu übertönen versuchen.

Manchmal wundert man sich doch stark, wie andere Menschen ticken. Die Hauptbeschäftigung einer meiner bayrischen Abteilkollegen war es spätestens mit Erreichen der iranischen Grenze, (als also noch ein ganzer Tag Zugreise vor uns lag) sich den lieben langen Tag moralisch den Kopf darüber zu zermartern, inwiefern er es denn verantworten könne, dass ein – in seiner Vorstellung – alleingelassener Hotelangestellter die halbe Nacht am Teheraner Bahnhof wartet, ohne zu wissen dass a) der Zug zu spät kommen wird und b) das Bayernduo mittlerweile von einer Bekannten bei einer Familie einquartiert worden ist, deren Angebot sie nicht ablehnen konnten. Er befand sich in einer derartigen Dauerschleife, dass egal, welchen Stand seine innere Diskussion gerade hatte, er immer wieder zu flüstern anfing „ich finde das jedenfalls nicht in Ordnung, so wie wir das machen […]“. Das Hotel hatten sie reserviert und auch den Abholservice bestellt, konnten es nun aber nicht mehr erreichen, wohl aber die Familie einer ihrer iranischen Bekannten aus Deutschland, die es als beleidigend ansah, wenn ihre Gäste überhaupt im Hotel schliefen. Diagnose: Zwickmühle. Ich fand das ziemlich gestört, war seine Situation aus meiner Sicht doch eher einen Grund zur Freude und ich fast schon ein bisschen neidisch. Doch ich bekam durch mein eher verständnisloses Verhältnis zu ihm, leise Zweifel, ob meine Eltern in meiner Erziehung den moralischen Teil etwas vernachlässigt hatten. Wenn das so ist, danke ich ihnen jedenfalls dafür. „Da mäßte nix“ sagte ich zu ihm, doch diese weise Botschaft drang nicht zu ihm durch und seine so unerschütterlich moralüberladene Denkweise bereitete ihm noch bis zur Ankunft Kopfschmerzen. Bei manchen Leuten stehste einfach nicht hinter.

Der Zug kam letztendlich mit 6 Stunden Verspätung an. Statt um 20:20 um halb zwei Uhr nachts. Die Zugfahrt für sich genommen war ein Abenteuer. Die 3 Tage haben einen sich kennen lernen lassen – über alle Sprachschwierigkeiten hinweg –  einen näher  zusammenrücken lassen, so dass der Abschied am Bahnhof nun herzlich ausfällt, bevor ich mich in ein Taxi schwinge und mit einem Taxifahrer mit durchgedrücktem Gaspedal durch das nächtliche Teheran rase.
Auf zu Ali und Samareh, meinen iranischen Gastgebern und auch zu Janina, die heute morgen schon angekommen ist. Auf in ein neues Abenteuer – 3 Wochen Iran – wer weiß, was mich erwartet…

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