Mit Marc durchs ChevapLand – Etappe II: Der Balkan – von Zagreb nach Athen

image

Im Zug von Zagreb nach Split, Kroatien 04.05.

Die zwei letzten Tage in Zagreb waren schön, wenngleich auch ungleich teurer als meine vorigen zwei Wochen in Osteuropa. In Zagreb hatten wir Glück, unser Hostel, in dem ich für Marc und mich ein Zimmer gebucht habe, hatte einen Wasserrohrbruch und so bekamen wir ein eigenes Appartement im chiquen Zagreber Altbau – mit Balkon – zum selben Preis. Ich komme einen Tag vor Marc in Zageb an und ziehe in unserem Appartement ein, bevor er gestern morgen auf einmal im Treppenhaus steht und mich angrinst.
Die Zugtickets für die Weiterfahrt nach Split habe ich schon am Tag meiner Ankunft am Bahnhof organisiert und so verbringen wir einen zwanglosen schönen Tag, essen gegrillte Sardinen und genießen das gute Wetter, bevor wir Montag früh um halb 8 in unseren Zug nach Split steigen.

Je länger wir unterwegs sind, desto karger wird die Landschaft. Vorbei an schneebedeckten Berggipfeln und menschenleerer Natur schlängelt sich unser Zug in engen Kurven sechs Stunden lang durch die kroatische Einöde. Stundenlang sieht man nur sehr vereinzelt Häuser, und manche Landstriche wirken gar vollends entvölkert. Die Vegetation verändert sich, es ist karger geworden: Beim Blick aus dem Fenster sieht man mittlerweile bloß noch dichtes Buschwerk und Felsen. Nur noch vereinzelt sieht man ein paar Bäume in der sich schier endlos fortsetzenden trostlosen Landschaft, in deren Tristesse eine gewissen Ästhetik liegt. Bedrohlich und gleichzeitig beruhigend setzt sie sich gefühlt ewig fort, bis wir endlich den ersten Blick auf Split und seine Vororte mit deren riesige Wohnblocks haben und das Meer in Sicht kommt.

Bus von Split nach Dubrovnik, 06.Mai.

Ich habe Sonnenbrand. Vorgestern in Split angekommen, verbringen Marc und ich gestern den ganzen Tag am Strand. Die Sonne scheint, es sind kaum Wolken am Himmel und endlich bin ich dieses Jahr das erste Mal im Meer. Abends essen wir eine Fischsuppe und schlendern danach durch die tagsüber von der Sonne erwärmten Altstadt von Split. Die Aussichten sind zu allen Seiten atemberaubend: Zur einen Seite das türkisfarbene Meer und die alte römische Altstadt, zur andern Seite die Steilhänge der Kalksteinfelsen, die hinter einer Hand voll heruntergekommenen Wohnblocks in den den Himmel ragen.

 

Ich kann den negativen Unterton in der Stimme meines Vaters jetzt endlich verstehen, den ich immer zu hören geglaubt habe, wenn er das Wort Chevapchichi in den Mund nahm und mit der Aussage, dass es schwierig sei, etwas anderes als Chevap. mit Pommes zu bekommen. Sobald man den Balkan betritt, hat er leider auch recht behalten. War das Essen in Ungarn noch deftig, erinnern einen die kulinarischen Highlights hier dann doch vielmehr an ein Schwimmbad-Bistro im Freibad. „Hey ab in den Süden!“ und Chevapchichi aus der Mikrowelle.

Während wir in Richtung Süden von Split nach Dubrovnik unterwegs sind, schlängelt sich die Straße an einem Abhang entlang, der zu unserer Rechten ein paar hundert Meter steil abfällt. Wir haben den Blick frei  auf das Meer und in einiger Entfernung auf einige Dalmatische Inseln. In Dubrovnik bleiben wir zwei Tage. Die mittelalterliche Altstadt erweist sich, wie uns in Split bereits von mehreren Seiten versprochen wurde, eher als Folklore-Disneyland mit viel zu überhöhten Preisen, denn als entspanntes Ausflugsziel mit mittelalterlichem Charme. Täglich legen ein halbes Dutzend großer Kreuzfahrtschiffe in den Häfen von und vor Dubrovnik an und öffnen einer Flut fetter, internationaler Tagestouristen die Tore. Durch unseren Besuch in der Altstadt und nicht zuletzt durch eine Reihe von Warnungen anderer Backpacker sind wir derart abgeschreckt und angewidert, dass wir beschließen, uns im Supermarkt selbst zu versorgen. In unserem Appartement kochen wir jeden Abend frisch. Thymian, Rosmarin und Salbei wachsen hier überall am Wegesrand und beim Abendessen auf der Terrasse genießen wir nachts den weiten Blick über Dubrovnik.

Am Tag nach unserer Ankunft und auf dem Weg zu einem der umliegenden Strände machen wir einen Umweg zur Spitze des Berges, an dessen Fuß Dubrovnik liegt. Unweigerlich und ohne Karte vergrößert sich unser Ausflug aber zu einer Tageswanderung durch das Hinterland und erst spät abends und mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir den langersehnten Strand. Das Wasser ist azurblau, einige Felsen ragen aus dem Wasser und in der gesamten Bucht sind kaum mehr als eine Hand voll Menschen.

image

Egal wohin du gehst – LIDL ist vor dir da. Der Ausflug durchs Hinterland war schön, führte er uns doch durch eine alte Festungsruine aus dem Balkankrieg, durch zwei kleine Dörfchen und durch eine atemberaubende Landschaft – endlich einmal ohne Touristen! Olivenhaine, alte Omas ohne Zähne, ein unglaubliches Panorama und schließlich das: LIDL! Inmitten der Idylle steht wie selbstverständlich und mich durch alle bisherigen Länder verfolgend ein Klon dessen, was ich in Deutschland hinter mir gelassen glaubte.
Ich muss dem ganzen noch das Phänomen der Café-Bars hinzuzufügen. Die Dinger findet man selbst noch im kleinstem Kaff und man bekommt dort, wie es der Name schon vermuten lässt, vom Kaffee bis zum Tequila alles. In den überall vertretenen und immer geöffneten Tratschbörsen sitzt stets mindestens ein Opa auf der Terrasse und trinkt seinen Kaffee. Essen bekommt man hier keines, aber trotzdem, diese Institution ist grundsolide und in Kroatien kann man voll darauf zählen, und selbst auf unserer Wanderung durch die Berge haben wir in einem der gottverlassensten Dörfer noch unser Nachmittagsbier bekommen.

Ulcinj, Montenegro

Die Busstation von Ulcinj lassen wir hinter uns und machen uns, den Rucksack geschultert, auf den Weg in die Altstadt, in der ich für uns im alten Festungsstädchen ein Hotel herausgesucht habe. Auf dem Weg durch eine noch etwas herunter gekommenere Version Kroatiens hören wir es aus allen Ecken „ROOM ROOM?!?“ schreien. Aber selbst das Angebot einer Familie, die es nur knapp schafft, mit ihrem rostigen Lada neben uns anzuhalten, um uns dann hastig aus dem Fenster ebenfalls ein Angebot entgegen zu brüllen, müssen wir leider ablehnen. Marc findet in dem Wirrwarr der Altstadtgässchen eine andere Pension, in der wir für 25€ die Nacht mit Meerblick unterkommen. Bei Hari, der auch noch Fischer ist, und seiner Familie essen wir dann später auch zu Abend, bevor wir uns auf den Weg nach Downtown machen.
Ein schmächtiger Opa rasselt mit seinem verrosteten Golf 1 an uns vorbei und kommt mit seiner Karre quietschend neben uns zum Stehen. Wir beobachten, wie plötzlich die Fahrertür aufspringt und der Opa, mit einer PET-Flasche bewaffnet, ziemlich flink um den Wagen herum zu seinem Tankstutzen huscht. Alles klar, der Sprit kommt hier also in Plastikflaschen und wir gehen weiter. Einige Minuten später rasselt der Golf dann lautstark an uns vorbei, aber in der Senke kriegt der Opa seine Rostlaube dann doch noch zum Anspringen und hinter einer blauen Abgaswolke knattert er dann davon.

In Ulcinj gibt es 7 Moscheen und eine davon steht direkt am Eingang zur Alkoholmeile. Es ist Freitag und hunderte Jugendliche sitzen in den Bars und stolzieren auf der Promenade entlang, über der jetzt der orientalische Singsang des Muezzins liegt.
Ich finde das alles etwas skurril, irgendwie urkomisch und kriege mich vor Lachen dann kaum noch ein, als wir uns in eine Bar setzen, um das Treiben zu beobachten.
Die auf der Promenade stetig stolzierende Masse macht am Ende der Straße immer grüppchenweise kehrt und das Schaulaufen beginnt von vorn. Bald haben die meisten einen Spitznamen, wir vergeben Noten und spätestens, nachdem unsere Lieblings-Nachtschwärmer das siebte Mal vorbei kommen, haben wir einen sitzen.
Auf dem Weg zurück in unsere Pension sehen wir an der Moschee dann noch einen tarnfarbenen Smart und einen vierjährigen Jungen, der angefeuert von seinem Vater, mit einem Plastik-MG in die Menge feuert. Ja gute Nacht, Inshallah.

Am nächsten Tag muss ich um vier Uhr aufstehen, um mit Haris Bruder mitten in der Nacht zum Fischen raus zu fahren. Er und sein Fischerkumpane sind zwei etwas in die Jahre gekommene Fischer wie sie im Buche stehen. Es fängt gerade an zu dämmern, als wir mit dem kleinen Fischerbötchen die ausgelegten Netze der beiden erreichen. Ich staune nicht schlecht, wie die beiden im Akkord ihre zwei Kilometer Netz einholen und etliches Kleintier und einen Tintenfisch an Deck holen. Dass Vieh kämpft mit all seiner Kraft, wird aber von Haris Bruder blitzschnell am Anker festgeknotet. Es kämpft und kämpft und als die Sonne gerade aufgegangen ist und wir in den Hafen einlaufen, hat das Vieh immer noch nicht aufgegeben.
Der Tag wird ziemlich aktiv und nachdem wir mir eine neue Frisur verpasst haben und Marc sein Omelett bekommen hat, brechen wir zu einer Tageswanderung auf. Sie führt uns entlang der zerfurchten Küstenlandschaft auf einem Trampelpfad zum größten Strand Montenegros. Beim Näherkommen erweist sich dieser aber auch als der mit Sicherheit dreckigste.
Auf dem Rückweg rennen wir noch durch eine heruntergekommene Ferienanlage aus Zeiten Titos und bereiten einem in Nostalgie schwelgenden Opa namens Vebo eine große Freude, als wir bei ihm ein Bier trinken und er in uns die Wiederkehr der guten alten Zeit sieht, in der die Deutschen noch die Küsten Jugoslawiens bevölkerten und selbst die Nudisten einem noch Trinkgeld gaben.

image
In Montenegro gibt es Zigaretten aus Serbien, Geld aus Europa und Preise, die einem Spaß machen. Der Staat macht eher den Eindruck, als verwalte er lediglich. Polizisten werden schon mal von der Straße weg gehupt und von Einheimischen ausgelacht. Ein großer Eiskaffe kostet 1,50€ und ein riesiges Stück Pizza 1€. Pizza ist hier nichts besonderes und gibt es an jeder Ecke, es steigt somit direkt zu unserem Grundnahrungsmittel Nummer eins auf. Als Deutscher ist man überall sehr beliebt und alle Menschen freuen sich unglaublich herzlich, dass man ihr Land besucht und alle versuchen einem zu helfen. Kurzum: es ist eine Reise wert, doch das nächste Mal fahren wir mit dem Auto.

Auf einem Schiff irgendwo auf dem Komani-See in Nordalbanien, 11.05.

Wir sind auf dem Rückweg mit der Fähre nach Skodër und der Motor ist verreckt. Nun treiben wir schon eine gute halbe Stunde auf dem See, zwischen den Bergen herum und ich sehe den rostigen Kahn vor meinem inneren Auge gegen die Felsen treiben. Die Mannschaft werkelt jetzt bereits seit geraumer Zeit im Maschinenraum unter Deck, gelegentlich verschwindet jemand in der Luke und ein anderer taucht auf. Während der Wind mittlerweile stärker geworden ist und das Boot über den See treibt, denke ich etwas belustigt über meinen ersten Eindruck von Albanien nach und darüber, ob meine Kameraverpackung wirklich wasserdicht ist. Die ganze Situation wird von sporadischen Hammerschlägen aus dem Maschinenraum untermalt, als plötzlich der Motor aufheult.

Um mit Bus oder Bahn von Norden nach Albanien zu gelangen, gibt es bloß die eine Möglichkeit, die wir gestern von Ulcinj genommen haben. Eine Stunde lang schlängelt sich der kleine voll bepackte Minibus durch das Hinterland zwischen Montenegro und Albanien. In Albanien ist dann wie erwartet alles noch ein Stück mehr heruntergekommen und die Menschen wohnen teilweise in Wohnblocks, die eher Bauruinen gleichen als ehemaligen Wohnhäusern. Zu diesem ersten Eindruck will dann aber doch nicht ganz ins Bild passen, dass neben den überall bewohnten Bauruinen jeder zweite hier scheinbar mit einer Benz-Limousine unterwegs ist. Ungelogen hat Albanien mit Sicherheit die die höchste Benz-Quote der Welt, sie dominieren das Straßenbild, machen sie doch sicher mehr als die Hälfte der Autos aus. Die Vorstellung, unter welcher Entrüstung ihr spießbürgerlicher Vorbesitzer aus der Kleingartensiedlung in Hürth-Kalscheuren beim Anblick seines eh und je gepflegten Gefährts in den Händen von Albanern in Panik ausbrechen würde, bringt mich und Marc mehr als ein Mal zum Lachen.

Von Shkodër nach Tirana, 12.05.

Wir verlassen Shkodër genauso wie wir angekommen sind. Mit einem in die Jahre gekommenen Mercedes und einem redseligen Fahrer machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Er findet, die Geschichte sollte neu geschrieben werden und Hitler war ein guter Mann, denn für sein Volk wollte er ja schließlich nur das Beste. In Shkodër steigen wir in einen – wie kann es anders sein -Mercedes-Reisebus und machen uns für umgerechnet 2,50€ auf den Weg nach Tirana.

Tirana – Welcome to Fake Paradise!
Ob Gucci, Prada, Versace oder auch alles gleichzeitig, zu kaufen gibt es hier so gut wie alles: Ray Ban Sonnenbrille 1,50€, Nike Air-Max Schuhe 15€ und geklaute Handys habe ich auch schon angeboten bekommen. Abends machen wir dann noch etwas ‚Kultur‘ und gehen ins Nationalmuseum, in dem wir uns dann im Schnellverlauf – für 80 Cent – die albanische Geschichte reinpfeifen können, bevor das Museum dann schließt.

Simon hat mir für die Türkei abgesagt – 5 Tage bevor wir uns in Istanbul treffen wollten. So behindert das sein mag, so schockierend ist es dann aber glücklicherweise doch nicht. Vor ein paar Tagen hab ich das bereits irgendwie geahnt und mich mit Marc darüber unterhalten. Die Türkei läuft jetzt also alleine, und da ich mir in dieser Vorahnung schon vor ein paar Tagen über Couchsurfing eine Unterkunft für Istanbul organisiert habe, wird das schon laufen – es läuft ja immer irgendwie.

Nachtbus von Tirana nach Athen, 15.05.

Die Busfahrt aus Tirana war der reinste Horror. Ohne Klimaanlage und Klo komme ich schwitzend zu drei Stunden Schlaf, während Marc es bloß auf eine Stunde bringt. Die ganze Nacht hindurch ertönt laut die Yalla-Yalla-Musik nach Geschmack des Busfahrers. Das Highlight ist dann schließlich aber doch die lautstarke Besetzung der Rückbank, die durchgängig von einer in die Jahre gekommenen fetten Albanin angeheizt wird. Die ganze Nacht hindurch hört das Gegacker nicht auf. Marc kann es nicht ganz fassen, als die Olle hinter ihm sich dann auch noch – wie um dem Ganzen noch einen drauf zu setzen – auf seiner Armlehne den Dreck unter ihren Zehennägeln heraus pult. Während Marc also die Vorzüge albanischer Erziehung auf seiner Armlehne bewundern darf, verlasse ich die Kulturnation Albanien schlafend.

In Athen haben wir uns bei Paris und Olga – ich glaube ein lesbisches Pärchen – über Air BnB für 13 Euro die Nacht einquartiert. Sie sind super zuvorkommend und die Gespräche, die wir mit ihnen über die Gesamtsituation in Griechenland haben, sind ziemlich interessant.
Vom Nachtbus aus Tirana nach Athen waren wir am Freitag dann aber doch ziemlich gerädert und so machen wir am Freitag, dem Tag unserer Ankunft, nur noch ein paar Erledigungen, bevor Marc und ich dann nachmittags um fünf wieder ins Bett fallen. In Athen verbringen Marc und ich noch zwei letzte schöne Tage miteinander, bevor wir uns am Sonntag voneinander verabschieden und ich ihn in der Tram davon fahren sehe. Nachmittags schwinge ich mich dann in den nächsten Nachtbus in Richtung Istanbul! Auf nach Asien!!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.