„Nein, nicht Ost-, wir sind in Mitteleuropa!“ – Etappe I – von Leipzig nach Lubbi

„Nein, nicht Ost-, wir sind in Mitteleuropa!“

Leipzig – Prag – Bratislava – Budapest – Ljubljana – Zagreb

Fast schon pikiert durfte ich mir diese Belehrung mindestens drei mal anhören. Es ist ja auch verständlich, wer möchte heutzutage schon Osteuropa sein. ‚Osteuropa‘ ist out und dieser Tage bloß noch ein schmaler Streifen kurz vor dem Ural. Solange es im Osten noch ein weiteres Land gibt, was sich zu Europa zählt, befindet man sich sich definitiv westlich davon, will sagen: Mitteleuropa.

 

Leipzig
Es ist jetzt vier Tage her seit meinem Aufbruch nach Leipzig. Das Wochenende mit Axel, Lara, Dome, Simon, Marie und deren zwei Mitbewohnern Till & Jana war einfach nur lustig. Axel war wie immer die Stimmungsrakete und alle waren super drauf. Am Freitag wollen wir spät abends noch auf eine Hausparty, aber weil es zu voll ist und die Leute bis hinunter auf die Straße stehen, lassen wir es dann doch und gehen in eine Kneipe um die Ecke.


Am Tag darauf, am Samstag, gehen wir zum Kanal, Wasserschweine füttern. Viel weiter als bis zur ersten Weißweinschorle kommen wir dann aber dann doch nicht und der Abend bricht an. Marie nimmt uns mit auf ein Straßenfest, auf dem sie und und Jana sich ein Reggaekonzert anschauen wollen. Nachdem dann Axel aber voller Enthusiasmus von einem 90’er Trash-Konzert im Hinterhof berichtet, gibt es kein Halten mehr und wir rasten eine Stunde lang völlig aus. Superlustig – was für ein genialer Abend!
Zurück bei Marie, brechen wir nachts noch einmal auf, um auf eine „Nebelparty“ zu gehen. In einem Gewölbe, mit soviel Nebel, dass man die eigene Hand nicht vor Augen sehen kann – auch ganz witzig.

 


Am Samstag bringen mich alle noch zum Bahnhof. Der Abschied ist dann aber doch ziemlich theatralisch und Lara, die kleine Maus, bricht in Tränen aus.
Damit, dass sie mich bis zu meinem ersten Stopp begleitet haben und mit dem Wochenende generell, haben meine Freunde mir ein riesiges Geschenk gemacht und ich verlasse Deutschland frohen Mutes und mit Lust auf mehr!

Prag:
Ich bin bei Daniel und Antonia unter gekommen. Sie sind zwar gerade halb im Umzug, aber ich fühle mich die ganze Zeit willkommen. Es ist ein bisschen wie in meinem Klischeebild – alle Tschechen nehmen Drogen und hören Techno – die beiden organisieren ungefähr alle zwei Wochen Technoparties, illegal und irgendwo im Wald. Ausserdem,  rate mal welche Musik die ganze Zeit läuft? Die letzte Party am Freitag habe ich leider gerade verpasst – vielleicht auch besser so :D. Um kein Geld für das WLAN zu bezahlen, zapfen sie mittels Fernantenne die Netzwerke der umliegenden Restaurants an. Ausserdem wohnen die beiden auch noch noch über einem goldenen Spielkasino in einer der nicht gerade renoviertesten Gegenden.
Daniel nimmt mich freitags mit, auf ein Bier in einer nicht angemeldeten Kneipe. Von aussen sieht das Haus völlig verlassen aus. Alle sparen hier wohl, wo es nur geht.
Die zwei darauf folgenden Tage gehe ich einmal auf ein Couchsurfing-Event und einmal mit den beiden in ein traditionelles Brauhaus, bevor ich mich dann am Mittwoch auf den weg nach Bratislava mache.

In Prag verbringe ich tagsüber die Zeit damit, durch eine etwas heruntergekommene Kopie von Wien zu laufen. Die Sonne scheint und die Stadt gefällt mir, perfekt, denn ich bin eingeladen, jeder Zeit wieder zu kommen.
Die Junkie-Quote in Prag ist dann doch ziemlich extrem, passt aber irgendwie zu den Umständen und erinnert mich dann doch ein bisschen an Zuhause in Köln-Mülheim.

 

Slowakei,Bratislava, Donnerstag der 23.04.

Ich bin wieder in Euroland! Die Slowakei hat anscheinend über Nacht das Bild eines ärmlichen Landes irgendwo bei Transsilvanien gegen ein paar Glasfassaden und den Euro getauscht. Durch die neue Optik fühlt sich Bratislava an wie ein Sowjetlager, aber plötzlich nur noch 90km von Wien entfernt.
Auch wenn sich Europa hier manchmal in einem lautstarken, von einem Bulgaren bedienten Laubbläser manifestiert, wirbelt es dennoch genügend Staub auf, um die überall präsente kommunistische Ära vielleicht nicht vergessen zu machen, aber die neue Euro-kosmopolitische Zeit jedoch so präsent zu halten, dass es das Hinterfragen der Errungenschaften durch ‚Europa‘ überflüssig macht und ich froh bin, dass uns keine Grenze mehr von diesem uns kulturell ohnehin sehr nahstehenden Land trennt.

 

Budapest, Ungarn, 29.04

Als der Zug Ungarn erreicht, sind es keine 50 Kilometer mehr bis Budapest. Für diese unglaubliche Entfernung braucht der Zug, der sich seit Ankunft in Ungarn nur noch im Kriechtempo bewegt, aber noch über eine Stunde. Die Sonne scheint und es ist warm, als ich in Budapest ankomme und ich mich vom Ostbahnhof auf den Weg zu meinem Hostel mache. Die ersten zwei Tage bleibe ich in dem Hostel und gebe viel zu viel Geld aus bis ich Dienstag bei einem Couchsurfer unterkommen kann.
Nun stehe ich also mit meinem Backpack vor der Tür Benjamins, der mich für drei Tage aufnehmen will. Die Tür öffnet sich, vor mir steht ein langhaariger Hippie, etwas dicklich, rote Haare, in Ballonhosen. Ausser ihm sitzen noch drei, später vier, Couchsurfer im Wohnzimmer, die sich einen Joint teilen. Krass, der Typ hostet gerade ernsthaft fünf Leute gleichzeitig. Diesem Umstand habe ich es dann auch zu verdanken, dass ich, als ich am Abend nach ‚Hause‘ komme, auf dem Boden schlafen kann. Toll. Ich schnappe mir meinen Schlafsack und lege mich in die Ecke, in der ich dann auch am nächsten Tag mit Rückenschmerzen aufwache.
Mit Rückenschmerzen und einem Kater werden wir dann bereits um 9 Uhr rausgeworfen, Ben hat zu arbeiten und es regnet. Hostel war vielleicht doch besser.

Ich habe die letzten Tage zwei Erasmus-Studenten aus Slowenien kennen gelernt, die mich auch direkt nach Ljubljana eigeladen haben. Etienne aus Frankreich und Lise aus Belgien. Die zwei sind ziemlich verrückt und zelebrieren die frankophone Errungenschaft des Aperitifs durchgehend. Wir verbringen eigentlich die meiste Zeit zusammen und, abgesehen von meinem ziemlich durchwachsenen Nächten, ist es richtig witzig. Das Wetter ist schlechter geworden und wir entscheiden uns, Dienstag in eine der türkischen Thermen zu gehen. Sie ist ziemlich herunter gekommen, aber ich mag diesen verfallenen postkommunistischen Style, jetzt aber verziert mit osmanischen Spitzbögen. In Deutschland würde das jetzt als ‚Vintage‘ durchgehen.

Mein Host Benjamin spricht 12 Sprachen und lebt ein Nomadenleben. Er zieht von Zeit zu Zeit in ein anderes Land, macht einen auf Sprachlehrer und lernt eine Sprache nach der anderen. Das ganze macht er, seitdem er 17 ist,  jetzt  ist er 23.
Er ist also etwas durchgeknallt, was vielleicht auch erklärt, warum er fünf Leute gleichzeitig aufnimmt, für die er gar keinen Platz, geschweige denn einen Zweitschlüssel hat.

 

Im Auto per Anhalter von Budapest nach Ljubljana,
Slowenien, 30.04.

Etienne und Lise sitzen hinter mir, neben mir prügelt ein kiffender Rumäne seinen Ford Ka auf 160 km/h in Richtung Italien. Auch wenn wir gestern noch Witze darüber gemacht haben, zufällig beim Trampen vielleicht im selben Auto zu landen, ist genau das passiert und der Rumäne scheint uns jetzt den ganzen Weg bis nach Slowenien mitzunehmen. Einfach nur genial.

Jana hat mir gestern geschrieben, dass sie jetzt den Flieger in den Iran für den 28.05.-18.06. gebucht hat und ihr Visum gerade in der Mache sei. Es läuft ja gerade einfach nur rund.
Marc kommt dann am 03. nach Zagreb und fährt mit mir über Albanien bis nach Athen, von wo aus er am 17. wieder zurück fliegt. Vom 18. bis zum 30. oder so, ist dann Simon in der Türkei dabei und jetz macht Jana auch noch den Iran mit mir… Irgendwie krass 😀
Dann muss ich ja schon fast gucken, dass ich überhaupt mal alleine unterwegs bin, denn Lara wollte in Thailand und Sülle auf Bali dazu stoßen. Meine Familie sehe ich dann auf Kuba und Jeske wollte ja auch noch vorbei schneien. Läuft.

Ich musste heute bei Ben ausnahmsweise nicht  auf dem Boden schlafen und in Ljubljana werde ich ein Bett haben! Seit zwei Wochen habe ich meine Klamotten nicht mehr waschen können. Das ist doch ziemlich ekelig wenn man bedenkt, dass Unterhosen bloß zwei Seiten haben. Deswegen freue ich mich jetzt um so mehr auf diese verheissungsvolle, mir versprochene Waschmaschine.

 

Ljubljana, Slowenien, 30.04.

Es ist dunkel und bloß das blaue Dimmerlicht aus dem verfallenen Haus vor mir spendet etwas Licht. Im Hintergrund hört man das dumpfe Wimmern einer Anlage, die unter ihrer eigenen Lautstärke ächzt. Ich bin für eine Zigarette aus dem ‚Club‘ gegangen und denke über Gott und die Welt nach. Die Parties hier sind sind denen in Köln ziemlich ähnlich. Halb illegal, tanzbare Elektromusik, aber dafür ist hier alles ziemlich herunter gekommen – Kostenpunkt 5€.
Als Lise und Etienne nach Hause wollen, bleibe ich noch eine halbe Stunde, mache mich dann aber ebenfalls auf den Weg zum Erasmus Wohnheim. Ihren Gedanken, mich vielleicht doch lieber nicht alleine zurück zu lassen, zerstreue ich schnell. Und auf dem Rückweg bin ich es, der die beiden – Lise liegt schlafend am Wegesrand – einsammelt und nach Hause bringt.

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