Die H’Mong – Spitzmauscurry in Nordvietnam & Als Alien im Reich der Mitte – Nordvietnam und China 11.11.-12.12

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11. Nov – Hanoi

Hanoi hat sich verändert, seit ich vor drei jahren zuletzt hier war. Es ist eigenartig und im Inneren weiß man es zwar, aber wenn man es dann mit eigenen Augen sieht, ist es doch erschreckend. Ich fand es ja bereits absonderlich in Laos und Kambodscha, so viele Reisende zu treffen, die, bevor sie in diese Länder kamen, bereits Vietnam bereist hatten. Wo hier vor drei Jahren ein Tourist war, sind es jetzt 20 – und sie bestimmen das Straßenbild der einst von Mopeds fast platzenden Metropole. Natürlich, Mopeds gibt es hier immer noch, und ihre Zahl geht in die Hunderttausende, doch wird ihre vormals so unaufhaltsame Flut nun von der Präsens der vielen Autos gelähmt und der Verkehr ist langsamer geworden.
Aus dem vor drei Jahren damals in einer Ecke der Stadt noch einzig existierenden Bier-Straßenstand ist inzwischen eine Art Café geworden, vor dessen draussen aufgestellten Bast-Stühlen ich nun ein Schild erblicke, auf dem „Seafood-Fried Rice-Crab Rolls” steht. Im Bahnhof ist ein englischsprachiges Servicecenter für Touristen eingerichtet worden – all dies noch vor drei Jahren völlig undenkbar. Auch sind die – an einem Bambusstab 2 Körbe balancierenden – so typischen Lastenträger rarer geworden.
Für mich ist Hanoi damit ärmer geworden, auch wenn vielleicht das genaue Gegenteil der Fall ist. In der Altstadt gibt es nun viele neue Cafés mit englischen Aufschriften, in denen teilweise auch eine neue Mittelklasse sitzt, die es vor drei Jahren noch gar nicht gab. Mit den vielen Straßenständen sind auch die Gerüche verschwunden, deren hier und dort auftretende Spuren bloß noch ein Hauch dessen ist, was ich einst so berauschend aufsog. Es ist sicher einiges bequemer geworden, nicht zuletzt die Einreise in dem neueen Hochglanz-Flughafenterminal, wo nun zehn hochmotivierte und freundliche Einreisebeamte die grimmigen Militärpolizisten abgelöst haben. Wegen all dieser Veränderungen habe ich mich dazu entschlossen, Hanoi morgen bereits wieder zu verlassen. In dem Versuch, mein Bild von dieser damals an jeglicher Organisation fehlenden, quirligen Kapitale zu retten, besteige ich morgen den Nachtzug in die Berge, nach Lao Cai und Sa Pa….. oder fahre ich doch gleich weiter nach China?
Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge, denn trotz all dieser Veränderungen: Hanoi ist immer noch Hanoi, das Essen ist fabelhaft und ich fühle mich hier wohl – aber hach, mich packt gerade die Melancholie.

Alter, der Straßenstand hat jetzt auch noch Wlan – Ich dreh durch!

 

12. November – Sapa

Ich bedauere es ein wenig, den Zug nach Sa Pa so früh genommen zu haben, habe ich dann doch noch das alte Hanoi mit all seinen Gerüchen und bedeutend weniger Touristen in den kleinen Seitenstraßen wieder finden können. Ein einheimisches, recht dreckiges Restaurant [Hier ein Qualitätsmerkmal.] versorgte mich über die zwei Tage hinweg mit ausnehmend gutem, ja himmlischen Essen und sogar die Bauchspeck-Oma aus meiner Erinnerung hatte mit ihrem kleinen Stand den alten Platz beibehalten. Nun sitze ich in einem kleinen Restaurant in einer Seitenstraße Sapas, welches mittlerweile auf Hochglanz poliert worden ist und warte auf mein gegrilltes Täubchen. Leider habe ich im Hinblick auf meinen geplanten zweitägigen Aufenthalt den Fehler gemacht, zuviel Geld abgehoben und ebenso eine Nacht zuviel reserviert zu haben. Hier ist alles noch um einiges touristischer und mangels Stadtgröße weniger ursprünglich als in Hanoi. Deswegen werde ich morgen wohl bereits nach China weiter reisen, um die Horden westlicher Touristen an der Grenze hinter mir lassen zu können. Grenzen haben eben manchmal auch etwas Positives.

15. November, doch noch in Vietnam.

Nachdem ich in dem Restaurant in der kleinen Seitenstraße ein wenig vor mich hin sinniert hatte, machte ich mich auf den Weg in die Berge. Auf gut Glück wollte ich nach dem Haus einer H’Mong Familie suchen, die mich und meinen guten Freund Jeske vor drei Jahren aufgenommen hatte. Ich wusste noch, dass der Weg ist etwa drei Stunden dauerte und mich entlang der Seite eines großen Tals durch einige kleine Dörfer führen würde. Immer kleiner werdenden Pfaden folgend vertraute ich meiner Erinnerung, der die wundervolle Landschaft in nichts nachstand. Nach vier Stunden Wanderung, durch eine der schönsten Gegenden der Welt erblickte ich schließlich eine Szenerie, die mir sehr bekannt vorkam. Ich stieg einen kleinen glitschigen Pfad hinunter und folgte ihm balancierend durch einige Reisfelder, bis ich schließlich vor einem schiefen Holztor zum Stehen kam, hinter dem ich die gesamte Familie vor ihrem Haus erblickte. Muh, die Mutter der Familie, erinnerte sich noch an mich und die Begrüßung fiel fröhlich aus. Die Größe ihres Hauses hatte sich seit meinem letzten Besuch verdoppelt und die damals hochschwangere Muh hatte einen weiteren Sohn geboren. Ich verbrachte den restlichen Tag und den Abend bei der nun fünfköpfigen Familie, die mich mit reichlich Essen versorgte und mich schließlich mit Reisschnaps, dem sog. „Happywater” abfüllte.
Die Stimmung war ausgelassen und bevor mich Muhs Mann in der Dunkelheit der Nacht auf seinem Moped in mein Hostel brachte, sagte ich noch zu, ihm am nächsten Tag, dem 14., bei einem Hausbau in den Bergen helfen zu wollen.

Nach kaum mehr als 5 Stunden Schlaf erwachte ich am nächsten Morgen und bereute sogleich das am Vorabend gegebene Versprechen. Um 6 Uhr verließ ich wehmütig mein Bett und packte im Dämmerlicht meiner Nachttischlampe meine Sachen. Kater, klasse! Als ich vor die Tür meines Hostels trat, zogen einige Nebelschwaden vorbei und die morgendliche Kälte ließ mich eine Gänsehaut bekommen.

Meinen Rucksack geschultert blickte ich mich ein wenig um und sah Muhs Mann bereits an der nächsten Straßenecke, wie er auf seinem Motorrad sitzend auf mich wartete.
Auf den steilen Schotterpisten, auf denen das Motorrad oft unter unserer Last ächzte, zog mich mein Rucksack gelegentlich fast vom Motorrad und während hinter der nächsten Bergkette gerade die Sonne emporkam, schnitt der kalte Fahrtwind in meine Hände, die sich mit allen Kräften am Motorrad festhielten. Ich war völlig durchgeschwitzt und fröstelte dennoch, als wir eine halbe Stunde später das Dorf der Familie erreichten. Wir stärkten uns noch ein wenig, ich ließ mein Gepäck zurück und schon ging der Gewaltmarsch los.
Über Klippen und Bachläufe balancierend, folgten wir winzigen, für mich oftmals kaum erkennbaren Wegen. Vorbei an Wasserfällen und steilen Abgründen schraubte sich der Pfad 600 Meter in den Himmel. Ich genoss die atemberaubende wolkenverhangene Aussicht, die von einem Extrem ins andere wechselte: Die dumpf-matte Stille beim Eintritt in die Wolken, der von Tau bedeckte Regenwald, die gleissende Sonne und die farbenfrohe Tierwelt ließen mich mit großen Augen staunen.
Zuletzt überquerten wir in 2500 Meter einen Bergkamm, bevor wir nach einer knappen Stunde Aufstieg das Land der Familie erreichten. Dort angekommen wurden wir bereits von vier weiteren Familienmitgliedern erwartet, mit denen wir über den Tag hinweg das Landhaus bauen sollten. Sie saßen um ein Feuer versammelt und musterten mich neugierig. Wir tranken einen Tee, die Männer wechselten ein paar Worte und schon war das Eis gebrochen. Ein mir unverständlicher Witz seitens Muhs Mann lockerte das Klima schnell auf und, obwohl ich mit keinem der Anwesenden auch nur ein Wort wechseln konnte, waren die Männer durchweg ausgesprochen freundlich zu mir.

Das Land der Familie liegt auf einer von Wald bedeckten Bergkuppe, auf der vereinzelt zwischen den vielen Bäumen mir unbekannte Nutzpflanzen wachsen. Auf der abfallenden Seite hatten die Männer bereits in den vorigen Tagen ein kleines Plateau errichtet, auf dem nun das Haus aufgestellt werden sollte.
Ringsherum umgab den Berg eine dichte Wolkendecke und, während gelegentlich Wolken durch den Wald zogen und die Sicht verhangen, kamen mir die Bergspitzen, die im gleissenden Sonnenlicht der Morgenstunden vereinzelt die schier endlose Wolkendecke durchbrachen, vor wie die Inseln eines mystischen Wolkenmeeres.
Über den Tag hinweg schweiften meine Blicke gelegentlich ab und ich ertappte mich öfters dabei, wie ich gedankenversunken und fasziniert von meiner Umgebung zwischen den Bäumen hindurch in die Ferne blickte.

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Zu Mittag gab es heimische Kost. Heimische Kost, das sind Nager mit Reis und Gemüse – und dazu natürlich wieder Happywater. In den am Vortag aufgestellten Fallen hatten sich über Nacht 4 Ratten und eine Spitzmaus verirrt, welche über dem Feuer angesengt und dann, nachdem sie ausgenommen und zerkleinert waren, in einen der Kochtöpfe wanderten. Wie erwartet schmeckten die Viecher gar nicht einmal schlecht und bestärkten mich in der Annahme, dass alles, was kreucht und fleucht, im Prinzip essbar ist. Ohnehin wäre es von den H’Mong ziemlich dämlich, Ratten und ähnliches Getier nicht auf ihrem Speiseplan zu haben, wenn es sich doch so leicht erbeuten lässt. Warum soll man denn auch umständlich jagen gehen, wenn man eben so gut über Nacht ein paar Fallen im Wald aufstellen kann? Sehr effizient – und da der Mensch ja prinzipiell eher fauler Natur ist, für mich völlig verständlich.
Wir beendeten am späten Nachmittag den Hausbau damit, den gesamten Rohbau bzw. das Balkengerüst vollendet zu haben.
Die Machete ersetzt bei den Jungs hier alle möglichen Werkzeuge: Ob als Hobel, Säge, Axt oder Hammer, diese Kerle verbringen wahre Wunder mit dem Teil. Auch bauten sie das gesamte Haus vollständig ohne Nägel, alles wurde mit kleinen Holzkeilen in Position gebracht, verspannt und fixiert und das alles ohne Metermaß, Winkel, oder gar elektrische Hilfsmittel. Die haben’s drauf, das muss man denen erst einmal nachmachen.

 

17. Nov. – Hekou, China

Insgesamt verbrachte ich vier Tage bei der H’Mong Familie, wobei ich meine Weiterreise nach China zweimal verschob. Ich duschte nicht ein einziges Mal, spielte viel mit dem jüngsten Sohn der Familie und half dem Vater hier und dort bei seinen alltäglichen Arbeiten.
Am zweite Tag bekamen wir Besuch von einer dreiköpfigen Gruppe hysterischer Kanadierinnen. Sie waren anstrengend, gingen jedoch Gott sei Dank so schnell wie sie gekommen waren. Irgendwie schafften sie es, in der begrenzten Zeit eines Abends einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Nachdem Trulla Numero eins Muh einen ganzen Abend nicht aus dem Klammergriff ihrer Zuneigung ließ, konfrontierte mich die Bella neben mir mit ihrem Entschluss, heute Abend mit mir Sex haben zu wollen. Selbstbestimmung adé. Ich glotzte sie irritiert an und sie in völligem Selbstverständnis zurück. Manche Menschen sind merkwürdig.- Im Verlauf des Abends stieg den drei Mädels der Reiswein noch stark zu Kopf und als sie am nächsten Morgen wieder fort waren, schienen alle Beteiligten darüber recht glücklich zu sein.

Als Abschiedsgeschenk gab mir Muhs Mann eine selbst gestickte Umhängetasche und einen ausgewachsenen Kater mit auf den Weg. Mein Kater steckte in der anderthalb Liter Flasche ‚Happywater‘ des vorangegangenen Abends, welche wir fast ausschließlich zu zweit geleert hatten. Eine weitere Flasche Reisschnaps steckte randgefüllt und mit Honig verfeinert tief in meinem Rucksack. Den zukünftigen und den bereits vorhandenen Kater im Gepäck, machte ich mich am Morgen meines Aufbruchs auf den Weg zur chinesischen Grenze. Nachdem ich die vietnamesische Grenzstadt ‚Lao Cai‘ erreicht und mich auf den Weg zur ‚Friendship Brigde‘ gemacht hatte, ging mir die ganze Zeit ein Lied nicht aus den Ohren, und grinsend trällerte ich vor mich hin: „Isch mööt ze Fooß noh Schieena jonn..” Die Sonne schien, ich genoss die Tropenwärme und das Wort „CHINA“ hing wie eine große aufregende Unbekannte vor mir in der Luft und machte mich erneut zum Abenteurer.

Kaum hatte ich die chinesische Grenze überquert, mutierte ich zum Analphabeten. Meine spätere Suche nach einem neuen Knopf für meine Hose oder nach einem Stift für mein Tagebuch scheiterten kläglich an der Sprachbarriere. Wobei für mich das Wort ‚Barriere‘ in diesem Kontext ungenügend zu sein scheint, Barrieren sind überwindbar. Mauer scheint mir hingegen passender, Sprachmauer – keine Chance. Es spricht hier wirklich niemand Englisch, die Gesten sind anders und jeder Versuch von Kommunikation fällt ins Wasser. Es ist zum Verzweifeln.
Nachdem ich einige Zeit [eher mehr als weniger] darauf verwendet hatte, mich mit Unterkunft und Bargeld zu versorgen, lief ich noch ein wenig ziellos durch die Straßen und versuchte, mir etwas Essbares zu besorgen. Sprache ging nicht, lesen auch nicht, Preise erkennen also eben so wenig und so folgte ich etwas resigniert den Hochglanzbildern eines sehr ursprünglich aussehenden Restaurants. Ich bestellte Dinge, auf die ich zeigen konnte, und bekam Dinge, die man gerade so noch essen konnte. Doch der Kater trieb es hinein und mich anschließend aufs Hotelzimmer. Preise von Hotel und Restaurant bewegten sich in einer Reihe und der Wucher und das Gefühl von allen abgezogen zu werden, ließen mich in einen gleichgültigen Nihilismus verfallen, in dem ich blöd grinsend Sätze dachte wie: „Na klar nehmt mein Geld, ich habe viel zu viel davon! Richtig so! Immer drauf!“ Auf dem Weg zu meinem Hotel fand ich auf einmal alles urkomisch, blieb einige Male stehen und musste laut lachen – sicher unter dem ein oder anderen schrägen Blick vorbei eilender Passanten.
In meinem Hotelzimmer angekommen, schloss ich mich ein – oder die Welt aus. Ich duschte mich und dämmerte dann auf dem Bett ein wenig vor mich hin, bis ich, es war inzwischen dunkel geworden, gegen 21 Uhr etwas entnervt die Augen wieder öffnete.

Es war grauenhaft. Das chinesische Harmonie-Verständnis hat nichts mit dem meinen zu tun. Genau auf der gegenüberliegenden Straßenseite meines Hotels hatte eine etwas in die Jahre gekommene Primadonna ihre Zelte aufgeschlagen um nun aus Leibeskräften mein Hotelzimmer zu beschallen. Um 9 Uhr abends dröhnte die chinesische Kultur lautstark, ja gewaltsam in mein Hotelzimmer und das zweifelhafte Vergnügen eines Gratis-Konzertes trieb meine krampfhafte Suche nach Oropax voran – und mich in den Wahnsinn. Diese krächzende, alle mir bekannten Tonlagen verfehlende Sängerin sang eine schiefe Arie nach der anderen. Sie brüllte, auch gelegentlich abgelöst von ihrem nicht minder schrecklichen männlichen Counterpart, in das Mikrophon ihres mitgebrachten Verstärkers, der allem Anschein nach exakt auf mein Hotelzimmer und perfekt auf meine Schläfenlappen ausgerichtet war. Wie kann eine ein Mensch nur eine solch schrecklich krächzende Disharmonie hervorbringen? Chinesische Opern, bestimmt der pure Horror. Nachdem nach einer weiteren halben Stunde für mich kein Ende dieser Gewaltbeschallung absehbar war und ich es auch mit geschlossenen Fenstern kaum mehr aushalten konnte, trieb mich das Grandma-Dreamteam schließlich erneut auf die Straße. Das ist doch ein schlechter Scherz, was habe ich bitte verbrochen, um von dieser Ausgeburt der Hölle so gestraft zu werden? Eine grauenhafte Frau. Von meinem Exil aus, einem Plastikstuhl vor einem Straßenstand, beobachte ich nun in einem Park die öffentlichen Tanzübungen einiger chinesischer Damen. Ich warte auf mein Essen.
China, Mann, ist das alles wieder einmal anders!

 

19. November – Xinjie, Provinz Yunnan

Während der letzten Tage schwirrte in meinem Kopf ständig eine Zeit- und Kalenderrechnung umher, die nicht so ganz aufgehen wollte. Aber was soll das Gemaule, die drei Tage, die ich mehr in Vietnam verbrachte, sind den jetzigen Umstand der Zeitknappheit allemal wert. – Wo soll man auch länger bleiben, wenn nicht dort, wo es einem gefällt und man willkommen ist? Ich schätze nirgends, nur bin ich es einfach nicht mehr gewohnt, in knappen Zeitfenstern zu planen und zu denken. In Anbetracht dessen scheint mir die Vorstellung vollends absurd, schon in drei Wochen auf Kuba sein zu wollen, wo ich meine Familie aus Köln treffen werde.

Seit drei Tagen bin ich nun in China. Selbst als viel bereister Mensch mit nun genügend Erfahrung (ha, ha…!) finde ich momentan jedoch, dass das kein Reisen hier ist. Eher ist es ein ständig andauerndes Durchwurschteln, denn permanent stellt sich die Frage nach dem nächsten Haken, nach dem nächsten Kommunikationsfiasko. Ich finde das ganz witzig, denn wenngleich auch sauanstrengend, lässt es einen doch kreativ werden [müssen]. Der Screenshot ist jedenfalls meine Methode, gezielt Sprachprobleme zu umgehen. Wobei dieser als solches natürlich vorab geplant sein will, um auf Reisen auch ja für alle Eventualitäten gewappnet zu sein. Chinesische Zeichen lassen sich nun einmal nicht so einfach abmalen, geschweige denn aussprechen oder merken. In allen vorab bereisten Ländern dachte ich zwar stets, dass die digitale Technik das Reisen um den selben Grad bequemer mache, wie sie es auch um Abenteuer verarmt, doch Hand aufs Herz: Ich scheiss‘ aufs Abenteuer!
Ich bin unendlich froh, zumindest einen Kommunikationskanal ausfindig gemacht zu haben! IPAD, Screenshot, ich bete euch an!

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Zusätzlich zum Sprachproblem habe ich auch noch ein Restaurantproblem. Also, wenn ich das hier richtig verstanden habe, und das bezweifle ich, sieht das Problem so aus: Es gibt zwei Kategorien von Speisen. Die eine ist für Gruppen und wesentlich teurer, die andere hingegen für Einzelpersonen. Da man nun aber leider kein Chinese ist, weiß man nie, welcher Kategorie das angepriesene Hochglanzbild angehört. Das ist ein Problem, also mein Problem. Bei meinem ersten Restaurantbesuch habe ich 65R bezahlt, das sind 10€. Mittlerweile bin ich bei 6-12R angelangt, das ist besser. Obwohl Einzelgerichte im Grunde nur Nudelsuppen oder Nudeln sind, jetzt einmal ernsthaft, möge mir ein Jemand eine andere Strategie vortragen, als die meinige. Meine, und gleichzeitig meine einzige Strategie ist es, einfach so lange die Straßen hinauf und hinab zu gehen, bis ich schließlich an einem Restaurant vorbei komme, in dem jemand sitzt, auf dessen Essen ich zeigen kann. Ansonsten bleibt mir nur, etwas zu quietschen und mit „Miiii!” [Ich glaube es heisst Nudeln] auf Essen zu hoffen.
Morgen mache ich mich auf den Weg nach Jianshui. [Mann, bin ich froh, mir diesen Namen merken zu können.] Jianshui liegt circa fünf Stunden nördlich Xinjie’s und soll angeblich über eine von der Kulturrevolution vollständig verschonte Altstadt verfügen, die ich mir gerne anschauen möchte. Dort bleibt mir wegen meiner bereits erwähnten Zeitknappheit jedoch leider nur eine Nacht, bevor es anschließend mit dem Zug weiter in Richtung Kunming, der Hauptstadt Yunnans, gehen wird. Und dann kommt der saure Apfel: Zwei Wochen Farmarbeit wegen Geldknappheit. Ich werde es wie immer machen und das beste daraus mitnehmen. Tiefere Einblicke in die chinesische Gesellschaft und Kultur, in das Arbeits- und Familienleben sind sicher auch alles andere als uninteressant. Bis dahin genieße ich das Leichtbier und die Nudeln. Nudeln, Nudeln, Nudeln.
Von Xinjie und Umgebung habe ich ganz schöne Fotos gemacht, aber da ich die Nummer mit den Reisterrassen bereits kenne, bleibt der Jubelschrei aus.

23. November – im Zug zwischen Kunming und Mianyang

Bevor ich vor zwei Tagen in Kunming ankam und dort ein wunderschönes Wochenende verbrachte, schaute ich mir einen Tag lang die Altstadt Jianshuis an – und stieg dort letztendlich in meinen Zug in Richtung Kunming. Jianshui hat eine wunderschöne Altstadt, wobei diese teilweise deswegen so schön ist, weil sie streckenweise brandneu ist. Die Chinesen bauen sich ihre Altstadt inklusive gigantischer Stadttore eben so, wie sie sich das vorstellen. Kostspielige Renovierungen machen da rein rational keinen Sinn, zumindest dann nicht, wenn es einem an dem Bewusstsein mangelt, Dinge als erhaltungswürdig anzusehen, die man für weniger Geld ebenso komplett neu errichten kann. Und während die Chinesen sich eine neue Altstadt bauten, verbrachte ich dort einen sonnigen Tag und freundete mich mit zwei Studenten aus Kunming an, die mich abends sogleich auch zum Essen einluden. Läuft….

Während der Zugfahrt nach Kunming musste ich ein paarmal verhalten lachen. Nicht genug, dass ich vom Ticketkauf bis zum Einstieg in den Zug vier Personenkontrollen unterzogen wurde, ich fühlte mich auch bei meiner Ankunft im Bahnhofsgebäude wie bei einem Viehtrieb. Etliche Dutzend Uniformierte überwachten an allen Stellen das Prozedere und die Abfertigung der Massen. Ständig wurde die Menge angewiesen, wohin sie laufen sollte und wo sie sich wann und hinter welcher Schlange aufzureihen hätte. Als ich mich schließlich, angewiesen von zwei Polizei-Animateuren, mit der Menge auf den Bahnsteig ergoss, wurden wir dort bereits erwartet. In allen Ohren hallten die ständigen Megafon-Ansagen der auf dem Bahnsteig verteilten Bahnangestellten. Das Personal wurde nicht müde, uns durch ihre etlichen Plastikmegafone anzuquaken. Entsprechend Ticket- und Wagennummer verteilten sich die Horden von Fahrgästen entlang des Bahnsteigs. Unter dem Dauergeplärre der Megafone bildeten die Chinesen brav Grüppchen, und schon bald standen alle gut sortiert an ihren Plätzen – und ich lachend daneben. „Mann, wie geil! Faszinierend, bei Rinderherden stelle ich mir das Prozedere ähnlich vor: Geschlossene Gittertore, die sich step by step in festgelegter Reihenfolge öffnen und schließen – damit auch bloß kein Rindvieh den falschen Weg einschlagen kann. Dazu Viehtreiber, die akribisch jede Ohrmarke kontrollieren, um die Rindviecher in die richtigen Boxen zu drängen. Same same.
Aber eines muss man den Chinesen dabei lassen. Das Verladen der rund 500 Passagiere hätte in Deutschland eine halbe Ewigkeit gedauert. Hier dauert dieser ganze, ja schon fast industriell anmutende Prozess keine drei Minuten, und der angehaltene Zug setzt sich wieder in Bewegung. Personalintensiv zwar, aber, doch, sehr gut organisiert.

28. Nov. Nähe Mianyang, Bauernhof

– Rückblick Kunming –
20. bis 23. November

Wenn es eine Sache gibt, an die ich mich in Kunming noch en detail erinnern kann, dann ist es mit Sicherheit meine Ankunft am Hbf mit anschließender Busfahrt durch die Häuserschluchten. Als ich im Bahnhof zusammen mit einer unglaublichen Menschenflut die Sicherheitskontrollen hinter mich gelassen hatte, hielt ich in der quirligen Unordnung des Bahnhofvorplatzes nach einer Busnummer 82 Ausschau. Nach einer anfänglichen Beruhigungszigarette ließ ich meinen Blick schweifen und, inmitten des Wirrwarrs aus unlesbaren Schriftzeichen und herum eilenden Personen, bahnte sich neben einigen anderen auch ein Bus seinen Weg durch das Durcheinander, auf dem dick eine 82 prangerte. „Nichts wie los!” dachte ich mir, um zumindest noch sehen zu können, wo mein Bus denn halten würde. Doch hinter einer Kurve kam er so unerwartet nah zum Stehen, dass ich im Affekt zum Sprung ansetzte und mich, kurz bevor sich die Türen wieder zu schließen vermochten, hinein schwang.
Da war ich nun, in einem fahrenden Bus ins Nirgendwo, dicht von Chinesen umringt, mein Hals verdreht und meinen Blick verkrampft auf etwas an der Decke gerichtet, was mir anmutete wie ein Fahrplan. Ich wusste weder, wie lang ich fahren musste, noch wie ich mit irgendeinem der Menschen Kontakt aufnehmen sollte, die sich um mich herum, und mich gegen die Fensterscheibe drängten. In aller Eile kramte ich, durch einige Zwangshaltungen verkrampft, mein IPad hervor, um auf die drei chinesischen Schriftzeichen zu starren, die den Namen meiner Zielstation beschrieben. Akribisch auf den Fahrplan an der Decke und mein IPad glotzend, versuchte ich Parallelen der überall zu „lesenden” Piktogramme zu finden, während der Bus die nächste Kurve befuhr und ich mich fast aufs Maul legte. „Ja Super! Wo ist denn bloß diese verdammte Station, deren Namen ich nicht einmal kenne! Kleiner Baum mit drei Strichen, Türe mit Fenster und zwei Punkten, Feuerwerkexplosion – WO SEID IHR!?“ Nach dem ersten Stress konnte ich es dann kaum glauben, aber der Fahrplan bewahrheitete sich, als ich in der Mitte der ca. 30 Spalten meine gesuchte Station identifizieren konnte. Es dauerte allerdings weitere fünf Stationen, bis ich anhand der vorbeieilenden Stationsschilder feststellen konnte, wo ich mich denn überhaupt befand. Ruhe kehrte in mir ein. Ich wusste, wo ich war und fühlte mich nicht mehr ganz als Ausserirdischer. Doch mein stetiges Glotzen aus den Fensterscheiben des Busses, meine großen, nach Stationsnamen Ausschau haltenden Augen, der verwirrte Blick – Oh Mann, ich war ein Alien wie es im Buche steht!

Wo liegt das verdammte Paket nach Deutschland?
Wo liegt das verdammte Paket nach Deutschland?

Nachdem ich also meine Irrfahrt mit dem Bus durch Kunming beendet und es geschafft hatte, an der richtigen Haltestelle auszusteigen, holte mich dort nach einiger Zeit mein neuer Gastgeber ab. Cass, den ich wie so oft zuvor auch über Couchsurfing kennen gelernt hatte, hatte sich bereit erklärt, mich über das Wochenende bei sich aufzunehmen und, während sich am Abend die anderthalb Liter Flasche Happywater aus Vietnam leerte, führten wir ziemlich komische Gespräche darüber, wie Cass alljährlich den Heiratsphantasien seiner Eltern zu entkommen versucht. Gegen 10 Uhr kamen noch einige Freunde dazu und auf der Suche nach etwas Essbarem landeten wir später zusammen mit seinem spanischen Mitbewohner in einer Bar. Der Abend ging bis spät in die Nacht und während meine Sicht immer verschwommener wurde, lernte ich viele Freunde aus der bunt zusammen gewürfelten internationalen Clique von Cass kennen.

Am folgenden Tag, einem Sonntag, verschlief Cass. Nachdem er sich mit einem Kater aufmachte, um sich zu seiner Arbeit zu schleppen, machte ich mich langsam fertig, um mich nachmittags mit Zoie zu treffen, welche ich ebenfalls über Couchsurfing kennen gelernt hatte. Zoie ist eine wahnsinnig hübsche Chinesin, die mit Cass die Gemeinsamkeit teilt, ebenfalls in Kunming zu leben, um in einer der hintersten Provinzen Chinas ein wenig Ruhe vor den Heiratsphantasien ihrer Verwandtschaft zu haben. Mir schien, dass diese Heiratsnummer in China wohl ein richtiges Generationenproblem ist und frage Zoie etwas detaillierter zu dem Thema aus. Heiraten ist in China sehr wichtig, wer mit 25 nicht unter der Haube ist, gehört zum alten Eisen. Wenn China sich auch mit Lichtgeschwindigkeit in Richtung Moderne entwickelt, bleibt es in seinen gesellschaftlich-familiären Konventionen doch sehr traditionell. Sicher auch befeuert durch die ehemalige Ein-Kind-Politik, setzen Eltern, ja ganzen Familien-Clans, all ihre Hoffnungen auf das eine Kind der Familie. So manche Mauern und Unterführungen sind zugekleistert mit elterlichen Heiratsannoncen für ihre Kinder, welche dort mit Beruf, Alter, Größe und Einkommen stichwortartig angepriesen werden. Zoie war meine Entdeckung ein wenig peinlich, übersetzte mir aber bereitwillig die einzelnen Annoncen. In welchem Widerspruch sie und ihre Generation stehen muss: Zwischen den traditionellen familiären Konventionen einerseits, dem High-Tech und der Vernetzung der Gegenwart andererseits und dem System der politischen und medialen Kontrolle Chinas, führt ihre Generation einen Konflikt um den Gegensatz von traditionellen Werten und dem Wunsch nach unabhängiger unbeschwerter Freiheit.

Nachmittags schlenderten wir durch das Stadtzentrum Kunmings, wo wir erst den großen konfuzianischen Seepark im Stadtzentrum besuchten und uns anschließend den „Pets and Flowers Market” anschauten. Der Park war, wie es an einem Sonntag hier üblich ist, selbst nach chinesischen Maßstäben proppenvoll. Und da in der Provinz Yunnan circa die Hälfte aller chinesischen Minderheiten beheimatet ist, spiegelte sich dies auch auf den Plätzen und Wegen des Parks wieder, wo zwischen den vielen angelegten Seen überall ausgelassen getanzt wurde.
Tausende von hüpfenden Gestalten tanzten in einer Fülle von Trachten zu mir unbekannten Melodien; Tibeter, Hani, H’Mong – alle zelebrierten sie ihre Kultur ausgelassen tanzend zu den verschiedensten Choreografien und Kreistänzen.
Ich fand das Ganze urkomisch und nach zwei, drei Wurst-Imbissen und einigen Fotos der überall tanzenden Frauen in ihren Bommeltrachten war meine Stimmung auf dem Hochpunkt. Der anschließende Haustiermarkt war dann aber doch sehr befremdlich. Wir schlenderten durch einige Überbleibsel der bis dato noch von „Renovierungsarbeiten“ verschonten Altstadt, dessen Rest in Zukunft sicher ebenso verschwinden wird, wie in den übrigen Teilen der Stadt.
Tausende Tiere, Kanarienvögel, Meerschweinchen, Hamster – alle durchaus gehalten wie in Europa. 10 bis 20 Viecher in einem Käfig sind da kein Problem. Das Problem war nur, dass die restlichen Tiere ebenso wie die Kleintiere in dieser Dichte in die Käfige gestopft wurden. Will heissen: Sieben Hunde zusammen in einem Zwinger, will heissen zehn Katzen zusammen in einem Käfig. Ein Schäferhund, dessen Käfig kleiner war als er selbst, überall Welpen, Babykatzen, ja sogar Schweine. Alles irgendwie darauf getrimmt, als wären die Tiere Einwegprodukte. So gesehen, passt die ganze Schose auch wieder zum Blumenmarkt. Blumen sind schön, Tiere sind niedlich – und wenn sie „um” sind hole ich mir eben neue.

Abends wurde ich noch zum Paella-Essen eingeladen, wozu ich deutsches Bier trank, in China. Komisch fand ich es zwar auch, doch schmeckte es mir ausgezeichnet. Nach dem Weizen-Bier vom Kiosk und der Paella von dem spanischen Pärchen, welches sich bei Zoie einquartiert hatte, ging es spät abends noch weiter in die DT-Bar. Der perfekte Zufall wollte es nicht anders und neben Zoie und ihren Freunden verbrachte auch Cass und seine Clique ihren Abend in dieser Bar, in der sich so ziemlich alle „Expats” Kunmings versammelt hatten. Da mein Gastgeber auch anwesend war, ersparte mir dies eine komplizierte Abendplanung und ich ging wenig später auf der Tanzfläche steil. Der Abend endete völlig bekifft in der Wohnung eines Freundes von Cass und, nachdem wir zu Dritt eine halbe Ewigkeit mit dem Elektroroller von Cass Mitbewohner durch die Stadt gecruist waren, spielten wir dort noch bis spät in die Nacht Risiko.
29. November – Der Bauernhof, Sichuan

Durch das zunehmende Gekrakel meiner Schrift kann man an den handschriftlichen Notizen dieses Tagebucheintrages wunderbar erkennen, wie der Alkohol gestern seinen Weg in mein Hirn fand. Womit wir auch gleich beim nächsten Thema wären: dem Alkohol.
Das Bier, welches man in ganz China bekommen kann, hat nie mehr als 2,5 Prozent. Es ist also Leichtbier und es ist schwer, es überhaupt noch als alkoholisches Getränk zu betrachten, da man sich mit dem Zeug nicht einmal mehr einen antrinken kann. Zu allererst dachte ich, diese Bestimmung läge wohl daran, dass Chinesen im allgemeinen weniger Alkohol vertrügen. Dementsprechend könne diese Regelung bloß vorbeugender Natur sein und die allmächtige Regierung versuche in ihrer unendlichen Fürsorge nur, das Volk zu schützen, indem sie ausschließlich Kinderbier auf den Markt lässt, welches die Parteikader Maos nicht gleich vom Stuhl haut. Soweit die Theorie.
Um so mehr wunderte ich mich, als ich gestern bei ein paar Einkäufen im örtlichen Supermarkt an einem Schnapsregal vorbei kam, in dem die Spirituosen bei 50 Prozent überhaupt erst anfingen. 67 Prozent war die Spitze des Eisberges, der sich mir als großes Fragezeichen in den Weg stellte, während ich nach dem Leichtbier Ausschau hielt. Das macht doch alles keinen Sinn. Wie so oft.
Mein gestriger Umtrunk wurde dann wieder einmal hier in der Kantine der Farm eingeläutet, auf der ich nun mehr seit fünf Tagen bin. Vor einigen Tagen fing dort ein netter älterer Arbeiter an, den ich immer zum Abendessen, aber nie zu Mittag in der Kantine antreffe, mich als seinen Sauf-Kumpanen zu betrachten. Mein Fehler war wohl, an einem der vorangegangenen Abende seine Einladung auf einen Schnaps als einziger des Tisches nicht abgelehnt zu haben, woraufhin er mich zu seinem Auserwählten machte und es mir seither unmöglich war, den allabendlich angebotenen „Bajo“ abzulehnen, ohne für eine größere Verstimmung zu sorgen. Pure Dramatik.
Wie gesagt, das Zeug hat über 50%, ist selbstgebrannt, knallt wie Hölle und ließe sich sicher auch prima als Oberflächenreiniger verwenden.
1. Dezember

Auf der Farm, einer Schweinezucht, arbeiten im Sommer rund hundert Angestellte, jetzt sind es weniger. Zum Mittagessen ist die Kantine aber dennoch gut gefüllt, und während sich dort alltäglich die Meute ihren Reis hinter die Binde schaufelt, flimmert an der Wand stets ein Fernseher mit den immer gleichen Bildern vor sich hin. Die immer selbe Moderatorin, der allen Anschein nach durchgehend laufenden Nachrichtensendung, wirkt auf mich wie ein Alien. Ihre durch etliche Liftings mir abstrakt unnatürlich anmutenden Gesichtszüge, die immer gleiche Pose, der starre Blick; sie sind unter uns. Ich finde sie gruselig. Dieses Alien teilt sich die Leinwand mit den regelmäßig eingeblendeten Beiträgen, die auch alle ziemlich identisch sind. Immer die selbe Kameraeinstellung, die halbschräg hinein oder hinaus zoomt, in ein Bild von hunderten Delegierten, die alle in ziemlicher Akribie irgendetwas zu überprüfen oder zu notieren scheinen. Ach doch, manchmal klatschen auch alle synchron, was mir die Propagandasendung noch etwas suspekter macht. Aber irgendwie hat das doch auch alles seinen Charme.

Meine Aufgabe auf dieser Farm ist mir nicht recht erklärlich. Doch den Grund hinter meinem Tun brauche ich auch eigentlich nicht zu begreifen. Den lieben langen Tag fische ich mit einem 4 Meter langen Kächer die Blätter aus den überall angelegten Teichen, um sie bereits am nächsten Tag erneut zu tausenden aus dem Wasser zu holen – es ist Herbst.
Die Teiche dürften dabei kaum ökonomische Ziele verfolgen und scheinen mir nur aus Zierde angelegt zu sein. Auf meine mehrmaligen Nachfragen, wofür die mehr als ein Dutzend verschiedenen künstlich angelegten Teiche denn nun gut seien, wurde mir jedenfalls stets entgegnet, dass man der Natur etwas zurück geben wolle. Ich bezweifelte allerdings, dass riesige Beton-Teiche die Natur erfreuen. Nun ja, ich fische hier weiter Blätter aus den Teichen und fresse mich durch. Solange ich für lau essen und trinken kann, ist meine Welt in Ordnung. Da der Hauptgrund meines hiesigen Aufenthalts ohnehin nicht der einer wie auch immer gearteten Weltverbesserung ist, kann ich ebenso gut auch sinnfreien Beschäftigungen nachgehen – oder zumindest so tun. Die mir gegebene Aufgabe hat nämlich den Vorteil, dass sie kaum überprüfbar ist und ich mich ergo den lieben langen Tag in den hintersten Ecken dieser Farm umher treiben kann. Das ist ja fast wie bei meinem alten Arbeitgeber. Sonderlich toll finde ich es hier jedoch kaum. 4 bis 15 Grad sind meinem Tropenhitze gewöhntem Gemüt zu kühl. Dennoch, die Rechnung ist simpel: Jeder Tag, den ich hier bin, bedeutet, da ich kein Geld ausgebe, einen Tag mehr in Lateinamerika. Jeder Tag hier bestärkt mich und bringt mich näher an mein Ziel, in Südamerika zu überwintern.

 

2. bis 6. Dezember

Über zwei Wochen hinweg folgte ich einem ziemlich regelmäßigen Tagesablauf, der von Sonne und Mahlzeiten diktiert wurde. An grauen Tagen, an denen die weitläufige Farm oftmals in dichte Nebelschwaden gehüllt dalag und sich im Nieselregen eine gedämpfte Stille breit machte, schlich sich die feuchte Kälte in meine Knochen. In meiner Strohhütte verkroch ich mich tief in meinem Bett oder versuchte mich durch Bewegung und körperliche Arbeit warm zu halten – denn eine Heizung gab es nicht. Auf meinen Streifzügen über den Bauernhof beobachtete ich Fischreiher bei der Jagd und Bauern bei der Arbeit und wenn gelegentlich die Sonne heraus kam, erwachte das Leben, und die graue Tristesse der Vortage war wie weggeblasen. An diesen Tagen saß ich oft an den Ufern eines Sees, beobachtete, wie die Zeit verging und las mich durch meine Bücher.
Die Zeit verging und ich lernte die Menschen kennen. Mit einigen Arbeitern freundete ich mich an und durch die simple Geste der geschenkten Zigarette war oft kaum mehr Kommunikation als ein einfaches Lächeln nötig. Das alltägliche Kantinenessen schmeckte mir ausgezeichnet und dank der guten Hausmannskost Sichuans und den Fähigkeiten des Kochs nahm ich in zwei Wochen 6 Kilo und ein Knopfloch zu.

Manchmal verkroch ich mich abends in der warmen Küche der Familie, die den Bauernhof betrieb, schrieb an Texten, welche später zu meinem Leidwesen in einem Software-Update vernichtet wurden. Außerdem bekochte ich die Familie mit deutschem Essen. Über Schmorbraten, Frikadellen und Kartoffeln mit Rotweinsoße fiel die Familie her wie ausgehungerte Wölfe. Da ich der Mutter der Familie oft mit Begeisterung beim Kochen half, schloss diese mich in ihr Herz.
Alles in allem war es eine sehr interessante Zeit, die mir einen großen Einblick in die chinesische Kultur ermöglichte. Während ich bei den größeren formellen Abendessen die chinesischen Tischregeln erlernte, kam man sich ein wenig näher.

Eines Abends, der Parteivorsteher der nächstgelegenen Kleinstadt war zu Gast, fanden meine erlernten Benimmregeln beim Abendessen ihre erste große Bühne. Chinesische Essensregeln sind in erster Linie Trinkregeln. Bei formellen, oder wichtigen Abendessen fällt in der chinesischen Küche der Reis vollständig weg und wird mit Schnaps ersetzt. Im Grunde geht es darum, seinen Gegenüber zu ehren. Das tut man, indem man jemandem zuprostet und im besten Falle noch einen Glückwunsch, eine Bekundung der Freude oder einen Trinkspruch parat hat. Ohne Chin-Chin kein Trinken und ohne gemeinsames Trinken keine Respektbekundung. Die Flaschen leerten sich in der Folge und etlichen Trinksprüche machten die Runde, denn ein jeder muss beprostet werden und ablehnen ist nicht. Auch will man weder sein Gegenüber als Säufer noch sich selbst als Weichei dastehen lassen. Es ist eine hoch komplexe Angelegenheit, bei der sich Ausrufe und Zurückhaltung die Waage halten müssen, damit auch niemand das Gesicht verliert und alle sich lieb haben. Beim Anstoßen versucht dabei jeder, mit dem gebotenen Respekt für seinen Gegenüber die niedrigere Geste zu machen. Oftmals gelang es mir kaum, das Lachen zu unterdrücken, als Familienmitglieder und Gäste beim Klirren der Gläser fast am Boden angelangt waren. Das Ergebnis des Abends war ein völlig betrunkener Parteichef, der sich in seinem Vorsatz mich abzufüllen etwas übernommen hatte und von seinen beiden Untergebenen ins Auto getragen wurde. Herrlich, Mann, habe ich gelacht.


6. Dezember, Chongqing

Nun also angekommen in der größten Stadt der Welt. Chongqing ist ein Moloch von 30 Millionen Einwohnern und das Bild gleicht dem, was ich bereits in Kunming und Mianyang gesehen habe: Tausende von Wohntürmen. Nur hier scheinen sie sich grenzenlos in alle Richtungen des Himmels auszustrecken und selbst der Horizont besteht aus kubischen Formen. Steht man hoch genug, um einen Überblick über diese Endlosigkeit erahnen zu können, kann man sich als Kind der 90’er des Eindrucks nicht erwehren, diese Szenerie schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Die moderne chinesische Stadtplanung erinnerte mich daran, dass Windows 95 einen ähnlichen Fehler hatte: Kaum war der Rechner ein wenig überlastet und man zog ein Fenster von der einen zur anderen Seite des Bildschirms, hakte der Rechner und auf dem ganzen Bildschirm waren die gleichen geklonten Fenster-Kacheln zu sehen. Am Horizont 40 blau-graue Hochhäuser, 60 Etagen; halb links 25 Architekturperlen vom Typ 3B; geradeaus ein Dutzend der neuen 80-Etager. Dieses Bild der geklonten Häuserreinen ließe sich unendlich weiter beschreiben, doch hoffe ich mit meiner Erinnerung an die Welt der Schulcomputer die Szenerie hinreichend beschrieben zu haben.

Vor meinem inneren Auge sehe ich das Büro der Stadtplanung. Alle sind versammelt, ein neues Bebauungskonzept soll vorgestellt werden. Ein langer Tisch, eine Leinwand, ein überalterter Computer. Alle setzen sich, es werden Hände geschüttelt. In einem Hinterzimmer arbeitet ein Assistent der Baufirma auf den letzten Drücker an einer Präsentation. Schweissperlen laufen ihm ins Gesicht, als sein Chef ihn dazu drängt nun endlich mit der Präsentation anzufangen. Alle Augen sind auf die Leinwand gerichtet, der Computer lädt. Und er lädt. In lauter Hektik klickt der Assistent verzweifelt auf seiner Maus herum, als der Rechner sich schließlich verbindet. Windows 95 here we go, die Leinwand springt an, geklonte Häuserreihen sind im Bild. Alle klatschen vor Begeisterung, wie modern! Das Resultat überzeugt alle, es wird gebaut.

Die geklonten Häuserreihen gehen jedenfalls in die Tausende. Dazwischen bewegen sich riesige Massen an Chinesen, die sich in den von Leuchtreklame erhellten Straßenschluchten, dank Handy-Sucht, in Metro-Stationen oder Treppenaufgängen nur im Kriechtempo fortbewegen können. Auf diesen Straßen stehen in den Fußgängerzonen lauter Zelte, in denen der Kauf einer der neuen Wohnungen angepriesen wird und vollbesetzt mit enthusiastischen Kunden scheint es dem Geschäft nicht schlecht zu gehen. Ach so, 6. Dezember, es ist Nikolaus. Passend dazu haben die ohnehin schon im Gänsemarsch marschierenden Polizistengespanne auch noch ihre roten Blinklichter angeheftet; es fehlt nur noch der Schlitten – Weihnachten kann kommen.

 

7. Dezember

Nach einiger Zeit des Wartens und Herumtreibens zwischen den Häuserschluchten holte mich schließlich Andrew*, mein neuer Gastgeber in CQ vor dem Eingang einer Metrostation ab. [* sein chinesischer Name ist natürlich anders, aber alle Chinesen verpassen sich irgendwann der Einfachheit halber ebenso einen englischen] Nachdem Andrew heute morgen zur Arbeit gegangen war, machte ich mich auf den Weg in die Stadt, um zumindest ihr Zentrum zu erkunden. Ich aß Nudelsuppe und bestaunte den Unterschied zwischen Neu und Alt. Inmitten der vielen Glasfassaden stehen „kleine“ bloß 10-20 geschossige Häuser, denen, teils bereits verlassen, teils noch bewohnt, Stück für Stück von Baggern zu Leibe gerückt wird.
Ich überquerte mit einer Seilbahn den Yangtze, um auf der anderen Seite des Flusses von einer Aussichtsplattform aus die Skyline zu bewundern, verlor mich jedoch angesichts riesiger Gebäudeflanken in den Hinterhöfen. Vor dem Tor eines weiteren Hochhauskomplexes war plötzlich Ende und ich starrte auf eine Hochtrasse der Autobahn. Als ich mich weiter umsah, bemerkte ich, dass hier, keine 10 Minuten vom Stadtzentrum entfernt, zwischen den zu allen Seiten aufragenden Gebäudekolossen und eingerahmt von Autobahn und Berg, einige kleine alte Häuser überlebt hatten, die in ihrer Zusammenstellung etwas Dörfliches hatten. Verwundert schlängelte ich mich durch die Wege und Hinterhöfe dieses „Dorfes“ und stand auf einmal völlig unvermittelt inmitten von Obstbäumen und kleinen Beeten. Einer kleinen, sehr alt aussehenden steinernen Treppe folgend bewegte ich mich einen Berg hinauf. Die Treppe wurde zu einem holperigen Pfad, dem ich auf einen Hügel folgte, auf dessen Spitze ich nun auf einem großen Stein hocke, während in meinem Rücken zwei ältere Frauen ihr Feld bestellen. Irgendwie surreal. Mitten in Salatpflanzen sitze ich, schaue auf die riesige Skyline von mehrere hundert Meter hohen Wolkenkratzern und lasse mir die Sonne auf mein Haupt scheinen. Im Hintergrund hacken die Frauen mit ihrem Werkzeug in der Erde und mir liegt der Geruch von frischem Kuhdung in der Nase.


8. bis 12. Dezember – Shanghai

Am Abend des 8. am Flughafen Shanghai angekommen, bestieg ich ein Taxi und fuhr in die Stadt, wo mich mein Freund Pascal an der verabredeten Metro-Station abholte. In seiner Wohnung angekommen, redeten wir noch bis 1 Uhr nachts bei ein paar Bier über alle möglichen Dinge; er versorgte mich mit Informationen über die Stadt und einem Stadtplan, sowie einer Bahnfahrkarte für die nächsten Tage.
Shanghai selber, oder vielmehr alle vier Tage, die ich in Shanghai verbrachte, fielen leider vollständig in Wasser. Am ersten Tag wagte ich mich zwar noch auf die Straßen, aber bald erlosch meine Motivation, die Stadt zu erkunden. Abends ging ich jeden Tag mit Pascal essen, der sonst tagsüber seinem Job als „Head of architecture China“ einer großen europäischen Modekette nachging. Am Folgetag bekam ich mich über den ganzen Tag hinweg nicht aus Pascals Wohnung aufgerappelt, denn da ich mich den Abend zuvor nach einem Hot-Pot-Essen mit Pascal noch für ein Date entschieden hatte, war ich ziemlich müde, als ich an diesem Morgen nach Hause kam und das Regen-Wind Gemisch ließ mich in der gemütlichen Wohnung verkriechen.

„Hot-Pot“, dieses Gericht, das man von Vietnam aus nordwärts auch in allen Regionen Chinas wiederfinden kann, ist so etwas wie das Fondue Ost-Asiens. Es ist ein geselliges Gericht, welches serviert wird, wenn man lange Abende mit der Familie oder Freunden verbringen will. In einem Topf in der Mitte eines Tisches brodeln dafür ein, zwei, ja manchmal drei Sude vor sich hin. Dazu gibt es eine große Auswahl von Gemüse, Fleisch und anderen Zutaten, die jeder Gast nach Belieben in den Brühen versenken kann. Hot-Pot wurde mir als als regionale Spezialität vorgestellt und angepriesen, die es, wie ich später verwundert feststellen konnte, überall zu geben scheint. Eine „regionale“ China-weite Spezialität sozusagen. Man wird dabei kaum einen Chinesen finden können, der nicht für seine Stadt oder seine Region reklamieren würde, der Ursprung des Hot-Pots zu sein. Allerorts gilt, den wahren Hot-Pot gibt es nur hier, und jeder, der das Gegenteil behauptet, ist ein Dilettant. So habe ich in drei völlig unterschiedlichen Regionen Chinas dreimal das Vergnügen gehabt, den Original Hot-Pot essen zu können und stets mit fast schon sakral anmutenden Zusatz, es handle sich um die Spezialität der Region, die es nirgends sonst gäbe.

 

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Shanghai, diese Stadt ist riesig und hat tausende Metro-Stationen, in denen überall die gleichen lächerlichen Sicherheitskontrollen durchgeführt werden. Dass hier keine Körperscanner eingesetzt werden, ist auch schon alles – so kann man die Massen auch beschäftigen. Wenngleich es die ganze Zeit hindurch regnete und ich mich bei nicht sehr angenehmen Temperaturen in der Stadt herumtrieb, hat es mir doch das Viertel der „French Concession“ angetan. In dieser riesigen Stadt, die überall mit High-Tech glänzt und wo sogar in U-Bahn-Tunneln Werbevideos auf LCD-Bildschirmen mit der Metro mitfahren, liegt im Herzen das Französische Viertel. Gäbe es dort keine chinesischen Schriftzeichen, man würde denken, man wäre in einer französischen Kleinstadt der Provence. Ein mit Platanen gesäumtes Alleen-Viertel mit französischer Architektur, Jahrhundertwende-Villen mit krummen Straßen und dem passenden Flair – das alles überraschte mich total und ließ mich ungläubig lächelnd durch die Straßen schlendern.

Den letzten Abend verbrachten Pascal, ich und Freddy, einem venezuelanischen Freund Pascals, im einer Bar und später noch in einem Club. Wir feierten die ganze Nacht und als ich im Morgengrauen meinen Rucksack packte, um mich in Richtung Flughafen zu begeben, hatte ich keine Stunde geschlafen. Dementsprechend war mein anschließender Marathonflug über Moskau nach Havanna der reinste Horror und meine fiebrigen Hitzewellen machten dieses Reiseerlebnis zu einem der unangenehmsten meines Lebens und dem unangenehmsten meiner Reise.

Dennoch, meine Zeit in China war mehr als interessant und mit einem Lachen denke ich an all jene Momente zurück, die mich den Menschen, ihren Marotten und der chinesischen Kultur näher gebracht haben. Besonders denke ich an jene Momente, die hier keine Erwähnung fanden. Ni Hao.

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