Der Superstar und die Fledermaus – Indonesien, vom 12. Oktober bis zum 10. November auf Sulawesi und Java.

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12. Oktober – Palu, Sulawesi

Woah, nach einem Marathon-Flug mit drei Etappen, erst von Tawau in Malaysia nach Tarakan und anschließend über Balikpapan im Süden Borneos nach Palu auf Sulawesi, bin ich jetzt doch etwas erledigt. Begrüßte mich das neue Land Indonesien während des Fluges schon mit der Ansage, dass ich hier bei Drogendelikten mit der Todesstrafe rechnen kann, so stand ich bei Ankunft in Tarakan vor einem Problem: Das Maximum beim Geld Abheben liegt hier bei umgerechnet 80€. Der Haken an der Sache ist, dass ich bei jedem Abheben stets auf ca. 10€ Gebühren komme; 12% Aufpreis auf alle Kosten sind dann aber doch recht inakzeptabel. Daran muss ich also noch arbeiten. Abgesehen davon, ich brauche neue Flip-Flops! Die Drecksäcke von der Airline haben mir meine geklaut und bei Schuhgröße 45 wird die Suche nach neuen leider zu einer Challenge, die ich so von selber nie angenommen hätte.

14. Oktober – Auf der Fähre von Ampana nach Wakai.

Palu ist eine kleine Provinzstadt, die an der Mündung eines Flusses gelegen von steil aufragenden Bergflanken eingerahmt wird. Das Städtchen ist an sich relativ hässlich, es gäbe auch nicht viel zu erzählen, doch diese kleine Stadt begrüßte mich in Indonesien mit der Warmherzigkeit einer Familienfeier. Auf den Straßen und Wegen dieser quirligen Kleinstadt grüßten mich drei Viertel der vorbei gehenden Passanten, Fenster und Autos öffnen sich, und von überall hörte ich die neugierig-freundliche Begrüßung „Hello Mister“. Mein persönliches Highlight war dann aber der Fahrer eines LkW’s, der, als er mich am Straßenrand erblickte, sofort anhielt und, während er die gesamte Straße blockierte, aus der Tür seines Trucks sprang und mir lauthals ebenfalls ein „Hello Mister” entgegen brüllte.
Die Worte „Hello Mister!” und „Handsome boy!” hörte ich gestern bestimmt über hundert Mal und das verlegene Gekicher einheimischer Mädchen ebenso wie bestimmt ein halbes Dutzend Fotoanfragen ließen mich in meiner Verlegenheit professioneller werden. Diese zwei Ausdrücke in englischer Sprache sind aber leider so ziemlich das Einzige, was die Bewohner dieser Stadt über die Lippen bekommen und da mein Indonesisch leider unglücklich auf Stufe Null festsitzt, hatte ich am gestrigen Morgen und über den Tag hinweg keinen blassen Schimmer, wie ich mir meinen weiteren Transport in Richtung Ampana denn überhaupt organisieren sollte.
Nach einem grandiosen und gleichzeitig unglaublich günstigen Frühstück streifte ich den ganzen Tag ziellos umher und besorgte mir zwischen all den bereits erwähnten freundlichen Grüßen eine einheimische Sim-Karte. Ich konnte mein Glück kaum fassen, als ich, nachdem ich in einem kleinen Laden am Straßenrand ein paar Flip-Flops Größe 43 ergatterte, unvermittelt auf der Straße angesprochen wurde: „Do you go Ampana? Minibus here! You ticket?!”
„So viel Glück kann ja eigentlich keiner haben..” dachte ich mir, als ich eine Stunde später auch schon im Minibus Richtung Ampana saß. Die freundlichen Menschen des Minibusunternehmens hatten mich zuvor auch noch bei meinem Hotel vorbeigefahren, wo mir die Verwalterin netter Weise keine weitere Nacht in Rechnung stellte. Also alles perfekt.
Auf der Fahrt in Richtung Ampana, wo ich am nächsten Morgen vorhatte, die Fähre in Richtung der Tongian-Insel zu nehmen, bot mir einer der anderen Busreisenden freundlich an, ich könne nach unserer Ankunft bei ihm noch eine Mütze Schlaf tanken und dann am folgenden Morgen meine Reise fortsetzen. Da der Bus gegen 3 Uhr nachts ankommen sollte, war das Angebot recht attraktiv und auch wenn mir der Typ mir etwas schwul vorkam, nahm ich dankend an.
Als Gegenleistung für den Schlafplatz und eine Tasse Kaffee packte mir dieser schmierige Kerl morgens erst einmal in den Schritt. Ja guten Morgen! Ansonsten verlief aber alles glatt, und wenig später bestieg ich die Fähre in Richtung Paradies. „Wir sind doch alle irgendwie Nutten.” In Gedanken an den merkwürdigen Morgen drifteten meine Gedanken gerade ein wenig ab und mit einem breiten, ironischen Grinsen sah ich, wie Ampana am Horizont verschwand. Nun lass ich meinen Blick über die weite See schweifen und während der rostige Kahn das azurblaue Wasser pflügt, kommen langsam endlich die Inseln in Sicht; vereinzelt durchbrechen fliegende Fische die Wasseroberfläche und die Sonne ballert. Endlich da: Tongian Islands.

18. Oktober – Kalidiri Island

Die Tongian Inseln sind ein Archipel von 7 größeren und etlichen kleineren Inseln vor der Küste Sulawesis. Mit der Fähre ist diese Inselgruppe nur über Gorontalo im Norden, oder über Ampana im Süden zu erreichen, die ihrerseits ebenfalls nur durch Inlandsflüge und ewige Busfahrten erreichbar sind. Dieser Abgeschiedenheit verdanken sie den Umstand, noch nicht vom Massentourismus entdeckt worden zu sein. Unzählige kleine Inseln mit versteckten einsamen Stränden, gesäumt von Kokosnusspalmen und Mangrovenwäldern, schmiegen sich in dem kristallklaren Wasser aneinander, in dem man schillernde Korallenriffe und tropische Fische aller Arten und Farben beobachten kann. Die Menschen, die meist in Dörfern an der Wasserlinie leben, sind durchweg freundlich und in den auf Pfahlwerk erbauten Gemeinschaften tummeln sich unzählige neugierige Kinder, für die die Ankunft eines weißen Mannes ein besonderes Spektakel darstellt. Die zum Großteil einem sehr moderaten Islam folgende Bevölkerung lebt hauptsächlich vom Fischfang und vom Handel mit dem Festland. Der Tourismus hingegen spielt, soweit ich das beurteilen kann, noch keine größere Rolle in dem Leben der Menschen, die kaum mehr benötigen als das, was das Meer ihnen geben kann und ein wenig Diesel für Boot und Generator.

Die ersten drei Tage verbringe ich bei einer Familie, die fünf kleine Bungalows an einem Strand betreibt, auf dem es mit Ausnahme ihrer selbst, ein paar Krebsen und Palmen nicht viel gibt. Des öfteren bricht die Familie zu Besorgungen auf und ich bin völlig alleine, genieße die leichte Meeresbrise und den äquatorialen Sonnenschein. Ungeachtet dessen sind die Preise hier ein Witz, denn für einen Tag Vollpension im Paradies bezahle ich 175k Rubpiah, das sind knappe 11,50€. Dazu gibt es jeden Tag frischen gegrillten Fisch, vorzugsweise Thunfisch, der mir mit allerlei leckern Beilagen serviert wird. Es ist genau der richtige Ort, die Seele baumeln zu lassen, ich war selten so glücklich. Man, ich genieße das Leben!

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Gestern habe ich dann aus zwei fast banalen Gründen die Insel gewechselt. Der Hauptgrund ist recht einfach, denn da mir ist der Lesestoff ausgegangen ist, wurde mir ein wenig langweilig und ich hoffte, auf einer andern Insel ein neues Buch ergattern zu können [Mit vollem Erfolg, denn nun bin ich stolzer Besitzer des Buches: „Die UFO-Verschwörung, ENTHÜLLT”]. Ein weiterer Grund ist, dass ich von meinem übernächsten Ziel, dem Ort im Süden Sulawesis, wo ich für zwei Wochen bei einem Projekt mitarbeiten will, nichts ausser den Ortsnamen kenne. Da es hier jedoch kein Internet gibt, hatte ich keinen blassen Schimmer, wohin genau ich mich denn als nächstes auf den Weg machen sollte. Ich hoffte also ganz klassisch auf eine Karte, eine Karte Sulawesis, die groß genug ist, um auf ihr auch das kleine Kaff Belopa finden zu können.
In meinem neuen Heim ist es zum selben Preis nicht minder gemütlich, wenngleich auch nicht ganz so einsam. Dennoch habe ich im Grunde alles erreicht, was ich wollte und habe unterdessen nun auch noch Gesellschaft von Sarah bekommen, einer sehr interessanten und netten Französin. Sarah hat ebenso wie ich ihren Job an den Nagel gehängt, um für die nächsten anderthalb Jahre die Welt zu bereisen. Sie hat, ebenso wie ich es noch vorhabe, Managment-Engineering studiert und liefert mir sehr interessante Einblicke in die Möglichkeiten dieses Studiums. Stichwort: Non Profit Organisation, NGO.

Nach meiner gestrigen Ankunft wurden Sarah und ich dann überraschend dazu eingeladen, zusammen mit der Familie abends eine Hochzeit zu besuchen. Nach Abendessen und Sonnenuntergang ging es mit der gesamten Bagage auf einem vollbeladenen Auslegerboot in das Dorf, in dem die Feierlichkeiten stattfanden. Über Planken und über aus Korallenstein aufgeschichteten Wegen liefen wir durch das Dorf zu dem Haus des Bräutigams, wo wir alle auf dem Boden sitzend zu einer erneuten Speisung eingeladen wurden. Nachdem wir unter neugierigen, aber wohlwollenden Blicken unser erneutes Mahl zu uns nahmen, kamen wir schließlich in das plastikbestuhlte und in den hinteren Reihen bereits mit Kindern gefüllte Festzelt, wo wir in einer der vorderen Ränge Platz nahmen. Während die Lautstärke immer weiter zunahm und der Tumult immer quirliger wurde, kam, bevor es losging, noch ein einheimischer Junge zu mir und murmelte mir mit fremden Unterton etwas ins Ohr. Ich verstand natürlich gar nichts und als er sich auf mein gleichgültiges Nicken hin wieder entfernte, lachte Sarah kurz auf und mit der Bemerkung, dass sie so auch immer reagierte, wenn sie nicht wüsste, was man von ihr wolle, erwarteten wir schließlich den Anfang der Prozedur…. nicht ahnend, was dann folgen würde.
„Mister Felix.. [etwas auf Indonesisch] ..sing a song for us [etwas auf Indonesich]..” Ertönte es auf einmal in voller Lautstärke aus den Boxen, deren Ursprung in dem jungen Mann auf der Bühne lag, der mir eben noch etwas in Ohr geflüstert hatte und der mich jetzt mit erwartungsvollen Augen anstarrte. Ich wusste nicht so recht wie mir geschah und schon stand ich mit einem Mikrophon bewaffnet auf der Bühne. Während sämtliche Blicke des Publikums erwartungsvoll auf mir lagen, dachte ich „Fuck!” und brach in Schweiss aus. Ein Ding der Unmöglichkeit, ich kann halt nun nicht einmal im Ansatz singen, nicht ein einziges Lied. Ganz unabhängig davon, wie es sich denn anhören würde – mir fiel auch kein einziges ein.
Die nächsten fünf Minuten sollten sich anfühlen, wie eine halbe Stunde und während ich zwischen dem Karaoke Text auf dem Keyboard zu meiner linken und dem Mikrophon in der Hand meines Retters zu meiner rechten schwankte, sah ich, wie Sarah im Publikum fast zusammenbrach und vor Lachen unter den Stühlen verschwand. In dieser gefühlten halben Ewigkeit, in der ich versuchte, dieses mir völlig unbekannte indonesische Lied in dieses verdammte Mikrophon zu stammeln, waren der Text und das Mikro stets genau soweit von einander entfernt, dass ich mich für eines der beiden entscheiden musste. Super Situation. Nachdem ich schweißgebadet wieder von der Bühne stapfen durfte, wurde der Rest der Hochzeit jedoch noch recht unterhaltsam. Auf meinem Platz in der zweiten Reihe wurde mir hin und wieder heimlich Palmschnaps in einer kleinen 7up Flasche gereicht [Wir erinnern uns: alles Moslems] und während die Stimmung meiner Sitznachbarn immer heiterer wurde, versteifte sich das auf der Bühne zur Schau gestellte Hochzeitspaar zusehends. Aber wie sahen die auch aus? Und welche Rolle spielten sie? In goldene Roben gekleidet durften sie die vollen 2 Stunden steif auf der Bühne sitzend ausharren. Andere redeten über sie, alte Männer hielten große Reden, deren Worte kein besonders großes Interesse zu wecken schienen. Gewichtige Worte, die so wahrscheinlich schon tausend mal gesagt wurden, wechselten sich ab mit schiefen Gesangseinlagen und dem Herumreichen von Tee und Gebäck. Zwischen all dem Bühneninventar sah das Brautpaar aus wie zwei Weihnachtsgeschenke unter dem Christbaum; die gesamte Prozedur hinweg sagte keines der beiden zu Schau gestellten Weihnachtsgeschenke auch nur ein Wort. Doch während ihre Mienen sich verspannten, kam bei mir in regelmäßigen Abständen die kleine 7up Flasche vorbei und erheiterte mein Gemüt.

 

21. Oktober – Tentena

Ich wäre am liebsten ewig auf den Tongian Islands geblieben, doch angekommen in der Hälfte meiner Reise, bin ich nun leider ein Getriebener meiner eigenen Zeit- und Budgetplanung. Da ich also die zwei Wochen Projektarbeit in Süd Sulawesi aus Budgetgründen nicht verwerfen kann, machte ich mich schweren Herzens vorgestern wieder auf, die Tongian Islands in Richtung Süden zu verlassen.

Nach einer 4-stündigen Bootsfahrt mit anschließender 7-stündiger Autofahrt kam ich schließlich am Abend des 20. in Tentena an, wo ich mich dank einer mir von Sarah gegebenen Telefonnummer eines Freundes auch sehr schnell zurecht fand. Anton nahm mich gleich am ersten Abend mit zu seinen Freunden und empfahl mir dazu noch ein paar Orte für den nächsten Tag. Tags darauf schnappte ich mir also ein Moped und erkundete die Gegend. Ich besuchte einen riesigen Wasserfall und genoss den Fahrtwind, als ich durch weite malerische Landschaften fuhr. Nachdem ich am Wasserfall für einige Stunden mit den dort herum tollenden Kindern gespielt hatte, heizte ich abends mit meinem Roller über den hunderte Meter breiten Strand des Sees, an dem Tentena liegt. Im rötlichen Licht der Abendsonne und in Gedanken an den Tag war mir warm ums Herz; ich fühlte mich frei und die unglaublichen Freundlichkeit der Menschen ließ mich Gänsehaut kriegen.
Gegen Abend wurde ich schließlich erneut von Anton in meinem Hotel eingesammelt, der mich zu einer Familienfeier mitnahm, wo wir den Hund seines Stiefvaters verspeisten. Dieser war des Hundes anscheinend überdrüssig geworden und da sonst keiner etwas mit dem alten Köter anzufangen vermocht hatte, machte man kurzen Prozess – Hunderagout. Der recycelte Köter kam in der Familie sehr gut an, wahrscheinlich besser als der lebendige, denn selbst die Kleinsten waren hellauf begeistert. Ich fand das ganze Wiederverwertungs-Happening recht interessant, und ausserdem muss ich gestehen, dass sich das Vieh auch auf meinem Gaumen ganz gut machte. Nach einem ausgiebigen Mahl [Anton erzählte mir, es sei ein recht dicker Hund gewesen] erzählte mir Anton noch von einer ebenfalls für die Region typische Spezialität: Fledermaus. Angefixt von der Idee, meine Geschmackspalette am Folgetag erweitern zu können, verließ ich schließlich recht inspiriert das Gelage und machte mich auf den Weg zu meinem Hotel. Fledermaus, wer weiß, wann ich diese Gelegenheit noch einmal bekomme?

 

27. Oktober – Belopa, Südsulawesi.

An meinem letzten Abend in Tentena ging ich Fledrmaus essen. In dem kleinen aus Brettern und Planken zusammengezimmerten Restaurant, das sich neben einigen anderen Essbuden auf Stelzen am Fluss befand, lagen alle Blicke auf mir. Mein Blick hingegen lag auf der Fledermaus, die ich soeben bestellt hatte. Vor mir stand nun ein mit Fledermauscurry gefülltes Schälchen, dazu etwas Reis und ein Tee. Ich zog eines der schwarzen Flügelchen aus seiner Tunke und blickte mich fragend um. Zu meiner rechten schaute mich mein Sitznachbar zustimmend an und mit einer netten Geste wünschte er mir eine guten Appetit. Höchst interessant. Wenn es auch sehr befremdlich war, die sich ständig wie von selbst entfaltenden kleinen schwarzen Flügelchen in den Händen zu halten, so muss ich doch gestehen, dass sie zumindest geschmacklich völlig in Ordnung waren. Ein bisschen knöchelig, gut, aber das kann man den Viechern ja nicht zum Vorwurf machen.

Nun weile ich aber bereits seit vier Tagen in Belopa, wo ich zusammen mit Edi, einem einheimischen Künstler, an einem Baumhaus zimmere.
Den Tag meiner Ankunft hätte ich vor ein paar Tagen jedoch ungünstiger kaum wählen können. Denn als ich einen Tag nach meiner Ankunft in Belopa, begleitet von einer Freundin Edis, auf dem Land ankam, auf dem Edi sein Projekt realisierte, war von Edi keine Spur. Wir rätselten wo er denn stecken könne, da er anscheinend sonst immer hier arbeitete. Er besaß zu dem Zeitpunkt jedoch kein Telefon und das Rätselraten war groß. Die Auflösung dieses Rätsels hätte ich mir im Nachhinein aber lieber erspart, denn es stellte sich heraus, dass Edis Stiefvater in der Nacht zuvor verstorben war.
Diese Nachricht hatte Edi und seine Frau Devi jedoch bloß einige Stunden vor meiner Ankunft erreicht und in dem Haus der Familie angekommen tat es mir weh mit anzusehen, wie Devi es kaum verkraften konnte, ihren Vater tot zu wissen.
Die gesamte Situation war sehr schwierig, das Schluchzen war groß und während Edi mit Hochdruck Devis Flug nach Sumatra organisierte, fühlte ich mich sehr fehl am Platz.
Devi verließ daraufhin bereits am Abend des nächsten Tages die Stadt und machte sich auf den Weg zu ihrer Familie. Bei uns schlich sich in den folgenden Tagen eine gewisse Normalität ein. Mit Alfi und Gori, zwei 18-jährigen Jungen des Dorfes, fingen wir an, das Baumhaus zu bauen und während Edi oft am Telefon hing, verfehlte ich so manchen Nagel.

 

29. Oktober

Die alltägliche Arbeit macht mir Spaß und als ich vor einigen Tagen zum ersten Mal zu den drei Balken aufblickte, die den Anfang des Bauhauses darstellten, freute ich mich wie ein Kind – in wem schlummert nicht der Kindheitstraum, einmal ein richtiges Baumhaus zu bauen? Die Schwielen an meinen Händen sind es jedenfalls wert, jeden Morgen aufzustehen, um mit unserem Schweiss den Grundstein für das Projekt zu legen, das Edi hier aufziehen will. Wie gesagt ist Edi Künstler; vor einigen Jahren fing er aus Geldmangel damit an, die Bilder, mit denen er sein Geld verdient [wenn er denn welches verdient] mit Kaffee zu malen. Aus der Not geboren kommt er damit auf recht eindrucksvolle Ergebnisse, derentwegen er auch schon mehrmals in Europa eingeladen war. Er ist 35 Jahre alt und hat in seinem Leben bereits in Sumatra, Java, Bali und in Nordsulawesi gelebt, wo er überall Projekte hat, die sich allesamt mit Kunst, Bildung, ökologischem Anbau und Recycling beschäftigen. Doch mit seinen Ambitionen trifft er leider besonders in Indonesien auf viele Widerstände. Er und seine Projekte werden für verrückt gehalten; in diesem weitgehend doch sehr ungebildeten Land wird er nicht verstanden und einmal mehr gilt der Spruch „Was der Bauer nicht kennt..”.
So schlägt er sich also mit der Skepsis der örtlichen Bürokratie herum und während dazu eine grassierende Korruption das Leben aller erschwert, versucht er, Stück für Stück die Welt und die Köpfe Einzelner zu verändern. Ich finde diesen Idealismus bewundernswert und habe Hochachtung vor seinem Durchhaltevermögen.
Wer so wie ich auf Missstände auch in Deutschland eher mit einem zynischen Grinsen und resigniertem Sarkasmus reagiert, kann sich von dieser Person eine gehörige Scheibe abschneiden; auch wenn das vielleicht bedeuten mag, die Traurigkeit mancher Dinge näher an sich heran lassen zu müssen. Empörung versteht er als Kraft, so gesehen wird mein Sarkasmus zum Witz mit dem fahlen Beigeschmack der Hinnahme.

Eines Morgens, wir waren gerade mal wieder auf dem Weg zum Feld, wurden wir dort bereits von drei netten Herren in Uniform erwartet. Ihrer Gestik nach schienen sie sehr wichtige Männer zu sein und um dem Nachdruck zu verleihen, luden sie uns prompt auf die Polizeiwache ein. Sie beendeten unsere Arbeit bevor sie überhaupt begonnen hatte und gaben uns für den Tag frei, „wie nett!” dachte ich mir. Mit allen möglichen Unterlagen und meinem Pass bewaffnet, erreichten wir eine Stunde später die Polizeistation. Eingerichtet wie ein Gerichtssaal nahmen dort die drei uns bereits erwartenden Herren mit dem Oberbullen in der Mitte hinter einem langen Tisch Platz. „Das Möchtegern-Tribunal tagt also”, dachte ich mir und setzte mich mit Edi auf die beiden davor stehenden Plastikstühle. Es wurde süßer indonesischer Kaffee gereicht, der die aufbrausende Stimmung etwas beruhigte, denn jeder Bulle wollte der wichtigste sein und brüllte uns gelegentlich etwas entgegen. Dazu kam der auf mich urkomisch wirkende Umstand, dass zur linken Seite des Tisches ein kleiner Polizist saß, der auf all die vom Oberbullen ausgesprochenen Worte ein scheinbares „Genau!” brüllte und dabei eifrig nickte. Ich trank meinen Kaffee und schaute zu, wie sich Edi mit denen auseinandersetzte. Irgendwann kippte dann die Stimmung und die Veranstaltung wurde zum Fotoshooting mit Kaffeekränzchen. Komische Wendung. Die Zuschauer im Raum wurden zahlreicher und ich war mittlerweile bei Kaffee Nummero fünf angekommen. Es ging auf einmal gar nicht mehr um Edi und das Projekt, der eigentliche Grund unseres Kommens rückte völlig in den Hintergrund. Im Vordergrund stand nun ich, ich allein und die Frage, was ich denn in diesem von Gott verlassenen Dorf machen würde. Die Gespräche schleppten sich, mir wurden viele Fragen gestellt und schließlich fing das Fotoshooting an. Jeder der im Raum versammelten Personen wollte ein Foto mit mir machen – mindestens eins. Bis ich diese merkwürdige Veranstaltung auf dem Rücksitz von „Papas” Moped wieder verlassen konnte, hatte sich der Stundenzeiger um ein Viertel gedreht, alle meine Fans hatten ihr persönliches Celebraty-Selfie bekommen und Gruppenfotos hatte ich auch einige unter die Menge gebracht. Good Job.

Bis dato wundere ich mich ein wenig über die Projekte, bei denen ich bis jetzt mitgearbeitet habe und über die Internetseite, die mich diese finden ließ. „Workaway.info”, soll eine Vermittlungsplattform für Voluntäre und Projekte aller Art sein, tatsächlich jedoch kommt sie daher, wie ein Pool verzweifelter Menschen ohne Geschäftskonzept. Auf der Suche nach einer Möglichkeit, ohne viel Geld Projekte zu realisieren, oder eigentlich defizitäre Geschäftsmodelle über Wasser zu halten, bietet diese Seite sich nun einmal an, wie die Faust aufs Auge. Bei meinem letzten Job auf der Farm in Malaysia [Der Text über Malaysia ist leider einem Software Update zum Opfer gefallen] hatte ich schon den Eindruck, dass Rubi, der Betreiber der Farm, keine Ahnung vom richtigen Wirtschaften hätte – das wurde schließlich bestätigt, als er mich wegen seiner Finanzprobleme um Geld anpumpte. Hier ist das nicht anders. Edi ist ebenfalls ständig knapp bei Kasse, gelegentlich muss ich den Diesel bezahlen und – wie sein Baumhaus zur Geldquelle mutieren soll, ist mir immer noch schleierhaft. Mein Gemüt belastet das nicht, mir geht es ausgezeichnet, aber es lässt einen doch stutzig werden. Na ja, eine Chance hat die Seite noch, denn in China werde ich ebenfalls den Spaten schwingen müssen, um dann meine Finanzprobleme zu lösen.
Edi, Rubi, ich – Eine Vermittlungsplattform für Leute mit Geldknappheit. So gesehen passt das schon.

 

1. November – Belopa

Die Gedanken

Ich erwache aus einem Traum mit Bildern von Sonnenuntergängen unter Palmen, Chai-Verkäufern am Straßenrand, azurblauen Küsten, knatternden Mopeds und orientalischen Klängen. Es sind Bilder ferner Länder und ein Gefühl vom warmen Fahrtwind eines menschenleeren, sich durch tropische Landschaften schaukelnden Zuges, die mich meine Augen reiben lassen.
Manchmal fühle ich mich wie in einem Traum.
Dieser einjährige Schlaf, der für mich doch nichts als die absolute Freiheit bedeutet, scheint mir in Hinblick auf seine Endlichkeit immer fantastischer, ja unrealistischer zu sein.
Der Gedanke daran, bald in meinem Bett zu erwachen und zu realisieren, alles sei wie vorher, wird mir stets präsenter, seit ich die Hälfte meiner Reise hinter mir habe.
Meine Erfahrungen sind bloß Gedanken, deren immaterieller Inhalt, obwohl wichtig für mich, ebenso pure Einbildung sowie Spinnerei sein könnte; letztendlich existiert er nur für mich. Ich kann ihn keinem Menschen zeigen oder ihn auf eine Waage legen – und einordnen, das kann ich ihn noch längst nicht.
Vielleicht erfolgen die großen Erkenntnisse, wie bei einem Traum auch, erst nach dem Schlaf, aus dem ich irgendwann erwache und realisiere, dass nichts ist wie es vorher war.
Es bleiben die Gedanken.

 

5. November – Im Flieger nach Jakarta

In der Regelmäßigkeit ihrer Tagesabläufe zogen die 2 Wochen in Belopa ins Land und waren nun unweigerlich irgendwann zu Ende. Die meisten Tage waren schön, an einigen war ich zwar von Edis Planlosigkeit etwas genervt, aber im Großen und Ganzen war es doch eine tolle Zeit.
Wegen der Hitze erwachten wir in der Regel zwischen 8 und 9 Uhr, frühstückten, tranken Kaffee und fuhren dann mit ‚Miss Knallpott‘ [einem alten knatternden Moped, dem ich diesen Namen verpasst hatte. „Knallpott” heisst auf Indonesisch Auspuff] aufs Land, wo wir bis zur Dämmerung an Edis Baumhaus arbeiteten. Mit Hilfe von Abdal und Enal [aka. Alfi & Gori] und stets unter den neugierigen Blicken einiger Kinder, schafften wir es in 12 Tagen, zwei Etagen fertig zu stellen und einige Teile des Dachs sowie eine Wendeltreppe zu bauen. Dabei mussten wir das ganze Material erst einmal organisieren, es heranschaffen und zurechtschneiden – und das alles per Hand. Es machte mir Spaß, das Ergebnis unserer Arbeit wachsen zu sehen, wenngleich es doch mit elektrischen Werkzeugen um ein Vielfaches schneller gegangen wäre. Tag für Tag wurde meine Haut dabei brauner, wobei das im Vergleich zu Edi und den Jungs kaum auffiel.
Über die zwei Wochen hinweg teilte ich mir bei der Familie Erikas mit Edi ein Zimmer, die unweit des Grundstückes wohnte. Das Familienleben war recht unterhaltsam und die beiden überall herum tollenden Kinder sorgten manchmal auch zu meinem Leidwesen dafür, dass es nie zu still wurde.
Vier Generationen unter einem Dach, von oben angefangen: Es gab die immer grinsende Oma und den sauwitzigen zahnlosen Opa. Dazu kamen noch Mama und Papa und natürlich ihre beiden Töchter Angel und Anna, wobei Angel bereits Kinder hatte, die ebenfalls im Haus lebten. Alle waren durchweg sehr freundlich zu mir und besonders weil keiner der Familie richtig Englisch sprach, kam es zu einigen Situationen, in denen besonders Opa völlig im Pantomimenspiel aufblühte.

In Indonesien bekomme ich zirka zehnmal am Tag gesagt, wie hübsch ich denn sei, in allen Situationen, immer. Meist werden die Worte „Handsome Boy” noch begleitet von erstaunten Blicken, die dann zusätzlich von einem ungläubigen „Oh my God!” untermalt werden. Das ist kein Witz. Ich bekomme das auch von vielen gleichaltrigen Kerlen gesagt, anscheinend fahren die alle total auf mich ab. Mehrmals wurde ich auch schon gefragt, warum ich denn kein Superstar, Sänger oder Schauspieler sei. Fand ich diese ganze Nummer „Handsome-Boy” anfangs echt noch sehr schmeichelhaft, geht sie mir mittlerweile doch ein wenig auf den Keks. – Denn da ich immer noch denke, ein knappes „Dankeschön” würde als unfreundlich bewertet, ich jedoch bei der Häufung dieser Komplimente zu mehr Reaktion kaum bereit bin, fühle ich mich jedes Mal ein wenig unwohl.
So fiel es mir auch schwer, die alltäglichen Avancen Annas, der ziemlich hübschen Tochter der Familie abzuwehren, die es einfach nicht aufgeben wollte und sich trotz meines Desinteresses jeden Tag erneut an mich heran schmiss.

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9. November – Bandung, Java.

Mit dem Flieger in Jakarta angekommen wurde ich am Flughafen direkt von Robin aufgegabelt, der einen ziemlich erfolglosen Visa-Run nach Korea und Malaysia hinter sich hatte. Robin lebt seit knapp einem Jahr in Indonesien, wo er seit seiner Ankunft als Möbeldesigner, Innenarchitekt, Grafik-Designer und als noch vieles mehr arbeitet. Waren wir in Köln stets kaum mehr als flüchtige Bekannte, stand meine Visite jedoch komischerweise von Anfang an auf dem Plan. Mit dem Bus ging es nach meiner Ankunft in Jakarta weiter nach Bandung, der alten Kolonial-Hauptstadt Indonesiens, die, weil etwas höher gelegen, über ein wesentlich gemäßigteres Klima verfügt. Bandung ist in Indonesien bekannt als die „Flower-City” und durch ihre vielen Bäume ist sie recht ansehnlich. In den fünf Tagen, die ich in Bandung bleibe, schaue ich mir die Stadt an, organisiere mir ein ordentliches paar Fake-Vans, verbringe die Zeit mit Robin und seinen Freunden und gehe schließlich wieder schwul feiern.
Nachdem ich mich am 2. Tag voller Stolz in das Paar Fake-Vans Größe 44 pressen konnte, [von denen ich immer noch hoffe, dass sie sich weiten werden] trafen wir uns abends mit Robins Freunden. Es war ein zusammengewürfelter Haufen meist europäischer Auswanderer, die ihren Stammplatz in der oberen Etage der Bar haben, die Robin gerade gegen viele Widerstände versucht neu einzurichten. Mit seinen Freunden klapperten wir an dem Abend noch etliche Bars ab und als die Nacht schließlich gegen 4 Uhr nachts in einer urigen Spelunke endete, hatten die übrig gebliebenen zwei Lybier, der Iraner und wir drei Deutschen viel zu lachen gehabt.

Samstags ging es mit einer Gruppe, die sich selbst die „Hash-Group” nennt und die es allem Anschein nach auf dem gesamten Globus zu geben scheint, auf eine Schnitzeljagd durch das Umland Bandungs. Durch malerische Teeplantagen und überwucherte Dschungelpfade liefen wir bei strömendem Regen eine 12 Kilometer lange Strecke ab, die am Ende zu den stinkenden Quellen eines Vulkans führte. Danach startete das große Besäufnis und mit etlichen Bieren war auch dieser Abend wieder mal ein voller Erfolg, der schließlich hacke-dicht in den heissen Schwefel-Quellen endete. In vollem Selbstverständnis tat ich an der Kasse so, als würde ich selbstredend zu der Gruppe Kopftuchmädchen gehören, die vor mir anstand. Der Gott der Mädels war mir dann auch gewogen, denn dank meiner deutschen Dreistigkeit bescherte er mir darauf hin ein gratis Ticket und das schwefelig, dampfende Wasser tat sein übriges, mich für die Strapazen des Tages zu entlohnen.
Auf dem Beifahrersitz von Robins Moped sah ich Bandung aus der Perspektive der Einheimischen und mehrmals ging mir der Arsch auf Grundeis, als Robin mal wieder wie ein Wahnsinniger beschleunigte. Gemeinsam sausten wir durch diese Stadt, in der er mir auch noch das beste Essen der hintersten Gassen zeigen wollte. Beim Parken der Mopeds muss ich auf eine indonesische [oder zumindest javanische] Besonderheit hinweisen: Die allerorts lauernde Wegelagerei. In Bandung gibt es den Berufstand der Fahrzeug-Einwinker. Fahrzeug-Einwinker sind Menschen, meist Männer, die ganze Straßenabachnitte einfach in Beschlag nehmen, um für das Parken dort Geld zu verlangen. In der halben indonesischen Wirtschaft, die neben der massivst grassierenden Korruption ohnehin bloß aus Pförtnern und Wegelagerern zu bestehen scheint, hat sich eine Kultur des Handaufhaltens etabliert. Menschen, die man ohne ersichtlichen Grund für einen Parkplatz bezahlen muss, Bullen, die man schmieren muss, all das ist Alltag in Indonesien, wo jeder vom Kuchen des anderen etwas abhaben will, auch wenn derjenige selbst kaum etwas zu fressen hat.
Um einmal Aufschluss auf die Gehaltssituation in diesem Land zu geben: Akbar, der indonesiche Freund Robins, und der in einer Suppenküche arbeitet, verdient ebenso wie eine Putzhilfe 700k Rupia im Monat, das sind 45€.
45€, soviel kostete leider auch die Flache Whisky die ich mir zusammen mit Robin im Club gegönnt habe. Das ist ein ganzer Monatslohn eines Einheimischen. Nichts desto trotz war der Club, in dem wir am letzten Abend waren, brechend voll und, umringt von all den grapschenden Asiaten, war es mir mehr als einmal ein Rätsel, wie sich die Feierei hier einer leisten kann. Andere Länder, andere Sitten, andere Finanzierungskonzepte – ich habe keinen blassen Schimmer.

 

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