Touri-Asien Teil I , „No häb, same same“ in Thailand und Laos

 

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23. Juli, im Zug nach Nordthailand

Die letzten vier Tage in Bangkok waren für mich rückblickend wie ein Befreiungsschlag, durch den viel Last von mir abgefallen ist. Es sind wohl mehrere Faktoren zugleich: Zum einen sind es die westlicheren Standards, oder Standards generell, die man hier ohne größere Mühen und Preise wiederfinden kann, zum anderen aber ist es sicherlich die Freundlichkeit der Menschen und die Offenheit der thailändischen Gesellschaft.
Es war der Tag meiner Ankunft aus Indien. In Bangkok befand ich mich, gerade am Bahnhof angekommen, auf der Suche nach der Bushaltestelle in Richtung Kaoh San Road, als eine nette Thailänderin meinen suchenden Gesichtsausdruck bemerkte und mich auf eine Ecke des Bahnhofs verwies.
Dort schaute ich mich ein wenig um: Jede Menge Garküchen, ein SevenEleven, ein KFC, doch weit und breit keine Bushaltestelle, stattdessen aber eine Horde Taxifahrer, die schon auf mich zu eilte. Dazu muss ich sagen, dass ich seit Indien ein erheblich gesteigertes Misstrauen gegenüber jedem habe, der irgendwie mit Transport zu tun hat. Meine Strategie in Indien diesbezüglich war immer durchweg die Gleiche, denn einmal aus einem Bahnhof gekommen, musste man erst einmal die Horden von Tuk-Tuk-Fahrern abwimmeln, mit denen man meist in Ruhe einen wesentlich besseren Preis aushandeln konnte. Auf die Frage nach einer Bushaltestelle, hätte man mir entweder nur ein müdes Lächeln entgegen gebracht, oder eben die Information, dass der Bus eingestellt, kaputt, oder halt viel zu teuer sei.
Dementsprechend genervt bin ich, als Taxifahrer Nummer eins mich fragt, wo ich denn hinwolle, während Taxifahrer Numero zwei mir bereits meinen Rucksack abnehmen will. Aha, hier also die gleiche Nummer, denke ich mir, als ich zu Phase eins, dem Abwimmeln übergehen will. Es muss mir dann aber wohl ungewollt doch die Antwort auf seine Frage über die Lippen gekommen sein; ich meine mich jedenfalls zu erinnern, ihm ziemlich unfreundlich ein leises, sehr genervtes „To bus station, to Khao San Road..?!“ entgegen geraunzt zu haben.
Anschließend ließen die Fahrer von mir ab, und einer der beiden brachte mich zur Bushaltestelle, wo er mir noch einen schönem Tag wünschte, um dann wieder seiner Arbeit nach zu gehen. Ich versank im Boden, diese Menschen so einfach vorverurteilt zu haben und erinnerte mich kurz daran, jetzt in einem anderen Land zu sein. Dieser einfachen Geste hätte ich, aus Deutschland kommend, wahrscheinlich wenig Beachtung geschenkt, aber weil ich aus Indien kam, brachte es mich völlig aus dem Konzept. Es war für mich ein Zeichen der Erlösung, ein Zeichen, dass der Alltagskrieg nun endlich ein Ende hat.
Ich verbringe ein paar wilde Tage in Bangkok, ich trinke viel und gehe mal wieder feiern. Nach knapp zwei Monaten Enthaltsamkeit, finde ich dann auch endlich mal wieder einen Typen, der nicht hässlich wie die Nacht ist, und dessen Regierung mich nicht gleich für mein Sein verbrennen will. Wie entspannt.

Unter die paar englischen Ausdrücke, die auch wirklich jeder Thailänder auf die Kette kriegt und die spätestens nach einer Woche jedem auch noch so dämlichen Touri vertraut sind, fallen so Halbsätze wie „Same Same“, „Sohlly Noh hääb“, „No, finish toohday“ & „maybee tommollow“.
„Sohlly, Noh hääb“ führt dabei die Charts ganz klar an und bedeutet so wieviel wie ‚Sorry I don’t have this‘. Oft tauchen aber diese Halbsätze auch in Kombination auf, was sie um so eingängiger machen. So kann zum Beispiel eine thailändische Shop-Besitzerin, wenn sie denn all ihr Können aufbietet, solche komplexen Zusammenhänge erläutern wie: „Sohlly noh häb, finish today, tommollow maybe hääb! Look this, same same!“
Die Krönung ist mir dann aber in Chiang Rai begegnet, als mir eine Restaurantbesitzerin ernsthaft verklickern wollte, dass ihre Toilette leider heute „finish“ sei! Aber kein Problem, ich könne ja „maybee tohmollow“ wieder kommen. Ernsthaft?!

 

Thailand, 23. bis 30 Juli

Bis ich später die laotische Grenze im Norden Thailands überquere, vergehen knapp zwei Wochen. Zwei Wochen, in denen ich Su und Johanna aus Köln wieder treffe und Mava kennen- lerne, die von da an Teil unseres Vierergespanns sein wird. Wir besuchen ein paar Orte im Norden Thailands und ich genieße es, endlich wieder unter ’normalen‘ Menschen zu sein, die keinen Krishna-Fetisch haben. Über Bangkok geht es zunächst mit dem Zug nach Chiang Mai, von wo aus es mit besagter Clique nach Pai, einem kleinen Touri-Dörfchen im Norden geht. In Sachen Transport ist der Minivan unser treuer Begleiter, wenn wir auch sonst oft mit den in Thailand stets zum Spottpreis mietbaren Mopeds unterwegs sind. Den Pilze Trip aus Pai noch im Hirn, fahren wir nach 4 Tagen wieder ab und machen uns auf den Weg nach Chiang Rai an der laotischen Grenze. Johanna und Su, die ich auf ihrem Weg ein Stück weit begleite, sind auf dem Weg mach Phnom Penh. Dort, in der Hauptstadt Kambodschas, werden sie dann in drei Wochen ihren Flieger besteigen, der sie nach Neuseeland bringen soll. Mava, die ja nun ebenfalls Teil der Gruppe ist, hat eine unschöne Trennung von ihrem Freund hinter sich, woraufhin sie sich von Zuhause losgemacht hat, um Asien zu erkunden. Da Su und Johannas Thailand-Visum nur noch für ein paar Tage gültig sind, geht es am 29. Juli auch schon `rüber nach Laos, wo wir einen Tag später in einem Boot auf dem Mekong sitzen, was uns nach Luang Prabang bringen soll.

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30. Juli, Mekong-River

Das lange Boot, gefüllt mit Backpackern aus allen Herren Ländern, schaukelt gemächlich auf dem braunen Wasser des Mekongs hin und her. Während ich meine Notizen mache, hat gerade der Monsunregen eingesetzt und das Licht, das durch die an allen Seiten des Bootes herab gelassenen Plastikplanen scheint, hüllt das ganze Deck in fahles Gelb. Als mir das Prasseln des Regens so in den Ohren liegt, denke ich an den gestrigen ersten Abend in Laos, in der kleinen Stadt Huay Xai, wo unser Abendessen mit dem anschließenden Bier am Mekong dieses Land wohl nicht besser hätten einläuten können.
Vorhin, als das Langboot noch fest vertäut am Steg lag, wurden Su und ich auf ein aberwitziges Schauspiel im vorderen Teil des Bootes aufmerksam. Dort versuchte ein etwas eingeschüchterter Laote einem fetten 4-Zentner-Koloss von Mensch klar zu machen, dass unser Boot Probleme mit dem Gleichgewicht bekäme, wenn er sich nicht umsetzen würde. Dem dicken Amerikaner war dies aber offensichtlich so peinlich, dass er sich partout weigerte, die eindeutige Gestik des Bootsmannes zu verstehen. Das machte nun aber seine Situation viel schlimmer, und während der Laote seine eindeutigen Kommunikationsbemühungen intensivierte, wechselte die Gesichtsfarbe des Amis auf Tiefrot. Der Bootsmann fuchtelte und gestikulierte wild herum und er bot dabei all sein verzweifeltes Können auf, um dem Gast die Situation zu erklären. Inzwischen waren aber die umliegenden Asiaten ebenfalls auf die Szenerie aufmerksam geworden und steckten die Köpfe zusammen, während sich die vom Bootsmann anfangs noch mit zwei Händen symbolisierte unausgeglichene Waage, in eine wilde Rolle seitwärts verwandelte. Der Ami sah aus wie eine Tomate und unter den Asiaten hatte sich eine Eigendynamik entwickelt, die sie beängstigt durcheinander schnattern ließ. Allen Zuschauern war die Tragweite des Problems klar: Das Boot drohte zu kentern und wegen des fetten Amis würden wir wohl alle verrecken. Unterstrichen wurde die Situation zusätzlich noch durch das mittlerweile hysterisch ängstliche Gegacker unserer laotischen Mitreisenden, deren Gruppe mittlerweile etwas Tumultartiges angenommen hatte. Su und ich lagen indes vor Lachen unter den Bänken und als wir mit einem Auge den wild herum zappelnden Laoten beobachteten, wechselten schließlich vier Asiaten die Seite.

1.August, Mekong-River

Wir hatten uns für eine weitere Nacht in dem kleinen Touristendörfchen Pak Beng entschieden, um auf der Reise nach Luang Prabang der potentiell doppelten Genervtheit durch zwei Tage Bootsfahrt zu entgehen. Pak Beng liegt auf halber Strecke zwischen Huay Xai, der nördlichen Grenzstadt zu Thailand, und Luang Prabang, der alten Hauptstadt von Laos und wird deshalb täglich von vielen Booten angefahren, die hier einen Tag Rast machen. Als wir am zweiten Tag gegen Vormittag aufwachten und uns bereit machten, die Gegend zu erkunden, war das kleine Dorf wie ausgestorben, denn die alle Boote hatten das Dorf bereits verlassen. Auf den Straßen spielten an manchen Ecken fröhliche Kinder und mehr als ein Mal hörten wir die kreischenden Kinderstimmen noch hinter der nächsten Straßenecke, wie sie uns ‚Sabai-Dee‘ [Guten Tag] hinterher brüllten. Überhaupt sind die Kinder hier, im Gegensatz zu den europäischen viel unvoreingenommener, gar nicht ängstlich und unglaublich neugierig. Wir erkundeten tagsüber ein wenig die Gegend und latschten planlos ins Landesinnere, von wo aus wir einen großartigen Blick auf den Mekong hatten. Nicht aber zuletzt wegen der hohen Preise rund um das Dock erhofften wir uns außerdem etwas abseits ein einheimisches Restaurant auftun zu können, um dieser unnötigen Ausbeutung zu entgehen. Als wir dann aber nachmittags von unserem kleinen Ausflug ins Nichts zurück ins Dorf kamen, teilte uns bereits das dritte reservierte Gesicht einer Restaurantbesitzerin mit, dass wir hier wohl nicht werden essen können und trotz der auf dem Dorfmarkt entdeckten Köstlichkeiten, wie zum Beispiel eingetüteten lebenden Kröten oder gegrillten Ratten am Spieß, blieben uns am Ende bloß die überteuerten Restaurants am Fluss.
Wir fanden diese mafiöse Restaurantverschwörung, die uns dazu zwang in den Touri-Lokalen zu dinieren, etwas schade, denn so hatten wir uns Laos sicher nicht vorgestellt. Abends saßen wir noch alle zusammen und spielten Karten, rauchten das Opium eines Einheimischen und redeten über unsere ersten kontroversen Eindrücke dieses neuen Landes.

 

4.August, Luang Prabang

Nach einer erneuten siebenstündigen Bootsfahrt den Mekong hinab, kamen wir endlich an der Touristen-Anlegestelle Luang Prabangs an. Vor dem Boot – beim Ausladen des Gepäcks – wurden wir fortan von dem Angebot eines Laoten berieselt, der sich am Treppenaufgang der Docks positioniert hatte und ununterbrochen alle aussteigenden Gäste zulaberte. Gerade aus einem Boot ausgestiegen und den Rucksack noch gar nicht geschultert, haben aber die meisten Reisenden etwas anders im Sinn, als auf ein hysterisch vorgetragenes Angebot eines Zimmers zu reagieren und lehnten freundlich ab. Schon nach einigen Minuten wichen deshalb die Verkaufsversuche des Laoten einem Schwall von Hasstiraden, den er auf jeden vorbei eilenden Touristen niederprasseln ließ, der sein Angebot nicht annehmen wollte. Er fluchte herum, wir alle würden uns für etwas Besseres halten und sollten einmal in den Spiegel schauen, wer wir denn bitte seien. Dieser Spinner bestimmte nun für die nächsten 20 Minuten die Geräuschkulisse und etliche verunsichert dreinblickende Touristen das Bild. Während der Laote weiter vor sich hin kreischte, schien keiner so recht zu wissen, wie er mit diesem geifernden Giftpaket umgehen solle, geschweige denn mit den Vorwürfen, die einem entgegen gebrüllt wurden. Am Ende verkaufte uns dieser Typ, der uns so freundlich in Luang Prabang begrüßt hatte, nur den ersten Eindruck dieser Stadt, jedoch – oh Wunder – kein einziges Zimmer.

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Mava, Su, Johanna und ich bleiben vier Tage in Luang Prabang, welches auf mich den Eindruck macht, die Hauptanlaufstelle aller Touristen in gesamt Laos zu sein. Die alte Haupt’stadt‘ Laos ist mit seiner älteren Kolonialarchitektur zwar ganz ansehnlich, aber irgendwie auch nichts Besonderes. Am ersten Abend, den wir in der bis zum Rand mit Backpackern gefüllten Bar „Utopia“ verbringen, kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, einen Großteil der bestimmt 200 Anwesenden bereits zu kennen. Die eine Hälfte ist anscheinend in den letzten zwei Tagen mit uns über den Mekong von Norden angekommen und die andere hat das noch vor. Man, wie offroad!
Um 11 Uhr werden dann allabendlich die Gäste aus der Bar geworfen, da die hiesigen Parteikader schließlich auch ihren Teil an dem Reibach haben wollen, der beinahe die einzige Einnahmequelle des Landes ist. Naja, bis auf`s Opium. Die Meute angetrunkener Backpacker wird daraufhin schon erwartet, von zig Tuk-Tuk-Fahrern eingesammelt und in eine Bowlingbahn am Stadtrand verfrachtet, wo die Trinkerei dann weiter gehen darf.
Dementsprechend wird der Abend noch ganz witzig, und beim Bowling verfehle ich nur knapp den ersten Platz. Noch auf dem Hinweg schaffe ich es aber, natürlich bei strömenden Monsunregen auszurutschen und in einer Wasserrinne zu landen, die meiner in Kroatien erworbenen Hose endgültig den Garaus macht und mir ein klaffendes Loch am Arsch und eine blutende Wunde am Ellenbogen beschert.

 

Ansonsten ist die Mentalität der hier anzutreffenden Laoten doch etwas konfus.
Situationen, in denen mir in manchen Geschäften partout nichts verkauft werden will und ein paar unfreundliche Gesten Einheimischer geben sich die Klinke in die Hand. Ich mache dafür den viel zu starken Andrang von Touristen verantwortlich, dem dieses kleine unterentwickelte Land eigentlich nicht gewachsen sein kann. Es sind zum größten Teil Australier und Engländer, die hier teilweise oberkörperfrei über die Straßen rennen, und dabei keine Rücksicht auf die einheimische Kultur nehmen. Feiernde Horden von Party-Touristen, die dümmlich nur nach dem nächsten Bier dürsten und denen dabei gar nicht bewusst ist, nicht in Disneyland zu sein. In dem Bewusstsein, in dieser Masse unterzugehen, bin ich etwas enttäuscht von unserem Reiseziel und möchte so schnell wie möglich aufs Land, dorthin, wo dieser „massenhafte Individualtourismus“ noch nicht so zugeschlagen hat. Hoffentlich ist diese Vorstellung keine Illusion.
Wir verbringen dennoch vier sauwitzige Tage in dieser Stadt, die ich doch recht durchschnittlich finde. Das Zimmer welches ich mir mit Mava teile, kostet uns beide bloß 2,20€ die Nacht, die Truppe stimmt und das laotische Nationalgetränk ‚Beerlao‘ schmeckt und ist günstig.

 

7. August, Zentral-Laos

Alle waren glücklicherweise meiner Meinung, dem Touri-Strom entfliehen zu müssen. Dennoch hat sich knapp eine Woche später unsere Reisegruppe getrennt, und Su und ich sind jetzt alleine unterwegs.
Zuerst haben wir Mava in Luang Prabang zurückgelassen, die dort Besuch von einem Freund bekam, und vorgestern mussten wir uns dann noch von Johanna trennen. Mit der Idee für eine Motorradtour sind wir drei vor ein paar Tagen in Thakek, einer kleinen Stadt am Mekong, angekommen. Doch am Folgetag stellte Johanna leider just im Motorradverleih fest, dass ihr wegen der schlechten Straßenverhältnisse die ganze Tour zu riskant sei. Besonders Su fand diesen spontanen Meinungsumschwung klasse.
Wir verabschiedeten uns nun also einen Tag später auch von ihr und machten uns allein auf den Weg, diese einsame Gegend zu erkunden. Zu zweit ging es die letzten beiden Tage mit unserem geliehenen Motorrad über etliche Buckelpisten und Berge nach Zentral-Laos. Das Rollerfahren mit Automatik hatte ich in Vietnam gelernt.“Die Halbautomatik lerne ich dann wohl hier zu handhaben“, dachte ich mir gestern, als wir vor unserem neuen Motorrad standen. Wegen des heftigen Regens der letzten Tage haben Su und ich uns noch in Thakek gegen zwei günstigere Mopeds und stattdessen für ein teureres Modell entschieden. Wir packten das nötigste für die 5-Tagestour in meinen Rucksack, den immer der hintere von uns beiden schultern musste, während der andere fuhr. Eine Stunde nach unserer Abfahrt bretterten wir dann bereits durch malerische Reislandschaften und die Sonne über den zu allen Seiten aufragenden Felsen gab uns zu verstehen, dass das miese Wetter der vergangenen Wochen nun endlich ein Ende haben sollte. An kleinen Dörfern und an über die Ufer getretenen Flüssen vorbei führte uns die Straße schließlich in eine höhere, weit aus abgelegenere Gegend. Es bestätigte sich die Erfahrung, dass die Menschen immer freundlicher werden, um so weiter wir uns von der Zivilisation entfernen.
Die Fahrt am ersten Tag machte einen Heidenspaß und die gelegentlichen Pausen, die unsere Arschbacken vor dem Absterben retteten, entschleunigten den Tag.
Als wir am späten Nachmittag dann in unserem Hotel ankamen, konnten wir kaum noch sitzen, doch unser Bungalow entschädigte uns für die Strapazen. Er war ganz aus Holz mit einer Veranda zum See hin und kostete uns die Nacht ungefähr 5,50€. Wir erkundeten noch etwas die Gegend und versorgten uns im Dorfladen mit dem Nötigsten, bevor wir abends noch einen Spanier trafen, der auf der gleichen Route unterwegs war.
In der Nebensaison unterwegs zu sein, hat stets Vor- und Nachteile. In Indien war es schweineheiss und in Südostasien folgt dafür ein Wolkenbruch dem anderen. Glücklicherweise verschreckt das im Austausch aber die meisten Reisenden und man hat endlich seine Ruhe vor den Touristenhorden, die sonst durch diese Länder pflügen. Diesem Umstand haben wir außerdem den netten Nebeneffekt der wesentlich niedrigeren Preise zu verdanken und nur sehr vereinzelt trafen wir andere Westler, die sich trotz Matsch und Regen auf den Weg gemacht haben, diesen Teil der Welt zu erkunden. Gänzlich unerwartet spendierte uns der Spanier abends noch einen großen Haufen Gras, der am Ende für die ganze Tour reichen sollte. Was für ein genialer Tag, den Sonnenschein und den Fahrtwind noch im Herzen und das Gras im Hirn schliefen wir abends schließlich sehr zufrieden ein.

Wunderten wir uns gestern noch über die guten Straßenverhältnisse, sollte sich das bald ändern und wir erwarteten die baldige Verschlechterung. Verschlechterung!?Dieses Wort war dann aber leider nicht im geringsten Ausdruck dessen, womit wir uns einige Stunden später nach unserem Aufbruch herumschlagen mussten.
Knöchel-, ja manchmal knietief steckte ich mit beiden Beinen im Schlamm, der ebenso versuchte, unser Motorrad zu schlucken. Su hatte unterdessen ihre eigenen Probleme, sich überhaupt auf der Maschine zu halten und nach den ersten hundert Metern Kraterlandschaft stieg sie entnervt ab und stapfte mitsamt des Gepäcks zu Fuß durch den Schlamm. Ich hatte indes genug damit zu tun, allein das Motorrad durch den Sumpf von Baustelle zu bekommen, die mir, vom Dauerregen der letzten Tage aufgeweicht, vorkam wie eine Fliegenfalle. Und während wir wie zwei Fliegen in der Falle fest steckten, sank mir das Motorrad oft so tief in den Matsch ein, dass es selbst ohne mein Gewicht bereits im ersten Gang abwürgte. Wir brauchten etwa zwei Stunden, um dem Mars zu entfliehen, wobei wir immer wieder vom Motorrad absteigen mussten, um zu Fuß weiter zu waten. Danach war das Schlimmste erst einmal überstanden und als es pünktlich zum Erreichen der Schotterpiste zu regnen anfing, suchten wir, inzwischen rot-gelb vom lehmigen Schlamm der Straße, in einem kleinen plastikbestuhlten Lokal am Straßenrand Unterschlupf. Die uns dort vorgesetzte Hühnerhals-Suppe inklusive Hahnenkamm und Knorpel war zwar kein Gaumenschmaus, aber da wir beide doch recht unkompliziert sind – essbar. Der weitere Weg führte uns über mehrere hölzerne Brücken, etliche Dörfer und als letztes wieder einen Berg hinauf, wo unser Moped leider endgültig den Geist aufgab. Nachdem wir vom Straßenrand aus einige LKW beobachteten, die sich im Kriechtempo ein Wettrennen lieferten, änderten wir die Vorgehensweise, ich nahm den Gang raus und wir rollten zurück ins letzte Dorf.
Dort ließ sich dann glücklicherweise recht schnell ein findiger Mechaniker auftreiben und, nachdem Kette und Ritzel erneuert waren, überquerten wir gerade noch rechtzeitig vor Sonnenuntergang den Bergkamm, vor dem unsere Maschine eben noch kapituliert hatte. Singend sausten wir auf der anderen Seite des Berges unserem Guesthouse entgegen und bei den letzten Sonnenstrahlen erhaschten wir noch einen atemberaubenden Blick auf die sich uns öffnende Tiefebene.

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9.August, Ban Nahin

Zwei Tage später sitze ich nun mit Su am Frühstückstisch auf der Terrasse unseres Guesthouses. Während der Morgen anbricht, beobachte ich noch etwas verschlafen einen Hahn, wie er auf der Suche nach dem nächst größeren Misthaufen fröhlich vor sich hin krakeelt. Dazu wird die Idylle noch von dem regelmäßigen Gemuhe einer Kuh untermalt, die unweit unseres Tisches dumpf vor sich hin glotzt. Ach, schön! Zum Frühstück gibt es jetzt erstmal lecker Pommes-Mayo.

Gestern waren wir bei strahlend blauen Himmel noch etwas weiter ins Landesinnere unterwegs. Auf dem Weg zur Konglor-Höhle passierten wir kleine Dörfer, farbensatte Reisfelder und ziemlich viele Schlaglöcher, während wir durch ein großes Tal von zu beiden Seiten steil aufragenden und von Dschungel überwachsenen Karst-Felsen fuhren. Die Höhle selber, die wir am frühen Nachmittag erreichten, war dann nicht weniger spektakulär. Am Ende des Tals gelegen, hat dort ein Fluss von der Größe der Sieg eine riesenhafte Höhle in einen der Karstfelsen gegraben, für deren Durchquerung wir trotz Motor über eine halbe Stunde brauchten. Die Scheinwerfer reichten oft kaum aus, um in der absoluten Finsternis das Ende der schier endlosen Höhen erblicken zu können und während unser Boot das Wasser unter den unzähligen Stalaktiten pflügte, wurde mir trotz Außentemperaturen um die 40 langsam kalt.
In meinem Leben habe ich zwar schon viele große Höhlen gesehen, aber dieses Naturschauspiel überstieg all meine Erwartungen und als wir auf dem Rückweg den Fahrtwind spürten, dazu die immer länger werdenden Schatten der uns umringenden Felsformationen, da wurde mir noch einmal bewusst, wie schön diese gottverlassene Gegend doch ist.

 

Abends im Dorf angekommen, schlenderten wir wieder ein Mal mit der Erwartung durch die Straßen, irgendwo abseits unseres Hostels etwas Essbares auftreiben zu können. Wie so oft in Laos auch, stellte sich dieser Versuch als weitaus schwieriger dar, als wir es erwartet hatten. Etwas bizarr, doch keines der einheimischen Restaurants schien Essen zu verkaufen, und die Preise der zwei, drei Etablissements, in denen uns Freude strahlend englischsprachige Karten überreicht wurden, schienen uns doch arg überteuert. Nachdem wir unsere Suche einige Zeit fortgesetzt hatten, landeten wir schließlich bei einem Wirt und seiner Frau. Wobei man in diesem Fall sicherlich auch hätte sagen können, bei einer Frau und ihrem Wirt. Gerade verabschiedete sich eine Karaokegruppe und als wir unter Staunen feststellten, dass man hier gewillt sei, uns mit Essbarem zu versorgen, nahmen wir an einem der Plastiktische Platz. Zum Abendessen gab es dann gegrillte Ente mit Reis, verfeinert mit einer Prise Redeschwall, die das Paar freudig auf uns nieder prasseln ließ. Der Wirt, leicht angetrunken, seine Frau vollends besoffen, schenkte uns dabei stetig nach.
Als wir das Essen bereits beendet hatten, wollte das enthusiastisches Gelaber der beiden dann kaum abreißen. Da aber die letzten Biere nicht auf unsere Rechnung gingen, waren wir mit der Situation recht zufrieden.
Ein Hauch von politischer Offenbarung und Systemkritik des Wirts ging in seinem Alkoholdunst unter, während seine Frau mittlerweile darauf bestand, uns unbedingt zum Karaokeabend einladen zu müssen. Das lustige Durcheinander wurde dann bloß dadurch unterbrochen, dass uns unter Gelächter eine lokale Spezialität vor die Nase gestellt worden war: Ein Napf, randgefüllt mit Entenblut und roher Leber, abgeschmeckt mit ein wenig Zitrone und etwas Chili. Das ekelte uns aber weniger an, als es die beiden erwartet hatten und während alle Beteiligten ihn leerten, fühlten Su und ich uns richtig krass. Gestern Hühnerhalssuppe, heute Entenblut!

Beim Trinken meines Kaffees und in der Erwartung auf das baldige Erscheinen der Pommes kreisen meine Gedanken wieder einmal um die heutige Strecke. Für den Rückweg nach Thakek haben wir uns gestern gegen den logischen Weg entschieden. Der logische Weg wäre eine Rundfahrt gewesen, wobei die Fortsetzung der Strecke für uns Hauptstraße bedeutet hätte. Mit wenig Lust auf den damit verbundenen nervigen Schwerlastverkehr, entscheiden wir uns jedoch um und werden nun den gleichen Weg zurück nehmen, den wir auch für die Hinfahrt genommen hatten. Statt der schnöden Hauptstraße erwartet uns nun erneut eine ’sehr abwechslungsreiche‘ Passage und dazu wunderschöne Landschaften, gleichzeitig bedeutet es aber wohl den erneuten Harakiri im Schlammloch.
Es ist Monsun und die Sonne ballert, wir machen datt schon…

 

Siem Reap, 12. August – Rückblick

Der Rückweg durch die Berge in Zentral Laos war leichter als gedacht. Denn obwohl eigentlich Monsun, hatte es die letzten Tage kaum geregnet und die Straße glich nicht mehr der Mondlandschaft, die wir noch auf unserem Hinweg durchqueren mussten. Am vorletzten Tag überschätzte ich jedoch die Befahrbarkeit der Piste. Ein Schlammloch zeigte uns unsere Grenzen auf, als wir schließlich den Boden küssten. Ein abgebrochener Spiegel und eine gezerrte Wade waren das Ergebnis meines Übermuts, aber ein Lachanfall unsere Antwort. Ansonsten verlief der gesamte Rückweg recht reibungslos und Su und ich hatten einfach eine gute Zeit.
Am Abend des neunten Augusts bestiegen wir dann schließlich unseren Bus in Richtung Kambodschanischer Grenze und die Odysee „Marathonbusfahrt“ konnte beginnen.

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