Indien – Kohletabletten gegen den Subkontinent, 20.07.-19.08.

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Delhi, 21. Juni

In einer kleine Straße irgendwo in Mitten Old-Delhis kommt ein vielleicht 11-Jähriger Junge auf mich zu und packt mir in den Schritt.
Gestern Abend in Delhi angekommen, hat Delhi eingeschlagen, wie eine Bombe. Allein auf dem Weg vom Flughafen bis zu meinem Hotel wurden mir drei Fallen gestellt, aus denen zu entrinnen es mich ein paar Stunden an Zeit gekostet hat.
Die Metro sei geschlossen, mein Hotel habe dicht gemacht und schließlich das Beste und auch Kreativste: Wegen des Ramadan-Festes sei die Gegend rund um den Basar, in der mein Hotel liegt, militärisches Sperrgebiet, für das ich eine offizielle Eintrittserlaubnis bräuchte. Alldem zum Trotz sitze ich dann spät abends in meinem Hotel, trinke das erste Bier seit drei Wochen und in mir keimt die Erkenntnis, dass nun alles wesentlich komplizierter wird. Ich bin wieder in einem freien Land – alles ist möglich.

 

Dehli, 23 Juni

Oh Delhi, anstrengend bist Du! Es ist schwer, das Stimmungschaos, das diese Stadt die letzten drei Tage in mir ausgelöst hat, zu beschreiben. Schwankte es doch zwischen Euphorie, Verwunderung und absoluter Genervtheit bis hin zu Resignation. Rikschafahrer fragen einen zum Beispiel keineswegs aus Interesse, wie lange man bereits in Delhi oder Indien sei. Viel mehr versuchen sie damit auszuloten, in welchem Maße sie einen abziehen können. So erklärt sich auch, dass sich meine Reisekasse, bis ich zu dieser Erkenntnis gelangt bin, in den letzten drei Tagen, aus mir vormals unerfindlichen Gründen massiv geleert hat. Parallel dazu kommt die Tatsache, dass meine Bemühungen, an ein Visum für Myanmar zu gelangen, nicht annähernd erfolgreich waren und ich mich morgen nun zum dritten Male auf den Weg zur Burmesischen Botschaft machen werde.
Um nach Burma über Land einreisen zu können, brauche ich ein Visum sowie ein Bordercrossing-Permit. Aber was war zu erst, das Permit oder das Visum? Ob Ei oder Huhn, Tatsache ist jedoch, dass mich diese Frage zu der Antwort geführt hat, dass ich die Eier selber legen muss, die ich sonst nicht bekomme. Um ein Permit zu bekommen, um über Land die Grenze von Indien nach Burma zu überqueren, braucht man das bereits ausgestellte Visum – soweit logisch. Will man nun aber ein Visum von der burmesischen Botschaft in Delhi haben, muss man nachweisen, wie man denn in ihr Land einreisen will: heisst Borderpermit/Flugticket. An diesem Punkt beisst sich der Hund in den Schwanz und ich komme nicht weiter. Also Eier legen ist angesagt. Ich habe mir jetzt ein Flugticket von Kalkutta nach Yangon in Burma gebucht, um damit morgen meine Einreise vor der Burmesischen Botschaft nachweisen zu können. Im Anschluss kann ich aber mein Flugticket wieder stornieren, da das Visum wiederum die Existenz des Flugtickets unnötig macht, denn dann, mit ausgestelltem Visum, kann ich endlich mein Permit beantragen.
Man kann es für kompliziert halten, die andere Möglichkeit wäre aber, sich mit der Bürokratie der Burmesen auseinander zu setzen und dem desinteressiert dreinblickenden Typ hinter dem rostigen Visumschalter der Botschaft dieses Paradoxon zu erklären. Mal sehen, wie es sich entwickelt und wann ich das Visum schlussendlich bekomme, ich hänge zumindest vorzeitig hier fest. Ohne Pass reist es sich in Indien leider schlecht – bis gar nicht.
Vor ein paar Tagen habe ich Richard aus Südafrika kennen gelernt. Wir haben uns ziemlich gut verstanden und wenn das mit dem Timing klappt, treffen wir uns dann in 1-2 Wochen in Varanasi. Vorher aber geht es – immer vorausgesetzt ich habe das Visum endlich – in drei Tagen über Chandigarh nach Kasol, auf so ein Hippie-Flowerpower-„Wir nehmen alle Drogen und verbessern damit die Welt“-Festival. Auch interessant: Und hinein ins Klischee.

Delhi ist riesig, stinkt und Delhi lebt. Delhi lebt überall und alles lebt in Delhi. In diesem riesigen Moloch von Stadt, in dem Mittelalter und Moderne so stark aufeinander prallen, dass man es anfangs kaum für möglich halten mag, leben x-Millionen Menschen und sicher noch einmal das 10-fache an Tieren. Die Straßen sind stets voll, so voll, dass sie in Deutschland längst mit Trenngittern versehen wären. Alles bewegt sich und alles scheisst, es ist heiss. Es sind bestimmt über 42 Grad und die Mischung an Gerüchen liegt irgendwo zwischen Curry, Weihrauch und Fäkalien. Old-Delhi ist ein Wirrwarr von Straßen und Gässchen, die zu jeder Zeit mit dem Verkehr überfordert und verstopft sind. Die Gebäude stehen hier mitunter so dicht an einander, dass ich mir sicher bin, wenn es hier auch nur das geringste Erdbeben gäbe, würde sich Delhi in das größte Massengrab der Menschheitsgeschichte verwandeln. Die ersten beiden Tage traue ich mich kaum an das einheimische Essen ran, zu groß der Kontrast zu Iran, zu plakativ die Warnungen. Am Ausgang der kleinen Gasse meines Hotels befindet sich, nur durch eine armlange Pappwand von einem öffentlichen „Pissoir“ getrennt, eine Hähnchen-Braterei. Während ich mit einigem Abstand die auf dem Grill liegenden Hähnchen beäuge, ist der Uringeruch gerade zu beissend; doch die Kunden stören sich nicht, die mit einem Bein in der Pisse stehenden Grillmeister stören sich um so weniger und ich esse heute vielleicht doch nichts mehr.

 

..immer noch in Delhi, 25. Juni

Alle meine Bemühungen, an ein burmesiches Visum zu gelangen, haben vor einer halben Stunde nun jäh ihr vorläufiges Ende gefunden, als der Botschaftsbeamte mir meine Papiere durch sein kleines vergittertes Guckloch zurückreichte. Über Land könne ich nicht aus Burma nach Thailand ausreisen (was de fakto nicht stimmt) und deswegen sei mein Visumantrag abgelehnt worden. Selbst wenn ich mir jetzt auch noch den Weiterflug organisieren würde, um anschließend das Visum zu beantragen, würde meine Zeit nicht mehr reichen, um mir dann das Border-Permit zu organisieren. Parallel dazu, hasst Marc mich auf einmal, echt Spitze.
Man soll ja aber nach vorne blicken, also Planänderung: Kein Ostindien, kein Varanasi, kein „Über-Land“ nach Burma, dafür jetzt Nordindien und anschließend Flug nach Thailand. Von dort aus versuche ich mir dann ein Motorrad zu kaufen und von Süden nach Burma einzureisen. Mal schauen. Für die Stimmung ist das leider erstmal ein erneuter Dämpfer.

 

Chandigarh, 27. Juni

Die erste Zugfahrt in Indien, gestern von Delhi nach Chandigarh, war dann doch simpler als ich es mir gedacht habe. Von einer Zugstation ausserhalb Delhis ging es bei einer Affenhitze mit dem Zug in Richtung Norden. Mit Proviant muss man sich in diesen Zügen eigentlich nicht vorab versorgen. Während ich so am vergitterten, glaslosen Fenster meine Zigaretten rauchte, kam alle zwei Minuten ein Chai- oder Samosa-Verkäufer durch den von Wind durchfluteten Zug und bot an, was er gerade hatte. In Indien und seinen Zügen ist das Essen soweit in Ordnung, es kann auch problemlos gegessen werden – wenn mann nur vorher seine zwei Kohletabletten genommen hat. Oder Vier. Nach der ersten Woche in Delhi konnte sich mein Bauch zwar leider noch nicht an das fremde indische Essen gewöhnen, ich mich aber glücklicher Weise an sein Ergebnis. Man gewöhnt sich ja bekanntlich an alles. Ausserdem stabilisiert das Kohlefressen Bauch und Weltklima gleichermaßen, so dass ich dem halben Brikett in meinem Bauch die relative Freiheit verdanke, im indischen Zug nicht auf die Toilette gehen zu müssen – und das ist, bei diesen verschmierten, wackelnden und nach Exkrementen stinkenden Kacklöchern, echte Lebensqualität. Also alles soweit paletti. Ich brauche mehr Kohletabletten.

Nachdem mein Zug nun quietschend zum Stehen gekommen ist und sich die Türen geöffnet haben, beobachte ich schmunzelnd das Gedränge der Massen und warte ab, bis sich der Mob wieder beruhigt hat. Der naheliegenden Vermutung, Inder hätten sich an die allgegenwärtigen Massen gewöhnt und reagierten auf Gedränge eher mit Gelassenheit als mit Panik, erteilt meine Beobachtung jedoch eine gewaltige Absage. Als die Türen des Zuges sich öffnen, packt so etwas wie panische Euphorie die Massen und wie bei einer Essensausgaben in der Sahelzone will auf einmal jeder der Erste sein und die Meute quetscht sich durch die Gänge. Mir ist das ganze Spektakel recht unverständlich und nach 3 Minuten Wartezeit verlasse ich in Ruhe ebenfalls den Zug. Immer den drängenden Massen folgend, schlendre ich in Richtung Ausgang, doch draussen muss ich leider feststellen, dass es weder umsonst-Essen noch eine Promo-Aktion gab, die mir die Hysterie verständlich machen könnte. Die sind einfach bekloppt, na ja, jeder nach seiner Fasson…

Über Facebook habe ich einen Inder aus Chandigarh kennen gelernt, der ebenfalls auf das Festival nach Kasol fahren will und der mir vorgeschlagen hat, man könne doch von Chandigarh aus zusammen fahren. Akki ist genau wie ich 24 Jahre alt und, nachdem ich in meinem Hostel eingecheckt habe, steht er abends mit seinen Freunden in meinem Zimmer und bietet mir den ersten Joint zur Begrüßung an. Der erste wird nicht der letzte sein. Ein wenig später schwinge ich mich auf den Rücksitz von Akkis Moped und in der Dunkelheit der Nacht geht es weiter zu seinen Freunden. Akki fährt wie ein Wahnsinniger und während ich völlig breit auf dem Rücksitz seines Mofas Paranoia schiebe, sausen wir durch den nächtlichen indischen Verkehr. Eine Stunde und zwei Polizeikontrollen später kommen wir schließlich bei seinen Freunden an. Abgeschottet von Slums und Armut, und in Gesellschaft von amerikanischen Fast-Food Ketten leben sie in einem der reichen Vororte ein Leben, was bis auf die Geografie nicht viel mit dem der restlichen Inder gemein hat. In der Wohnung angekommen, schrubbt gerade ein Hausmädchen in der Küche den Boden, während Akkis dicke Freunde auf einem Bett herum liegen und einen Joint nach dem anderen rauchen. Nach einem Loblied auf die niedrigen Löhne Indiens, die ihnen dieses Leben erst ermöglichte, schweift mein Blick aber immer wieder ab. Vor meinem inneren Auge male ich mir die Lebensumstände der Hausangestellten aus, die sicherlich zu Hause in einer Bretterbude ein gänzlich anderes Dasein fristen müssen. Nachdem wir am Ende Elf Joints in drei Stunden geschafft haben, kann ich kaum mehr geradeaus laufen und, zurück in meinem Hotel, bin ich einfach nur froh, in mein Bett fallen zu können. Der Abend an sich war zwar ganz witzig, doch diese ganze Kifferei ist mir doch ein wenig zu krass.

Morgen will mich Akki dann weiteren Freunden vorstellen. Danach soll es abends noch in einen Club gehen, in dem ein Freund auflegt. Ich bin mal gespannt, wie Inder so feiern, nur hoffentlich kiffen die wieder nicht so viel! Morgen versuche ich dann erst einmal beim Bier zu bleiben, bevor es dann nach der Disko in der Nacht mit ’nem Jeep auf ins Gebirge geht. Der Rave kann kommen – au Backe!

In Indien hat mich die Ernüchterung gepackt, zum ersten Mal auf meiner gesamten Route fühle ich mich wirklich alleine. Warm werde ich nach einer Woche Indien mit diesem riesigen Land doch noch nicht so ganz. Wieso auch immer, die letzten Tage bin ich von Grund auf angespannt, keine Spur mehr von dem ‚einfach treiben lassen‘ der Vormonate. Ich denke, es liegt an der Häufung von Rückschlägen, die ich in der ersten Woche in Delhi erlebt habe. Erst sind es die ständigen Versuche aller möglichen Leute mich abzuziehen, dann ist meine Mobile-Festplatte mit all den Fotos kaputt und plötzlich sind auch noch meine Speicherkarten weg. Das einwöchige Hin und Her mit der Burmesischen Botschaft jetzt mal ganz bei Seite, ich hatte einfach keinen guten Start. Ich hoffe, die Anspannung legt sich bald wieder und ich kann mich mal wieder etwas fallen lassen.
Trotz all der Anspannung habe ich noch nie in einem solchen Maße erlebt, wie mich etwas so beruhigen und innehalten, ja zu mir selbst zurück bringen kann, wie das Schreiben auf Reisen. Besonders wenn ich alleine bin und mir oft die Gespräche fehlen, die an anderer Stelle mein Gefühlschaos und meine Gedanken ordnen, bringt es mich hier wieder auf den Boden, lässt mich das Wesentliche sehen und die Einfachheit mancher Dinge erkennen; das ist oft doch etwas ziemlich Beruhigendes.

Wegen des Stimmungswirrwarrs der vergangenen Woche habe ich das plötzliche Bedürfnis, mich für einige Zeit irgendwo niederzulassen, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein und irgendetwas zu machen, was Sinn macht. Ständig Chai trinken und durch Gassen streunen, ist zwar schön und nett, doch nach zweieinhalb Monaten ist dieses Gefühl dann doch da, wieder menschliche Beziehungen haben zu wollen, die über einen bloßen Tag hinaus gehen. Auf workaway.info habe ich schon zwei Projekte in Nepal gefunden, die mich sehr interessieren würden. Wäre nur die Frage, wie ich von da aus dann nach Thailand komme. Burma ist abgeblasen, dafür jetzt Nepal und in einem Projekt arbeiten – die Alternative läuft.

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Karsol, 28. Juni

Karsol liegt im Himalaya und ist ein Dorf voller kiffender Hippies. Die Temperaturen sind wieder etwas niedriger und überall an den Hängen des Tales sprießt das Grün. Durch dieses Tal mit waldbewachsenen Hängen fließt ein reissender Gebirgsfluss, der an einigen Stellen von einer Hängebrücke überspannt wird. Hier bleibe ich wohl erst einmal drei Tage, bis ich mich weiter auf den Weg nach Manali mache. Von dort aus habe ich dann vor, in den hohen Norden bis nach Leh zu fahren und Varanasi kann ich wohl auch wieder in meine Route integrieren. Denn von dort aus geht jeden Tag ein Bus in Richtung Kathmandu ab, wo auch ungefähr das Projekt liegt, in dem ich drei Wochen bleiben will.
Achim Felix hat wieder Plan. Es ist erschreckend, wie sehr es mich in meinem tiefsten Inneren stresst, keinen Plan zu haben. Na ja, wie sagt man, auf einer Weltreise bereist man nicht zuletzt das eigene Ego.

Apropos Ego, begleitet von meiner Inder-Gruppe verschlechtert sich meine Laune stetig und die überall sitzenden kiffenden Hippies, die hier scheinbar alles total toll finden, machen mich aggressiv. Diese immer gleichen apathisch sedierten Grinsefressen an allen Seiten, ich lauf hier noch Amok.
In der Chillout-Area unseres Hostels sitzen gerade mal wieder Akki und seine Freunde und kiffen non-stop. „Das ist auch so ziemlich das einzige, was die hier zu Stande bringen“ denke ich mir so, während ich ebenfalls an einem Joint ziehe und mir einrede, dass das Trance-Festival viel zu teuer sei. Umnebelt von weißem Rauch passiert in Kasol nicht sonderlich viel. Und in der Gesellschaft von Hebru-Zeichen und einer leichten Depression geht mir so ziemlich alles auf den Sack.
Konversation läuft mit meiner Inder-Gruppe auch leider kaum, langsam gehen die mir doch ziemlich auf die Nerven. Akki ist durchgehend respektlos und die anderen beiden sprechen mangels Englischkenntnisse eigentlich gar nicht mit mir.
Rückblickend verstehe ich nicht so recht, warum ich in Kasol nicht einfach mein eigenes Ding gemacht habe. Die Inder hätte ich zum Teufel schicken sollen und das Festival hätte ich mal mitnehmen sollen – dann wäre alles ganz anders geworden. Noch ein kleines Stick-Hütchen und vielleicht wäre ich dann auch einer dieser apathischen selbstzufriedenen Hippies geworden – wer weiß das schon. Vielleicht doch besser so.

Manali, Nordindien, 03. Juli

Seit fünf Tagen greife ich nun das erste Mal wieder zum Stift. Die letzten Tage war mir einfach nicht danach, was bringt es auch, die immer gleichen negativen Gefühle niederzuschreiben, wenn einem sonst nichts von Belang in den Sinn kommen mag?
Ich war recht froh, als Akki und seine Freunde vor drei Tagen aus Kasol abgereist sind. Bei aller Mühe, aber warm wurden wir nicht.

Einen Tag später, am ersten Juli, bin ich dann mit einem ‚local bus‘ nach Manali abgereist, wo ich jetzt schon seit nun mehr drei Tagen bin. Es ist ganz nett hier; zwischen den kiffenden Hippies, den Wildwasserbächen und den Pinienwäldern lasse ich etwas Ruhe einkehren und schmiede ein paar Pläne. Leh und Daramsalla habe ich nun erst einmal wieder verworfen. Leh ist leider zu weit weg und in der Zeit, die mir bleibt, leider nicht machbar. In Daramsalla, da bin ich mir sicher, würde ich auf noch mehr von diesen indischen Eso-Travellern treffen, die mir doch ziemlich suspekt sind. Normale Leute trifft man hier jedenfalls kaum, das Gros der Traveller bewegt sich irgendwo zwischen Lebenskrise, Selbstfindung und Indien-Verherrlichung.
Mit Indien habe ich mittlerweile meinen Frieden gefunden. Aber dieses ewige Gelaber, immer begleitet von den Halbsätzen „This is India man! Everything is possible!“ kann, ich mir zumindest aus dem Munde derer, die morgens bereits mit einer Tüte im Maul das zu verdrängen versuchen, was sie in ihrer Heimat nicht auf die Kette bekommen, kaum mehr geben. Indien als Paradies, und seine, meiner Meinung nach, sehr brutale Gesellschaft als besseres Model für Europa oder den Westen zu betrachten, halte ich doch im Hinblick auf des eigenen Geldbeutels Ursprung für erschreckend naiv, ja fast schon für dämlich.
Als ich vorgestern in meinen Rucksack geschaut habe, bin ich fast vor Freude geplatzt. Ich habe meine SD-Speicherkarten mit ALLEN Fotos wieder gefunden! Man, das war besser als Weihnachten und Geburtstag zusammen! Diese Fotos wieder zu haben bedeutet mir doch sehr viel, denn die Zeit, die ich zusammen mit Janina im Iran verbracht habe, war einmalig und Erinnerungen daran sind mir um so wichtiger.
Meine Pläne sehen jetzt jedenfalls wie folgt aus: Übermorgen, am 5., geht es mit dem Nachtbus nach Chandigarh, wo ich dann erst einmal meine Schuhe wieder einsacken kann, die ich vor etwas mehr als einer Woche dort vergessen habe. Von dort aus geht es dann ebenfalls über Nacht, aber diesmal mit dem Zug nach Jaipur. Danach, ich habe die Zugtickets schon gebucht, geht es mit einer Nacht in Allahbad in Richtung Varanasi. Stand Allahbad eigentlich gar nicht auf meiner Reiseliste, ist es jetzt die einzige Route nach Varanasi, für die es noch Zugtickets gibt – ach, indian destiny.

Die letzten beiden Tage in Manali waren dann doch noch ziemlich schön, ich habe ausgedehnte Treckingtouren durch die wilde Natur gemacht und war früh morgens in der Heissen Quelle eines hinduistischen Tempels baden. Am letzten Tag habe ich dann noch eine Gruppe indischer Jugendlicher in meinem Hotel kennen gelernt, mit denen ich ein paar Bier getrunken habe. Zum Schluss wollten die drei Kerle mich dann auch noch ernsthaft zum gemeinsamen Gruppensex überreden, was ich dann aber ‚dankend‘ abgelehnte und lachend in meinem Zimmer verschwand.

 

Chandigarh, 06. Juli

Ich komme heute morgen gegen fünf Uhr bei strömendem Monsunregen mit dem Nachtbus aus Manali unweit des Busbahnhofs von Chandigarh an. Es ist stockfinster und um den Bus herum hämmert der Regen mit unablässiger Heftigkeit auf die hektisch aufgewühlten Neuankömmlinge, die gerade erst erwacht, nun in aller Eile an ihren unten im Bus verstauten Taschen zerren. Während ich versuche, den vielen knöcheltiefen Pfützen auszuweichen, zeichnet sich der Wartehallenkomplex, auf den ich mich in der Dunkelheit zubewege, mit seinen betongrauen Stelzen und im Dimmerlicht einiger Lampen nur leicht vom Nachthimmel ab. Vom Regen durchnässt erreiche ich endlich meine Zuflucht und bin hundemüde und nach etwas Brainstorm lege ich mich schließlich mit einer Zeitung bewaffnet zu den vielen schlafenden Menschen, die überall verstreut in der ganzen Station auf dem Boden liegen.
Als ich zwei Stunden darauf um 7 Uhr aufwache, fühle ich mich klebrig und am ganzen Körper ziemlich dreckig – aber ausgeruht. Meine Laune ist auf dem Hochpunkt. Den Grund für meinen plötzlichem Stimmungsumschwung kenne ich bis heute nicht, aber allein diese Tatsache machte mir noch bessere Laune. Rückblickend war dieser Moment, als ich auf einer Zeitung liegend, auf dem Boden dieser Busstation die Augen öffnete, wohl der Wendepunkt meiner Indienreise. Da war sie wieder, die Motivation, ach, was hatte ich sie vermisst. Während ich mir den Dreck von den Klamotten klopfte, war plötzlich all die Energie wieder da und die erneute Lust auf dieses Land verwandelte meine Gesicht in ein breites ironischens Grinsen. „Mein Zug nach Jaipur wird ja erst heute Abend gegen halb neun abfahren, also habe ich noch lässige 15 einhalb Stunden Wartezeit.“ Dachte ich mir, als ich die Uhrzeit auf meinem Handy checkte und mir anschließend einen Chai holte. Ich lungerte den halben Tag im Betonkasten herum, trank Chai und quatschte mit Einheimischen – soweit dies denn möglich war. Ein Straßenkind zeigte mir stolz seine Porno-Kollektion und ein indischer Junge präsentierte mir sein ziemlich miserables Schul-Zeugnis, mit dem er sich allem Anschein nach in dieser Stadt um eine Anstellung bewerben sollte. Anschließend gurkte ich noch auf der Jagd nach meinen vergessenen Schuhen und begleietet von einem sich ständig verfahrenden Tuk-Tuk-Fahrer einige Stunden durch Chandigarh. Über holprige Schotterpisten, Landstraßen und einige Slums ging es kreuz und quer durch die Stadt, bevor ich abends dann in meinen Zug nach Jaipur stieg.

 

Jaipur, 07. JuliDSC_2763

In der Bar, in der ich gerade sitze, brennen von den ohne Muster an der Decke des Raumes verteilten flackernden Lampen bloß die Hälfte. Ich schaue auf den überall auf dem Boden liegenden Müll, während der schiefzahnige Kassierer hinter seinem Pult am Ausgang seine Geldscheine zählt. Würde man die Toilette dieses Etablissements, wenn sie denn überhaupt diesen Namen verdiente, mal genauer untersuchen, könnte sicher die Bundeswehrabteilung „Gefahrenstoffe“ dicht machen. Ich sitze so da und beobachte, wie einige Inder ihren Whiskey männlich mit Wasser strecken. Ich komme ins Grübeln, mir geht es gut.
„Das ‚Hostel‘ in das ich gestern eingecheckt habe, ist bis jetzt das erste in Indien, was diese Bezeichnung auch verdient hat“ denke ich mir, als plötzlich ein ohrenbetäubendes schrilles Pfeifen den Raum erfüllt und ein wild gestikulierender Polizist im Raum steht. Um elf Uhr scheint hier wohl Schicht im Schacht zu sein, doch keiner der anderen Gäste will sich davon großartig beeindrucken lassen. Der mittlerweile rot angelaufene Polizist trabt schließlich frustriert davon, während sich alle anderen wieder ihrem Getränk zuwenden. Ich muss lachen, passe mich aber natürlich an und trinke weiter an meinem Bier. Frustriert davon, durch seine Uniform so wenig Autorität auszustrahlen, kommt der Mann in Uniform schließlich nach seiner dritten Visite erneut in den Pub und brüllt ein letztes Mal laut umher, bevor er mit einem ohrenbetäubenden Knattern die Jalousie zuballert. Nun, das einzige was sich jetzt geändert hat, ist die Aussicht. Mit meinem Bier glotze ich auf eine graue Jalousie, sonst ist alles wie vorher. Der Kassierer am Ausgang zählt weiterhin monoton seine Geldscheine und die Ventilatoren drehen sich, die Lampen flackern, die Mücken schwirren, mir ist warm und das Bier schmeckt.

Seit ich in Jaipur angekommen bin, läuft alles einfach nur rund. Ich verbringe die Tage damit, mich in den Gassen und der Zeit zu verlieren und hier und dort ein Schwätzchen zu halten. Es ist Off-Season, Indien hat mich geschluckt. In meinem Hostel habe ich seit langem endlich mal wieder die Möglichkeit, eine Küche zu benutzen und selber den Kochlöffel in die Hand zu nehmen. Die Suche nach einigermaßen europäischen Zutaten stellt sich jedoch als schwierig heraus und so scheisse ich auf meinen vegetarischen Vorsatz und mache mich, nachdem ich es zu Kartoffeln, Tomaten, Zuchini und allerlei anderem Grünzeug gebracht habe, auf die Suche nach Fleisch. Rind essen die Hindus nicht, Schwein mögen die Moslems nicht und so stehe ich nach einer halben Stunde vor dem Ergebnis meiner Suche: dem Geflügel-Schlachter. Das kleine Metzger-Kabuff liegt in einer dreckigen Seitenstraße, direkt hinter der pastellroten Stadtmauer im muslimischen Viertel und wirkt auf den ersten Blick sehr vertrauensvoll. Vor einem rot-braun gefärbten Baumstumpf sitzt auf einem kleinen Plastikhocker ein Mann mittleren Alters und schlitzt reihenweise Hühnerkehlen auf, während sich das Licht der Neonröhre im blutverschmierten Boden spiegelt. Die zappelnden Tiere wirft er in einer gewissen Monotonie in eine am Rand der Garage stehende Plastiktonne, aus der man stetig das dumpfe Gescharre des kopflosen Federviehs hören kann. Im Tempo der sich leerenden Hühnerkäfige füllt sich die Plastiktonne, während die Blutlache bereits die Straße erreicht hat. Auch wenn die Sonne schon untergegangen ist, sind die Temperaturen noch in den Dreißigern und der Geruch von toten Tieren erfüllt die Luft. Mittlerweile werde ich von den paar herumstehenden Indern erwartungsvoll angeschaut und der vertrauensvoll wirkende Mann mit dem Messer in der Hand mustert mich neugierig.
Hier soll ich also mein Hühnchen kaufen – all right. Gesagt getan – bei der Frische hier muss man sich zumindest keine Gedanken über die Kühlkette machen.
Mein Magen scheint sich nach den ersten zwei Wochen in diesem Land etwas desensibilisiert zu haben und endlich muss ich auf Reisen nicht mehr prophylaktisch Kohletabletten fressen, um meinen lieben Bauch zu beruhigen.

Vorgestern Abend bin ich von ein paar Einheimischen, die ich abends auf der Straße kennen gelernt habe, auf ein Kricket-Spiel eingeladen worden. Um hinter die Regeln dieses meiner Meinung nach ziemlich dämlichen Spieles zu kommen, welches sich zu unrecht ‚Sport‘ schimpfen darf, setzte ich mich am Tag darauf einfach zu den Indern an den nach Müll und Exkrementen stinkenden Rand des Spielfeldes.
Nach einer halben Stunde meine ich auch endlich hinter die mir doch ziemlich stupiden Regeln dieses Indischen Volkssports gekommen zu sein und stimme gelegentlich in das Gejohle der an allen Rändern des Spielfeldes sitzenden Inder ein.

Es ist quasi wie Brennball. Drei Leute spielen: Einer wirft den Ball, einer schlägt den Ball und ein dritter fängt ihn, sodenn er nicht vorher bereits vom Schläger geschlagen worden ist. Mit dem Werfer und dem Schläger rotiert das eine Team, während das andere doof auf dem Feld herum steht und nichts tut. Wird der Ball aus dem Spielfeld geschlagen, gibt es X-Punkte, titscht er vorher auf, gibt es weniger. Ansonsten muss die auf dem Feld herumlungernde Mannschaft den Ball so schnell wie möglich zum Fänger zurückwerfen, um zu verhindern, dass der Spieler, der den Ball geschlagen hat, Runs, also Punkte macht. Das tut er, in dem er wie wild zwischen zwei Punkten auf dem Spielfeld hin und her rennt, während er dabei von allen angeglotzt wird, die nichts tun. Es sind also permanent 22 Leute in dieses Spiel involviert, von denen die eine Hälfte neben und die andere Hälfte auf dem Spielfeld steht und wartet.
Aber von Zeit zu Zeit kommt ein jeder auch einmal dran, er kann vielleicht einen Ball fangen, oder einen tollen Schlag machen und dann ist er der Größte. Auf jeden Fall aber, kann man bei diesem Spiel mitfiebern, anfeuern und johlen. Bewegen muss man sich hingegen aber nicht so viel. Und das ist, glaube ich, auch der Hauptgrund, warum sich diese Sportart hier durchgesetzt hat. Der Inder an sich bewegt sich eher ungern, wer will ihm das auch verübeln, bei dieser Affenhitze? Ich, der ich derweil schwitzend neben einem Baum meinen Platz gefunden habe, sicher nicht.
Das stetige Gejohle findet am Ende des dritten Spieles dann sein Jähes Ende, als ein plötzlicher Platzregen das Spielfeld innerhalb von Sekunden in eine Wasserlandschaft, und der Monsun die Johlende Menge in eine fliehende Meute verwandelt.

Wie bereits gestern versprochen, will mich Ravi, einer der Inder vom Vorabend, nach dem Kricket-Spiel seinem Guru vorstellen, der mir allerlei über mich, mein Leben und meine Chancen erzählen soll. „Wieso eigentlich nicht?“ dachte ich mir gestern Abend, als ich mich mit Ravi in einem kleinen Kabuff in einer Seitenstraße Jaipurs und umgeben von indischen Marionetten-Figuren in einer Diskussion über Religionen und Weltanschauungen wieder- fand, während neben uns zwei seiner Freunde unablässig indische Klänge aus ihren, mir fremd erscheinenden Musikinstrumenten, ertönen ließen. In Gedanken an diese Teppich-Diskussion von gestern Abend und auf der Suche nach meinem Schicksal, fahren wir nun mit Ravis Tuk-Tuk bei strömendem Regen über die holprigen Straßen der Nebenviertel Jaipurs.
Dass sein Guru im eigentlichen Leben Juwelier sei, hatte Ravi mir bereits gestern erzählt und so wunderte ich mich auch kaum, als wir vor einigen Minuten dieses Juweliergeschäft betraten, um nun meine endgültige Erleuchtung zu erlangen.
In einem kleinen, mit AirCon und vielen Ventilatoren ausgestatteten Büro, guckt mich der etwas in die Jahre gekommene ältere Herr an. Unter einem riesigen Turban durchbohren mich seine zwei Augen mit ihrem Blick, während Ravi und sein Kumpel draußen warten müssen. Auf einem Fernseher an der Decke zappeln hinduistische Sagengestalten über den Bildschirm und aus den Lautsprechern ertönt wirres Glöckchengeplärre, als mir der sog. Guru noch tiefer in die Augen schaut. Es folgt nun eine halbstündige Mischung aus konzentriertem Handlesen und Computer-Horoskop. Ich bin ein wenig abgelenkt von den immer noch im Hintergrund tanzenden Männlein, während mir der größte Bullshit meines Lebens erzählt wird. Es sind total an den Haaren herbei gezogene Sachen, auf die jeder Ochse hätte kommen können.

Die drei Großen Weisheiten also:
1. Ich denke zu viel nach.
2. Ich soll mit dem Rauchen aufhören.
3. Meine Sonne ist im Horoskop viel zu schwach.

In der Dreieinigkeit dieser Probleme könne er mir aber nur bei dem letzten helfen, die anderen beiden müsse ich hingegen alleine angehen. Ich fühle mich ein wenig so, wie bei einem spirituellen Fitness-Berater, der mir zum Tragen eines Stern-Rubins rät, um meine schwache Sonne auszugleichen. Ein Stern-Rubin, der spirituelle Fitnesskurs für Anfänger, 3-monatiges Mantra-Abbo inklusive: 4000 Rupien. Ein bisschen so, wie ein Ernährungsplan für mein spirituelles Karma, und das alles für lächerliche 60 Euro.
„Also, ich denke eigentlich nicht sonderlich viel nach!“, denke ich mir wohl kurz, will aber doch nichts einwenden, denn wer mag schon der These widersprechen, man würde zu viel nachdenken? Ziemlich raffiniert. Dumme Leute denken wenig und wer mag schon gerne dumm sein? Heutzutage ist clever sein „in“, zuviel denken, die psychische Störung der Bessergestellten – ich denke zu viel nach? Danke für das Kompliment.
Der Typ hat`s drauf und sein Karma-rundum-sorglos-Paket ist ja auch kein schlechter Service an sich. Er bietet mir dann auch direkt den passenden Sternrubin an, angepasst auf mein Geschlecht und Körpergewicht, genau der richtige Ausgleich für meine schwache Sonne – das perfekt personalisierte Karma-Gadget – das Leben kann so einfach sein.
Leider frage ich mich im gleichen Atemzug jedoch, für wie blöd er mich eigentlich hält. Ein Guru-Juwelier der mir einen Stein verkaufen will? Dennoch bewundere ich ihn ein wenig für seine Berufswahl. Er hat eine Religion, mit der er Geld verdienen kann, wer wäre da nicht auch einmal gerne Guru-Juwelier.
Ich entgehe an diesem Abend jedoch einem Stern-Rubin, meinem Schicksal und vielleicht meiner ewigen Erleuchtung, der ich vielleicht noch nie so nahe gewesen bin.
Ob nun Abzocke oder seine gelebte Spiritualität, die Antwort wird sicher irgendwo dazwischen zu finden sein, wie so oft.

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Varanasi, 14. Juli

Mein Plan von Varanasi aus nach Nepal zu fahren, um dort in einem Projekt zu arbeiten, wurde vor einigen Tagen von der Aussicht geschluckt, mich in Thailand mit zwei Freunden aus Köln treffen zu können. Sülle und Johanna machen gerade eine Süd-Ost-Asien-Reise und haben mich vor ein paar Tagen gefragt, ob ich nicht dazu stoßen wolle. Also geht es in einer Woche einmal quer mit dem Zug durch Indien, nach Kalkutta, wo ich dann in meinen Flieger nach Bangkok steigen werde.

Nun bin ich seit zwei Tagen in Varanasi. Diese Stadt ist schon etwas Besonderes. Sie liegt direkt am Ganges, wo sich auf einer Strecke von rund zwei Kilometern die Ghats befinden. Die Ghats, das sind die Freitreppen, die hinunter zum Heiligen Fluss führen, sie sind das Herz Varanasis. Hier spürt man, welche Bedeutung die Menschen diesem Fluss beimessen, denn überall sind die Prozessionen und Rituale sichtbar. Am oberen und unteren Ende der Freitreppen befinden sich die ‚Burning Ghats‘, auf denen an 24 Stunden am Tag menschliche Körper verbrannt werden. Bei diesen mit Holz aufgeschichteten Feuern ragen teilweise der Kopf oder andere Gliedmaßen noch aus den Flammen hervor und es ist doch sehr befremdlich, diesen aufgedunsenen Körpern in einer Aura von absoluter Normalität beim Aufplatzen und Verkohlen zuzuschauen. Die letzten beiden Tage war ich überwiegend mit zwei Berlinern aus meinem Hostel unterwegs und ein Mann am Ufer des Ganges erklärte uns, während in Sichtweite die aufgedunsenen Körper in den Flammen mit Piken und Stangen gewendet wurden, dass das Becken der Frau und der Torso des Mannes nie vollständig verbrannten. Alle übrigen menschlichen Überreste würden aber darauf hin von den Fischen des Ganges gefressen und dem Kreislauf des Lebens zurückgegeben. Ach so, ja dann. Überhaupt schwimmt im Ganges allerlei Unrat, von Tierkadavern und menschlichen Überresten mal ganz zu schweigen, kippen die Inder auch all Ihre Exkremente in Ihren ach so Heiligen Fluss; Mutter Ganga wird’s schon richten. Zwischen all dem, inmitten von Glöckchenklängen und Weihrauchduft, tauchen gläubige Inder immer wieder ein – in das Wasser, was sie so heilig und ich so ekelig finde. Später am Tag kann ich auch noch einen Hund dabei beobachten, wie er hungrig einen menschlichen Schädel bearbeitet, den der wohl aus dem Fluss gefischt haben muss. Unter den Eifer des Hundes knackt der Schädel, dessen gegarter Inhalt für den Hund wohl alle Mühe wert zu seien scheint. Immer ruhig bleiben, Kreislauf des Lebens und so.

All dies, und nicht zuletzt die Tatsache, dass Indiens mehr als 6000 Jahre alte Kultur sich gelegentlich darin ausdrückt, dass einem Leute auch direkt vor die Füße rotzen, lässt die Frage offen, ob das Alter einer Kultur auch wirklich den zivilisatorischen Grad seiner Gesellschaft beschreiben kann. Das mal ganz bei Seite, empfinde ich dieses ständige Herumgespucke doch als ziemlich ekelig. Vor ein paar Stunden erst wollte ich mir in einem Laden eine Flasche Wasser kaufen und werde daraufhin von dem Besitzer erst einmal mit einem dicken glibberigen Brocken vor meinen Füßen in Empfang genommen. Wie zuvorkommend. Dazu ist zu sagen, dass diese ganze Rotzerei in erster Linie mit den ‚Indian Refreshments‘ zusammenhängt. Habe ich die ersten Tage in Delhi auch gedacht, „man, was verkaufen die hier viele Kondome“, so sehen diese kleinen überall präsenten viereckigen Päckchen aus, die diese ganze Rotzerei erst so richtig in Schwung bringen. Jetzt bloß nicht falsch verstehen, der Inder rotzt überall und wann es ihm passt, aber dieses Refreshment-Granulat, was zusammen gekippt für einige Minuten im Mund aufbewahrt wird, muss ja auch irgendwann wieder raus. Der Inder ist dann sozusagen eine tickende Zeitbombe. Man kann den Refreshment-Inder aber eigentlich relativ einfach orten, denn der vorgeschobene Kiefer, der volle Mund und der zuverlässige Sprachfehler sind ein klasse Frühwarnsystem.

 

Kalkutta, 18. Juli

Morgen um diese Zeit werde ich bereits in Bangkok sein. Was soll ich nun also abschließend nach einem ganzen Monat über dieses Land schreiben, das ich so wenig begriffen habe, wie sonst nur weniges in meinem Leben? Zurück bleibt die Erkenntnis, das ein Menschenleben sicher nicht ausreicht, um diese verrückte, völlig irrationale Welt zu verstehen. Allein dieses Puzzlestück Indien scheint mir nach einem Monat immer noch so absolut fremd zu sein, dass ich nicht im geringsten das Gefühl habe, dieses Land auch nur im Ansatz verstanden zu haben.
Viele Dinge sind für mich einfach nicht zu enträtseln und die einzige Spur, die in vielen Umständen zu einer Erklärung führt, ist so einfach wie nichts sagend. Meiner Meinung nach liegt es an der Kultur der Menschen, sich über Sachen zu wundern, sie verändern zu wollen oder sie eben als absolut gegeben und normal hinzunehmen. Dieser Gedanke beinhaltet Antwort und Widerspruch zu gleich und führt mich im Kreis darin in die Irre, zu denken, dass ich die indische Mentalität verstehen kann. Ob es der übel riechende Müll ist, den Chaiverkäufer und Restaurantbesitzer auch direkt vor und in ihrem Laden anhäufen, oder die Tatsache, dass sich an dem extremen Unterschied zwischen Arm und Reich hier keiner zu stören scheint. Glaspaläste an den Grenzen der vergammelnden Slums; an der Grenze zur Menschlichkeit stößt mir die indische Mentalität des gottgegebenen und unveränderlichen Kreislaufs des Lebens oft auf.

Hinduismus in Kombination mit dem Kastensystem greift mitunter so stark in einander, dass ich das indische Gesellschaftssystem trotz seiner parlamentarischen Demokratie eben wegen dieses religiös überhöhten Kastensystems als perfides Unterdrückungssystem begreife. Mag ja einer sagen: „Es ist doch an sich nichts Schlechtes dabei, wenn eine Religion einen dazu aufruft, im Leben Gutes tun zu müssen, um gutes Khama zu sammeln, damit einem die Wiedergeburt im nächsten Leben so gelingt, dass man nicht als Wurm, Dämon oder eben in einer der unteren Kasten landet!“ So wie diese Person in erster Instanz vielleicht recht haben mag, werfe ich ihr doch vor, nicht zu Ende gedacht zu haben.
Wenn schlechtes Khama also eine niedrige Wiedergeburt bedeuten mag, sind im Umkehrschluss also all diejenigen selber an Ihrem Leid schuld, die unter Benachteiligung, Armut oder Krankheit leiden.
Im Zusammenspiel mit dem ewigen Kreislauf des Lebens, relativiert diese Religion auch noch die Wichtigkeit und Würde des einzelnen Lebens als vergänglich und somit als vernachlässigbar. Selbst die ärmste Sau auf den Straßen Kalkuttas wird nun weder ihr Leid beklagen, noch wird eine verhungernde Unterschicht gegen ihre Ausbeuter aufbegehren, sondern vielmehr ihr Leben als vergänglich und ihre Lebensumstände als gottgegeben begreifen. Dieses religös-traditionelle Gesellschaftssystem sichert meiner Meinung nach die Vorrechte der Oberschicht gegen die der unteren Kasten so perfekt ab, dass es ohne direkte Unterdrückung auskommt. Zu allererst glauben die Armen. Sie glauben an einen Ausweg, an eine Flucht aus diesem ausbeuterischen, menschenunwürdigen System, vielleicht nicht jetzt, dann doch aber im nächsten Leben. Während sie diese Religion als ihren Ausweg begreifen, sind es doch in Wahrheit ihre Fesseln, die sie anbeten.
Ich finde diesen Umstand so etwas von perfide, dass ich in der Tat erleichtert bin, dieses Land nun in Richtung Osten wieder verlassen zu können.

Sicher, Südindien ist noch einmal ein ganz anderes Pflaster und dieses Land ist so riesig, dass einfache Sichtweisen töricht wären, aber diese allumfassende Schicksalsergebenheit finde ich ziemlich krank. Der Wendepunkt meiner Indienreise, der komischerweise das Erwachen auf dem dreckigen Boden einer Busstation in Nordindien war, gab mir die Kraft, Dinge ebenso positiv zu sehen, aber wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, hatte ich den meisten Spaß immer mit anderen Travellern, die eben nicht auf der Eso-Schiene kleben geblieben sind. Doch davon gibt es hier in diesem Riesen-Land nun leider aber nur sehr wenige, und Indien an sich ist wohl das ungenießbarste und gleichzeitig das dreckigste Land, was ich je bereist habe.
Doch habe noch nie soviel Leben auf den Straßen gesehen, Milliarden von Menschen, Tieren und Maschinen, die alle synchron eine Performance hinlegen, die jede Bühnenshow alt aussehen lässt und jeden Sicherheitsplaner in den Wahnsinn treiben würde. Es bleibt eine einzigartige Erfahrung, die ich nicht missen möchte und ohne die ich mich rückblickend wohl unvollständig fühlen würde. Noch nie hatte ich mehr Gedankenanstöße, mehr Input und mehr Zweifel. Dafür danke ich diesem Land, dass ich mit dem Gefühl verlasse, es gäbe noch soviel mehr zu entdecken, soviel mehr zu erleben und soviel mehr, über das es sich zu nachdenken lohnt.

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