Etappe IV – Iran, Thunfisch, Thunfisch und nochmals Thunfisch – Teil 2, Aus der Wüste in die Berge.

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Isfahan bei Amir und Mustafa 07.06.

Es sind Feiertage und Janina hat mit Kreislauf und Stoffwechsel ein echt gutes Timing. Passend zu den beiden uns bevorstehenden Tagen, an denen alles geschlossen ist und wir deshalb sowieso fast nichts machen können, ist bei Janina Polen offen. Nichts geht mehr rein, es geht nur noch raus. Sogar Kohletabletten kennen den direkten Notausgang, und alle Medizin versagt.

„Dann hat zumindest die Tage Janina etwas zu tu,.“ denke ich mir und hoffe, dass sie schnell wieder gesund wird. Weil Janina sich konstant grün und gelb färbt, haben wir jetzt vor, einen Tag länger zu bleiben, um zumindest den letzten Tag in Isfahan nutzen zu können.
Ich denke sie braucht Zeit, Zeit und Toilettenpapier. Für beides ist mittlerweile gesorgt.

Die iranischen Kleiderregeln machen mich noch wahnsinnig! Bei allem gebotenen Respekt, aber man muss doch einfach einen ausgewachsenen Schaden haben, wenn man in einem Land, in dem es im Sommer schnell über 40 Grad sein kann, lange Kleidung vorschreibt! Die Sonne ballert, es sind 43 Grad draussen, und ich soll in eine lange Hose? Glaubt man nicht, machen hier aber die meisten. Doch die meisten laufen hier ernsthaft bei Backofentemperaturen mit langer Denim-Jeans draussen rum; das kann doch einfach nIcht gesund sein. Meine kurzen Hosen sind zu kurz und meine dünne Jeans aus der Türkei will für mich dann auch keine Lösung darstellen, denn selbst, wenn ich sie hochkrempele, schwitze ich noch wie ein Tier. Wie dann hier so manch einheimische Schönheit unter ihrem schwarzen Polyester Gespensterkostüm im Sommer riechen mag, will man sich gar nicht erst vorstellen.

Ich versuche, dieser Problematik inzwischen aber konstruktiv entgegen zu treten, herumnörgeln macht es ja auch nicht kühler. Und endlich glaube ich, eine Lösung gefunden zu haben! Die „Kurdi-Pants“: Das sind luftige Peschmerga-Alladin-Hosen, die eigentlich nur von Baustellenarbeitern oder eben den Kurden getragen werden. Vorgestern habe ich dann auch endlich ein passendes Modell für mich auf dem Basar gefunden. Ich werde seitdem zwar von den Einheimischen blöd angeguckt, aber ob ich jetzt ungläubig oder neugierig angegafft werde, ist mir recht egal. Ich laufe jedenfalls jetzt in nichts anderem mehr herum, ich bin doch nicht lebensmüde. Die sind doch alle krank.

Janina geht es glücklicher Weise seit gestern wieder etwas besser, und so ging’s gestern dann auf den „Berg“ von Isfahan. Das ist ein ziemlich großer Felsen, ein paar Kilometer vor der Stadt, von wo aus wir abends über die Wüste und Isfahan schauen konnten. Einige große rote Felsen unterbrechen hier und dort die sonst sich so monoton fortsetzende Landschaft, in deren Mitte diese sagenumwobene Stadt liegt. Bis Teheran durch die letzte Schah-Dynastie zur Hauptstadt erklärt wurde, war dies über Jahrhunderte die Hauptstadt Persiens. Deswegen kamen wir dann heute natürlich auch nicht darum herum, noch etwas Kultur zu machen. Denn wegen der Feiertage und nicht zu letzt wegen Janinas Krankheit, die Gott sei Dank stündlich besser wird, ging das bisher ja leider nur sehr begrenzt. Trotzdem, Isfahan ist eine faszinierende alte Stadt, deren mancherorts verwendete Mosaikkunst einen sprachlos macht.

Bevor wir heute in den Nachtbus nach Shiraz gestiegen sind, ist mir leider noch einmal ein etwas ungutes Ereignis von gestern in den Sinn gekommen. Als wir gestern Abend nach der Besteigung des ‚Berges‘ nach Hause kamen, klopfte es nach ein paar Minuten am Tor und wir hörten laut die dunklen Männerstimmen der dann eintretenden Männer. Amir war diese Situation merklich unangenehm und er versuchte dann auch, uns die Visite der zwei Typen als einen Besuch von Freunden zu verkaufen. Es könnte sicher vieles gewesen sein, nur das mit Sicherheit nicht. Die beiden, obgleich in Zivil, hatten ein sehr aggressives Auftreten und als sie eintraten, hat Janina sich aus reiner Intuition – glücklicher Weise – direkt in unser Zimmer zurückgezogen und dort abgewartet. Sie hätten ‚bloß‘ geschaut, was in der Wohnung so vor sich ginge, es sei ja schließlich Frauenbesuch im Haus, erklärte uns später Mustafa. Ob Sitten- oder Geheimpolizei, das wollten Janina und ich eigentlich auch gar nicht wissen. Um das aber auch nicht herausfinden zu müssen, waren wir beide einfach nur froh, die beiden heute Abend in Richtung Shiraz verlassen zu können.

 

Shiraz, 07. bis 09.Juni

Shiraz ist schnell zusammen gefasst: Nach den vielen Moscheen und Basaren Isfahans waren wir recht desinteressiert an weiterer baulicher Kultur, und unser Hauptanliegen in den ersten beiden Tagen war in erster Linie, unseren unglaublich langweiligen Gastgeber Shayan los zu werden. Zwei Problempunkte gleichzeitig.
Shayan entpuppte sich, nachdem wir ihn an der vereinbarten Adresse in Shiraz getroffen hatten, als 20-jähriges, verzogenes Smartphone-Richkid, und wir fühlten uns ziemlich deplatziert, als wir nach der langen Busfahrt und entsprechend verranzt in dem Glaspalast von Restaurant saßen, vor dem wir auf ihn warten sollten.
Von Shiraz aus besuchten Janina und ich am nächsten Tag Persopolis, die antike Hauptstadt Persiens. Bedeckt von Wüstensand überdauerte sie die Jahrtausende und ist jetzt ein begehbares Zeugnis antiker Hochkultur, deren teilweise mehr als 5 Meter hoch in den Himmel ragenden Steinskulpturen, einen in Gedanken schwelgen lassen.
Beeindruckend, wie vergänglich Zeit doch ist.
Abends trafen wir uns dann noch mit Hafseh, einer netten aufgeschlossenen Iranerin, die ich über Couchsurfing kennen gelernt hatte, bevor wir uns Freitag mit dem Nachtbus wieder auf den Weg in die Wüste nach Yazd machten.
Der letzte Tag mit Shayan war dann doch noch lustiger als ich es gedacht hatte, mit seinem Auto rasten wir bei ausnehmend guter Musik – was ich von dem kleinen Schnösel gar nicht erwartet hatte – durch Shiraz. Er zeigte uns ein paar Hotspots, wir schauten uns den Sonnenuntergang an und anschließend ging es dann in eine Shisha-Bar.
In Shiraz hatte ich übrigens meinen einzigen Flirt im Iran; Blickkontakt mit einem Pizzabäcker. Das war schon eigenartig, irgendwie prickelnder. Prickelnd geht im Iran aber auch anders: Auf Homosexualität steht hier der Tod – durch Verbrennung.

Der Iran ist ein schönes Land, seine Menschen sind überwältigend nett. Aber keiner möchte, dass man Gesagtes weiter erzählt, aus Angst, andere könnten es gegen sie verwenden. Jeder sammelt hier Informationen gegen Bekannte und sogar gegen Freunde, um sich darüber abzusichern, falls mal etwas kommt. Dann hat man halt auch etwas in der Hand. Das führt dann zu einer Volks beherrschenden (berechtigten) Paranoia darüber, zu viele Informationen über sich weiter zu geben. Das ist dann Normalität.
Der Iran ist wie ein Picknick, ganz nett und gastfreundschaftlic aber dann doch ziemlich langweilig. Wirkte das Kopftuch (Hijab) auf mich anfangs noch wie ein religiöses Zeichen, kommt es mir jetzt, nach zwei Wochen, eher so vor, wie jedermanns persönlicher Knast.
Das ist bitter.
Der Iran ist ein schönes Land, wenn man nach drei Wochen weiter fahren kann. Das ist dann meine Realität.

Diese Reihe von beklemmenden Umständen wird dann aber doch gelegentlich konterkariert. Zum Beispiel von der extrem hohen Frauenbildungsquote, die selbst nach Sturz des Schahs und nach Errichtung der Islamischen Republik noch einmal stark angestiegen ist. Sie ist heute eine der höchsten der Welt. Grundsätzlich ist zu sagen, dass die meisten Iraner sehr gebildet sind und man sich ständig in sehr reflektierten Gesprächen wiederfindet, deren Inhalte im Gegensatz zum System, oft sehr offen und liberal sind. Diese Menschen leben hier, sie sind Teil dieses Landes und machen es schließlich mit aus. Ich versuche immer beide Seiten zu sehen und das besonders hier, wo diese beiden so unvereinbar scheinen. Dabei ist mir bewusst, dass es schwierig ist, sich eine klare Meinung über dieses Land zu bilden, das im größten Widerspruch in erster Linie zu sich selbst steht.

 

Yazd, 15.Juni

Über Yazd ging es dann weiter nach Teheran. In Yazd, wie immer: Standardprogramm Basar & Moschee checken.
Einmal saßen wir bei Sonnenuntergang in den Türmen der Stille, das war ein toller Moment. Während die Sonne über der Wüste untergeht, zu wissen, dass an genau diesem Ort für Jahrhunderte, ja gar Jahrtausende, die Luftbestattungen der Zoroastrier, der ältesten Religion Irans, stattgefunden haben. Dieser Moment mit der leichten Brise, dem weiten Blick und der sich immer rötlicher verfärbenden Wüstenlandschaft, eingebettet in eine fast absolute Stille, war schon sehr bewegend. Solche Momente hat man für sich, und man hat sie ein Leben lang. Das ist doch ein schöner Gedanke.

Da wir mittlerweile glauben, genug zu haben vom Süden Irans – immer nur Moschee, Basar & Wüste – wollen wir jetzt in den Norden, mal etwas anderes sehen. Mit Zelt und allem: etwas Hiking. Für die geplanten Tage in den Bergen haben wir uns schon einen Teil der Ausrüstung ab Teheran organisiert, und so geht es jetz von Yazd aus mit dem Schlafzug erst einmal in die Hauptstadt. Wir sind wieder bei Freunden, diesmal bei einem Freund Amons einquartiert worden und werden dort eine Nacht bleiben, bevor es übermorgen in Richtung Berge geht.
Obwohl Janina und ich nicht verheiratet sind, bekommen wir im Zug, nach einigem Hin und Her dann schließlich doch unser eigenes Abteil. Ich werde vom Schaffner aus dem Frauenabteil geworfen, denn normaler eise werden im Iran die Sittenregeln sehr ernst genommen. Dementsprechend verblüfft bin ich, als eben dieser Schaffner, der mich auch aus dem Frauenabteil geworfen hat, uns jetzt ein eigenes Abteil organisiert hat und mir mit einem Zwicker in die Wange zu verstehen gibt, dass nun alles in Ordnung sei.

 

Teheran – 11.06.2015

Die letzten Tage haben wir dafür genutzt, einen Schlafsack, eine Jacke für Janina und ein Zelt für uns beide zu organisieren. Unsere ersten Gastgeber aus Teheran stellen uns natürlich alles gern zu Verfügung und so nutzen wir den restlichen Tag in Teheran nur noch für ein paar Erledigungen. Wir bereiten uns auf unseren morgigen Aufbruch ins Alamut Tal im Elburs-Gebirge vor, wo wir drei Tage wandern wollen. Von Garmaroud aus  wollen wir über den 3200 Meter hohen Salambar-Pass bis hin nach Yuj und dann immer weiter in Richtung der Schwarzmeerküste nach Norden, wo wir uns anschließend mit Amon treffen wollen, um zwei Tage in einem Haus seiner Familie am Schwarzen Meer zu verbringen.

Es ist Mittwoch, der iranische Freitag also und abends findet bei unserem neuen Gastgeber eine Geburtstagsfeier statt. Alle Iraner erweisen sich einmal mehr als weltoffen und als unglaublich lebensbejahend und mit ein wenig Alkohol, etwas Gras und einem Bein im Knast wird der Abend dann auch noch ziemlich lustig. Als Janina und ich um zwei Uhr  ins Bett gehen, um am nächsten Tag einigermaßen fit zu sein, steht jeder einzelne Gast noch einmal vom Boden auf und die Verabschiedung der 20 Gäste zieht ihre Kreise.

 

12.Juni

Amon hat mal wieder Angst um uns. Deshalb und nicht zuletzt weil er einfach hilfsbereit ist, fährt er uns netter Weise die zwei Stunden von Tehran bis nach Quazvin, von wo aus wir ein Taxi in die Berge nehmen wollen. Überhaupt findet er, wir seien ziemlich gestört, was laufen wir bitte alleine durchs Gebirge? Dort sei es kalt, wir hätten keinen Führer und überhaupt, überall seien Tiere. Trotz seiner mehrmaligen Versuche, uns das Ganze auszureden, sitzen wir nun zwei Stunden später in unserem Taxi und gurken mit unserem permanent singenden, tanzenden und gleichzeitig freihändig Auto fahrenden Taxifahrer die Serpentinen hinab. Die Fahrt durch das Alamut-Ta bis ins letzte kleine Dörfchen namens Garmaroud dauert 3 Stunden. Wir machen auf dem Weg noch ein paar Zwischenstopps. Einen davon bei der örtlichen Rot-Halbmond Wache, wo wir zu einem kurzen Volleyballspiel in ihrer Wagenhalle aufgefordert werden. Und weiter gehts!
Iran beautiful! Germany beautiful! Der Taxifahrer hat ein Rad ab und wir ziemlich gute Laune, als wir in der frühen Abendsonne in dem kleinen Dorf ankommen.

 

 

Über Janinas Lonely Planet und über den flippigen Taxifahrer wissen wir, wo wir in Garmaroud ein Zimmer bekommen können. Nachdem wir beim Krämerladen des Dorfes nach einem Zimmer gefragt haben, sitzen wir nun auf einer Anhöhe und schauen uns den Sonnenuntergang an. Im Innenhof des Hauses unseres Gastgebers steht ein großer vollbeladener Kirschbaum, den wir noch gierig plündern, bevor wir schließlich die Lampen aus machen. Wir sind gespannt, morgen geht es ab in die Berge!

Elburz-Gebirge, 13. Juni

Nachdem wir unsere Rucksäcke gepackt und gefrühstückt haben, verlassen wir um 8 Uhr Garmaroud über eine Brücke und folgen einer kleinen Straße. Obwohl es noch recht früh  und die Sonne gerade erst aufgegangen ist, müssen wir aber schnell die Klamotten wechseln und uns etwas Luftigeres anziehen. Das ist im Iran ja aber so eine Sache: Ich ziehe also wieder meine lange Peschmerga-Hose an und Janina schlüpft in ihr Burka-light Outfit. Einen halben Tag und etliche Höhenmeter später sind wir am letzten Dorf vor dem zu überwindenden Pass vorbeigezogen. Wir drehen uns noch öfter um und bewundern jedes Mal aufs Neue die weite eindrucksvolle Landschaft und die schneebedeckten Gipfel auf der anderen Seite des Tals .

Das Wetter ist rauer geworden und von Zeit zu Zeit erwischen uns die eisigen Höhenwinde, die vom Bergkamm hinunter ins Tal strömen. Vom Schal bis zur Regenjacke haben wir mittlerweile wegen der Kälte alles angezogen, als irgendwann eine alte verlassenen Karawanserei in Sicht kommt. Sie hüllt sich in dichte Wolken, die bald auch uns umgeben und nichts bleibt mehr übrig von den wärmenden Sonnenstrahlen und dem weiten Blick, den wir vorher noch so genossen haben. Eine gedämpfte Stille tritt ein. Nach zwei Stunden Marsch durch diese unwirkliche, teils schneebedeckte Landschaft, in der sich nur gelegentlich ein Auto durch seine Scheinwerfer angekündigt hat, treten wir nun endlich auf der anderen Seite der Berge aus den Wolken. Die Vegetation hat sich verändert; die kargen Berghänge sind weiten saftigen Weiden gewichen, welche sich in der nebeligen Landschaft an die Berge schmiegen. Überall am Wegesrand sehen wir die unterschiedlichsten Pflanzen: Orchideen, Farne und allerlei unbekannte Blumen, als wir uns, der Schotterpiste folgend, an den Abstieg machen und ziemlich müde die Hänge hinab trotten.
Am frühen Abend finden wir dann auch endlich einen guten, etwas versteckt liegenden Zeltplatz, auf dem wir unser Lager aufschlagen können. Gierig und ausgezehrt von den langen Strapazen fallen wir nur noch über unseren mitgebrachten Proviant her, bevor wir noch im Hellen müde in tiefen Schlaf fallen.

 

Elburz-Gebirge, 14. Juni

Es ist früher Morgen, als wir aufwachen und aus dem Zelt treten. Wir haben fast 12 Stunden geschlafen und die Sonne ist gerade aufgegangen. Unsere Blicke schweifen über die sonnigen Wiesen, an denen vereinzelt ein paar Wolken die grün-grauen Hänge heraufziehen, während Janina und ich uns Zähne putzend angrinsen und das Bild genießen. Ob Frühstück oder Abendessen, es gibt für jeden einen Dose Thunfisch mit Kräckern und dazu iranisches Papierbrot.
Der ganze Tag ist vom Abstieg geprägt. “ Na gut“, denken wir uns, „jetzt sind eben die anderen Muskeln dran“. Die Landschaft wechselt von grünen Weiden hin zu einer kargen, schlammigen Landschaft, bevor das Tal schließlich enger wird und die hohen Felsen zu beiden Seiten nur noch von den sich darauf fest krallenden, riesigen Bäumen überragt werden. Gegen Nachmittag können wir vor Erschöpfung kaum mehr laufen, denn bis auf zwei kleinere Pausen sind wir den ganzen Tag unterwegs gewesen.


Wir beschließen in einen Weg zu einem kleinen Bauernhof einzubiegen, um dort eine Pause zu machen,. Die Familie steht neugierig am Gartenzaun und macht gerade Mittagspause. Schnell werden wir zum Tee eingeladen und in ihre größere mit Teppichen ausgelegte Hütte gebeten. Wir werden der Reihe nach allen vorgestellt, dazu gibt es Brot und ausnahmslos gute, selbst gemachte Kirschmarmelade – die Strapazen sind vergessen.
Aleman! Iran! Aryan! Dustan! – Deutsche und Iraner – Arier, Freunde! Obwohl Janina und ich zu dem Thema eigentlich ein kleinwenig anderer Meinung sind, mag uns das beim Anblick der fröhlichen und erwartungsvollen Gesichter (und nicht zuletzt der Kirschmarmelade, des Tees und des frischen Brotes) nicht mehr so stören. Klar sind wir Arier – und jetzt auch noch Teil der Familie.

Die Familie ist wieder auf den Feldern und nachdem wir uns schweren Herzens, ohne uns verabschieden zu können, von diesen einfachen, aber doch so herzlichen Leuten getrennt haben, laufen wir nun am Abend schon seit Stunden durch ein enges Tal. Wir folgen einem reissenden Gebirgsfluss, der sich auf seinem Weg in Richtung Kaspisches Meer tief in die Landschaft gegraben hat; bei seiner Strömung scheint er dabei keine Mühe zu haben, kleinere Dörfer und ganze Straßenabschnitte mit sich zu reissen. Deswegen wird die urwaldähnliche, wilde Landschaft leider auch mittlerweile durch das ständige Donnern der vorbeifahrenden Baustellentrucks verschandelt, was Janina ziemlich auf die Nerven geht. Zu allem Überfluss, kommt noch, dass es langsam Abend wird, und die steilen Klippen zu beiden Seiten des Tals mit dem Wildwasserfluss in der Mitt es uns scheinbar unmöglich machen, unser Zelt aufzuschlagen.

Was nun folgt, ist wieder einmal zu viel Glück auf einmal.
Am Abend machen wir natürlich doch noch einen Platz für uns aus:  In der Senke eines kleinen Baches an der Seite des Tals können wir unser Zelt aufschlagen. Unter Bäumen und bei stockfinsterer Nacht sitzen wir noch lange am Feuer und verspeisen unseren Proviant, bevor wir am nächsten Morgen weiter marschieren.
Als die Baustelle endlich aufhört und wir mittlerweile auf Asphalt unterwegs sind, ist es gegen Mittag, als wir Madani telefonierend auf einer Brücke stehen sehen. Eigentlich auf der Suche nach dem nächsten Laden und einer Möglichkeit zu telefonieren versuchen wir uns ein wenig mit dem älteren, sehr sympathischen Herren zu unterhalten und werden anschließend von ihm zum Tee eingeladen.

Amon sagt, er könne uns heute leider nicht mehr in Tonekabon, der nächsten Stadt am Kaspischen Meer, abholen und unsere Hoffnung, vielleicht doch einen Tag früher eine anständige Dusche und frische Klamotten zu haben, ist verpufft. Also noch einen Tag zelten. Dann geht es halt erst morgen in die Villa.

Ein wenig später stellt Madani uns seine Frau Ammena vor, die uns zu dem versprochenen Chai nun auch noch ein zauberhaftes Frühstück serviert. Janina und ich sind ziemlich ausgehungert und strahlen beim Anblick der eingemachten Feigenmarmelade und des Schafskäses, die mit dem Brot besser nicht hätten schmecken können. Nachdem Madani uns gegenüber das Angebot einer Dusche dann schließlich das dritte Mal wiederholt hat, nehmen wir auch das sehr dankbar an. Nach drei Tagen durch Schlamm und Berge –  wir müssen toll ausgesehen und gerochen haben!
Janina und ich dürfen ein paar T-Shirts und Unterhosen waschen, bevor wir wieder zusammen auf dem Teppich ihres Hauses sitzen und Tee trinken. Mit Händen und Füßen, ein paar Brocken Persisch, aber doch vor allem durch Janinas Arabischkenntnisse, kriegen wir dann doch noch so etwas wie eine kleine Konversation zustande und es stellt sich heraus, dass der gemeinsame Sohn der beiden Deutsch studiert und nur einen Anruf weit entfernt ist. Mit einem übersetzenden Sohn am anderen Ende der Leitung und viel gegenseitiger Sympathie werden wir von Ammena & Madani dann auch noch eingeladen, die Nacht zu bleiben. Morgen müssten sie sowieso nach Tonekabon und da könnten sie uns doch einfach mitnehmen.
Das liebenswerte Ehepaar zeigt uns mit Freude das Dorf und die Gegend und später gibt es dann gegrillten Lachs zum Abendessen. Den ganzen Abend wird Janina von Madani auf persisch zugelabert und ich muss am Telefon meinen Mann stehen und ein schier endloses Gespräch mit dem Sohn der beiden über Deutschland führen.
Wenn es an diesem Abend auch teilweise sehr anstrengend war, die beiden zu verstehen und die Sprach-barriere Madanis Redefluss in keinster Weise Einhalt geboten hat, sind wir doch von der Herzlichkeit dieser beiden, ach so herzensguten Menschen sehr berührt. Ohne überhaupt nur einer Frage zu stellen, nahmen sie uns als Fremde in ihr Haus auf und teilten mit uns, was sie hatten.

Die letzten beiden Tage im Norden verbringen wir gemeinsam mit Amon und zweien seiner Freunde in einem Haus am Kaspischen Meer. Wir schauen uns die Gegend an und an beiden Abenden gibt es iranischen Kebab vom Holzkohlegrill, bevor Janina dann am 19. und ich am 20. Juli in Teheran in unsere Flieger steigen und das Land in entgegengesetzte Richtungen verlassen.

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Ich glaube, ich spreche für beide von uns, wenn ich sage, dass die Freundlichkeit und die Gastfreundschaft, die uns im Iran entgegen gebracht wurde, mich und Janina mehr als einmal sprachlos gemacht haben: Seien es die etlichen Einladungen zum Tee, die wir jeden Tag aufs Neue auf der Straße ablehnen mussten, sei es das uns entgegen gebrachte Interesse oder einfach die simple Tatsache, dass wir auf unserer gesamten drei-wöchigen Reise bloß zwei Nächte in Hotels schlafen mussten. Ich fühle mich diesen Menschen nun in einer Weise verbunden, wie ich es noch auf keiner meiner Reisen erleben konnte. Wir haben Freunde gefunden, Kultur erlebt, uns selber gehabt. Am Ende bleibt eine Zahl: 350 Euro.
350 Euro – für drei unvergleichliche Wochen, für die ich nicht zuletzt Janina danken möchte, die völlig spontan, einen Tag vor meiner Abreise nach Leipzig bei einem Bier entschieden hat, mit mir dieses Abenteuer zu erleben. Es war perfekt. Danke.

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